EWG-Studie: Lebensgefahr für Gutbier und Hensinger? (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 08.10.2021, 00:50 (vor 419 Tagen) @ H. Lamarr

Was populistisch an der "Pressemitteilung" von Diagnose-Funk ist? Gefühlt alles. Keine Fakten? Nun, da wäre zuerst einmal der reißerische Titel, mit dem der Verfasser der Mitteilung auf Resonanz in den Medien hoffte. Wie bei Diagnose-Funk-"Pressemitteilungen" üblich, blieb diese Resonanz freilich auch diesmal einstimmig aus.

Ohne Wenn & Aber populistisch ist die falsche Behauptung: [...] Sie zeigen mittels standardisierter mathematischer Methoden, dass die Mobilfunkgrenzwerte um den Faktor 200 bis 400 reduziert werden müssen. [...]

Denn im Originaltext (Conclusions) heißt es ganz anders:

The analysis presented here supports a whole-body SAR limit of 2 to 4 mW/kg for adults, an exposure level that is 20- to 40-fold lower than the legally permissible limit of 0.08 W/kg for whole-body SAR under the current U.S. regulations. A ten-fold lower level of 0.2–0.4 mW/kg whole-body SAR may be appropriate for young children. Both technology changes and behavior changes may be necessary to achieve these lower exposure levels. Simple actions, such as keeping the wireless devices farther away from the body, offer an immediate way to decrease RFR exposure for the user.

[Die hier vorgelegte Analyse unterstützt einen Ganzkörper-SAR-Grenzwert von 2 bis 4 mW/kg für Erwachsene, ein Expositionsniveau, das 20- bis 40-mal niedriger ist als der gesetzlich zulässige Grenzwert von 0,08 W/kg für Ganzkörper-SAR nach den geltenden US-Vorschriften. Für Kleinkinder könnte ein zehnmal niedrigerer Wert von 0,2-0,4 mW/kg Ganzkörper-SAR angemessen sein. Um diese niedrigeren Expositionswerte zu erreichen, sind möglicherweise sowohl technische Änderungen als auch Verhaltensänderungen erforderlich. Einfache Maßnahmen, wie strahlende Geräte weiter vom Körper entfernt zu halten, bieten eine unmittelbare Möglichkeit, die HF-Exposition für den Benutzer zu verringern.]

(Preisfrage am Rande: Wieso reden die plötzlich von körpernaher Exposition?)

Wo die Studienautoren noch anständig differenzieren zwischen Erwachsenen und Kleinkindern und zurückhaltend im Konjunktiv schreiben, greift sich Diagnose-Funk, um der Effekthascherei willen, allein die plakativen Kleinkindwerte heraus und tönt im Imperativ. Ich finde das gar nicht kindisch, sondern sehe darin eine gezielte Irreführung, um irrationale Ängste in der Bevölkerung zu schüren.

Lebensgefahr für Gutbier und Hensinger?

Würden die von Uche et al. vorgeschlagenen niedrigeren SAR-Grenzwerte verwirklicht, dürften Erwachsene mit maximal 14 V/m (520 mW/m²) befeldet werden, Kleinkinder mit maximal 4,3 V/m (50 mW/m²). Das liest sich jetzt weitaus weniger dramatisch als bei Diagnose-Funk, ist aber dasselbe – und würde Mobilfunknetzbetreiber in der Schweiz vielleicht glücklich machen. Ich möchte wetten: Hätten die Stuttgarter wirklich begriffen, was sie da bejubeln, wäre ihnen ihre "Pressemitteilung" im Hals stecken geblieben. Denn sie müssen jetzt fürchten, von ihren besten Freunden, den Baubiologen, gelyncht zu werden :-). Beginnt für die doch der Bereich der "extrem auffälligen" Grill-Exposition seit 2003 schon bei 1 mW/m², also bei nur 1/50stel der "neuen" Kleinkindwerte!

Nein, selbstverständlich werden Gutbier und Hensinger nicht gelyncht, sondern von der Branche für ihre angstschürende "Pressemitteilung" eher noch beglückwünscht. Warum? Weil die neuen niedrigeren Grenzwerte noch immer hinreichend unerträglich hoch wären, damit der Branche das Geschäft mit der Angst vor Elektrosmog erhalten bleibt. Dieses Geschäft bliebe mMn aber selbst dann erhalten, würden die Grenzwerte unter 1 mW/m² gesenkt. Dank jahrzehntelanger Desinformation durch organisierte Mobilfunkgegner fürchten sich Menschen nicht vor abstrakten Grenzwerten, sondern vor Funkantennen. Diese können sie sehen und sich, kommen sie ihnen zu nahe, vor ihnen fürchten. Die Beschäftigungsgarantie für Baubiologen besteht nun einfach in der simplen Tatsache, dass je tiefer die Grenzwerte für Ganzkörperbefeldung angesetzt werden, desto mehr Funkanlagen müssen errichtet werden. Egal wie's kommt: Der freundliche Baubiologe von nebenan wird nicht arbeitslos werden. Es sei denn, Funkanlagen sind für Laien als solche nicht mehr erkennbar. Dann wird es eng und Diagnose-Funk muss, um den Angstpegel zu stützen, bebilderte Kataloge herausbringen, die Hinz und Kunz zeigen, welche Erscheinungsformen moderne Funkanlagen haben.

Ende gut, alles gut :wink:

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Baubiologie, Dilettantismus, Irreführung, Populismus, Pressemitteilung, Diagnose:Funk


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