5G-freies Alpenland: Die Risikomatrix des Herrn Schilwat (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 28.02.2021, 14:34 (vor 151 Tagen) @ H. Lamarr

Ein Desinformant im Alpenland (BI 5G Alpenland, an anderer Stelle auch BI 5G-freies Alpenland) verbreitet unsäglichen Stuss über angebliche Risiken des 5G-Mobilfunks, hat aber nicht den Mumm, sich zu seinen Pamphleten zu bekennen.

Die zitierte Textpassage ist nicht ganz richtig, denn ein Mitglied der kritisierten Bürgerinitiative, Eric Schilwat, wagt sich nach vorne.

Etwa 45 Autobahnminuten von Garmisch-Partenkirchen entfernt liegt Geretsried in der Nähe des Starnberger Sees. Dort ist Eric Schilwat in der Ausbildungswerkstatt eines Maschinenbauunternehmens tätig. In einem Video stellt ihn ein Gesinnungsgenosse, ein Waldorflehrer für Physik und Mathematik, etwas näher vor:

Herr Schilwat ist 52 Jahre alt und setzt sich seit zwölf Jahren aktiv mit der Mobilfunkthematik auseinander. In dieser Zeit hat er unzählige Infoveranstaltungen über Gesundheitsgefahren und die persönliche Vorsorge abgehalten und berät darüber, wo die Strahlungsquellen im eigenen Haus sind. Herr Schilwat ist aktives Mitglied der Bürgerinitiative 5G-freies Alpenland und informiert Bürgermeister und Gemeinderäte über die Gefahren von Funktechnik. Herr Schilwat ist Handwerksmeister Werkzeugmacher und hat Führungsverantwortung im Arbeitsschutz seit 25 Jahren. Als Sicherheitsbeauftragter war er zuständig für Arbeitsschutz in der Produktion und in der Lehrlingsausbildung.

Diese Laudatio erstaunt, denn der Fußabdruck von Herrn Schilwat im www ist äußerst flach und bestätigt die verkündeten emsigen Aktivitäten in keiner Weise.

In dem oben verlinkten Video auf der Website der BI Bad Feilnbach (dort ist es das zweite Video) tritt Schilwat allerdings keineswegs als dröger Desinformant auf, der unsäglichen Stuss verbreitet. Er stellt es geschickter an, Laien einzuwickeln und setzt auf einen pseudowissenschaftlichen Auftritt, indem er seine Kenntnisse aus dem Arbeitsschutz einbringt.

Kern von Schilwats Ausführungen ist eine "Risikomatrix", mit der er das Risiko Mobilfunk belegen will. Seine einleitenden Erklärungen über die Funktionsweise dieser Matrix sind allerdings so dürftig, dass Laien meiner Meinung nach mit den grünen, gelben und roten Feldern kaum etwas Vernünftiges anfangen können. Bis auf die diffuse Bestätigung, sogar das Bundesamt für Strahlenschutz räume mit Äußerungen auf seiner Website verdeckt irgendwie ein, Mobilfunk sei für die Bevölkerung ein tödliches Risiko.

In einem anderen ähnlichen Video Schilwats kann man sich seine Behauptungen noch einmal aus seiner Perspektive ansehen.

Vermisst habe ich in beiden Videos, dass auf den Unterschied zwischen Gefahr und Risiko eingegangen wird.

Die Risikomatrix ist keine Erfindung Schilwats, sondern ein Standardinstrument der Risikobeurteilung. Wie sie funktioniert kann man auf Wikipedia nachlesen und dort erfährt man auch, dass diese Matrix wegen diverser Schwächen nicht sonderlich anerkannt ist. Eine dieser Schwächen ist die "sinnvolle" Schätzung der Kategorien. Und daran hapert es auch bei Schilwat, denn seine Schätzungen sind alles andere als sinnvoll.

Beispiel: Um dem BfS unterstellen zu können, es stufe Mobilfunk als lebensbedrohliches Risiko ein, pickt Schilwat sich aus dem Webaufritt des BfS eine Textpassage heraus:

Es gibt Hinweise auf Störungen des Immunsystems, des Hormonhaushalts, Hinweise auf Herz­-Kreislauf­-Erkran­kungen bis hin zu dem Verdacht, dass die Felder des Mobilfunks Krebs auslösen oder eine bereits vorhandene Krebserkrankung verschlimmern könnten.

Schilwat identifiziert in diesem Textfragment mehrere Gesundheitsgefahren, z.B. Krebs. Und aus der Tatsache, dass hierzulande jeder zweite in seinem Leben an Krebs erkrankt, leitet er ab, Mobilfunk in die höchste (dunkelrote) Risikostufe einzuordnen, bei der einem der fast gewisse Tod durch EMF-Einwirkung droht.

Aus meiner Sicht ist Schilwats Vorgehen willkürlich und geradezu grotesk. Denn wenn es auch stimmen mag, dass bei uns jeder zweite in seinem Leben an Krebs erkrankt, so ist die Rolle des Mobilfunks daran höchst ungewiss und es gibt viele Krebsverursacher, die bereits zweifelsfrei für das hohe Krebsrisiko verantwortlich sind. Zudem kümmert es den Referenten nicht, dass Lerchls Studien zur Tumorpromotion durch EMF auf Tierversuchen beruhen, deren Ergebnisse sich nicht 1:1 auf Menschen übertragen lassen.

Und was wäre gewesen, hätte Schilwat sich aus dem Webauftritt des BfS nicht die oben zitierte Textpassage herausgegriffen, weil diese ihm gut in den Kram passt, sondern die folgende?

Auch eine negative Wirkung von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern – und damit auch Mobilfunkstrahlung – auf das Immunsystem ist bislang nicht wissenschaftlich nachgewiesen.

Dann hätte Schilwats Risikobeurteilung mMn anders ausfallen müssen. Eine Risikobewertung, die sich auf willkürlich zusammengesuchte Textfragmente stützt, kann aber nicht seriös sein. Aus gutem Grund sieht deshalb die Wissenschaft ihren Erkenntnisgewinn als kumulativen Prozess, in dem nicht einzelne Studien unverzüglich das Meinungsbild prägen, sondern die Gesamtheit von Studien, die qualitativen Mindeststandards genügen. Dies verlangsamt die Wissenschaft, schützt sie aber vor wilden Zickzackläufen und gibt der Politik verlässliche Entscheidungshilfen. Bei Schilwat habe ich den gegenteiligen Eindruck: Er feuert auf eine Bretterwand und malt nachträglich um die Einschusslöcher konzentrisch die Ringe von Zielscheiben. Volltreffer am laufenden Band sind ihm so garantiert.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Unseriös, Blendwerk, Garmisch-Partenkirchen, Alpenland, Geretsried, Schilwat, Bad Feilnbach


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