Jetzt zwei Baubiologen im Herrenberger Gemeinderat (Allgemein)

Dorfreporter, Sonntag, 13.10.2019, 17:12 (vor 60 Tagen) @ Dorfreporter

Mit Alfred Steinki sitzt jetzt neben Jörn Gutbier ein zweiter Baubiologe im Herrenberger Gemeinderat. Steinki rückte nach, da kurz nach der jüngsten Kommunalwahl im Mai 2019 ein gewählter Grüner auf sein Amt verzichtete. Inwieweit es den beiden gelingen wird, den Rat neu mit Elektrosmog-Ängsten zu infizieren, ist ungewiss, gegenwärtig ist "Elektrosmog" im Herrenberger Politalltag jedenfalls kein Thema mehr, es dominiert grüne Verkehrspolitik. Alle Schulen, alle Rathäuser und Sitzungssäle der Stadt sind mit WLAN ausgestattet, die Stadträte haben soeben neue größere Tablets bekommen, Sitzungs-Unterlagen werden nur noch digital verteilt. Und beim jüngsten Dorffest verkündete der Ortsvorsteher erfreut, allen Festbesuchern stünde jetzt kostenloses WLAN zur Verfügung. Das ist die Realität.

Doch im September 2019 schwor Nachrücker Steinki seine Gemeinde auf das neue Schuljahr ein und vertrat in seiner Kolumne, die auch in der Zeitung erschien, u.a. den Standpunkt ...

Wenn sie [Schülerinnen und Schüler; Anm. "Dorfreporter"] für die Zukunft gut vorbereitet sein sollen, darf das gerne auch digital geschehen. Aber bitte erst ab der 5. Klasse und mit pädagogisch fundiertem Konzept! Das Funken muss dabei nicht mit gesundheitlich fragwürdiger WLAN-Technik gemacht werden, sondern kann bereits heute über Infrarot-Strahlen geschehen.

Klingt kompetent, ist es aber nicht. Denn Herr Steinki weiß offenbar nicht: Bereits vor Jahren hat die Kultusministerkonferenz die Medienbildung für alle Bundesländer verpflichtend auch in den Grundschulen etabliert. So gilt in Ba-Wü seit 2016 ein Bildungsplan, der den Umgang mit digitalen Medien ab der 1. Klasse in allen Grundschulen verpflichtend macht. Spätestens ab der 3. Klasse kommt die Recherche dazu, in Büchern, auf CDs in der Stadtbücherei oder eben – von den Lehrkräften angeleitet – online auf kindgerechten Websites. Vor diesem Hintergrund betrachtet fordert Steinki verbeamtete Grundschul-Lehrkräfte zu nicht gesetzeskonformem Handeln auf – womit er sich als fachlicher Laie zu erkennen gibt. Auch für das von ihm verlangte "pädagogisch fundierte Konzept" hat Ba-Wü sein Landesmedienzentrum bereits neu in Stellung gebracht. Das geforderte Konzept müssen daher weder Lehrkräfte noch Dorf-Grüne neu erfinden, seit 2016 hat es jede Lehrkraft als persönliches Exemplar auf dem Schreibtisch liegen ...

Was die Datenübertragung mit Infrarotstrahlen anstelle von Funkwellen anbelangt, stellt sich ebenfalls die Frage nach Steinkis Fachkompetenz. Denn die u.a. von seinem Kollegen Gutbier propagierte VLC-Technik (Visible Light Communication) besagt schon von der Namensgebung her, dass hier mit sichtbarem weißen Licht von Deckenlampen gearbeitet wird. Infrarot ist lediglich eine Idee für den Rückkanal bei bidirektionaler Übertragung. VLC ist keine Schnapsidee, sondern für Nischenmärkte (z.B. abhörsichere drahtlose Datenübertragung) eine technische Alternative zur Übertragung mit Funkwellen. Wegen systembedingter Schwächen (siehe Hintergrund) ist diese Technik jedoch kein Ersatz für die Datenübertragung mit Funkwellen, sondern bestenfalls eine Ergänzung. Auch das Fraunhofer-Institut, das mit seiner VLC-Entwicklung technisch randständige Mobilfunkgegner begeistert und zu unqualifizierten Anwendungsideen inspiriert, sieht dies so. Elektrosmog-Phobie ist für das Forschungsinstitut jedenfalls kein Grund gewesen, VLC zu entwickeln, als Marketinghelfer sind ungebetene VLC-Befürworter ihm insgeheim aber willkommen.

Das Wunschdenken des Herrn Steinki zeigt sich auch nicht im Angebot der Schulausstatter. So bietet die Firma CoTec in Rosenheim, starker Partner der Schulen, die üblichen Tablets mit WLAN an, nicht aber Alternativen mit Licht. Fehlanzeige auch bei anderen Anbietern.

Als Baubiologen profitieren Steinki und Gutbier von einer tunlichst unendlichen Debatte über mögliche und unmögliche Risiken der Funktechnik. Dieses kommerzielle Interesse erklärt schlüssig das beständige Sticheln der beiden. Zur Tragödie von Herrenberg hochspielen muss man das jedoch nicht. Da aber ausgerechnet Herr Steinki in seiner Kolumne auch von "achtsamen und respektvollen Umgang miteinander" spricht, sei beiläufig noch an Zeiten erinnert, in denen sein Umgangston mit Meinungsgegnern ein ganz anderer war. Da es Steinkis alte Website nicht mehr gibt, zeugt heute nur noch das Webarchiv von seinem damaligen "achtsamen und respektvollen Umgang miteinander". Seine Sprache hat sich sichtbar zum Besseren geändert. Bravo! Ob dies auch beim Denken der Fall ist? Sein Handeln wird uns darüber künftig vielleicht Auskunft geben.

Hintergrund
VLC statt WLAN: energetischer Nonsense
Was gegen VLC spricht ...
Fraunhofer mottet VLC ein


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