Grüner spürt nichts, ist aber gegen Lockerung der Grenzwerte (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Montag, 11.09.2017, 13:46 (vor 1370 Tagen) @ H. Lamarr

Nun aber schlägt Philippe Horisberger, stellvertretender Direktor des Bundesamts für Kommunikation (Bakom), Alarm und fordert: „Wenn die Schweiz mit der Digitalisierung und dem Ausland Schritt halten und 5G einführen möchte, muss sie Abstriche beim Strahlenschutz hinnehmen.“

Balthasar Glättli ist in der Schweiz Grünen-Fraktionschef. Am 7. September gab er der Aargauer Zeitung ein Interview (Grünen-Fraktionschef Balthasar Glättli: «Ich persönlich spüre Handystrahlung nicht»), nachfolgen daraus ein Auszug:

Fürchten Sie sich vor Handystrahlung, dass Sie auf das Fixtelefon zurückgreifen, Herr Glättli?
Balthasar Glättli: Nein, ich persönlich spüre Handystrahlung nicht. Zudem bezweifle ich, dass mein Körper gerade weniger hohen Strahlungswerten ausgesetzt ist. Denn in meiner unmittelbaren Nähe stehen zwei Internet-Router, das Handy lädt vor mir auf dem Tisch. Zudem ist das Funktelefon, das ich nutze, schon ein älteres Modell, das sicher nicht mit niedrigen Strahlungswerten glänzt.

Ihre Ablehnung einer Lockerung der Strahlenschutzbestimmungen hat aber trotzdem mit den möglichen Folgen von Handystrahlung auf die Gesundheit zu tun, nehme ich an.
Ja, denn eine gesundheitliche Beeinträchtigung lässt sich heute wissenschaftlich nicht mit genügender Sicherheit ausschliessen. Zudem gibt es eine grosse Zahl von Menschen, die angeben, strahlungssensibel oder gar strahlungsgeschädigt zu sein. Ihre Leiden müssen wir ernst nehmen. Ich habe im Parlament gegen laschere Grenzwerte gestimmt, weil ich überzeugt bin, dass es zwischen technologischem Fortschritt und Gesundheit eine Balance braucht.

Wie kann die Schweiz diesen Balanceakt meistern?
Indem sie wissenschaftliche Abklärungen vornimmt, inwiefern die Einführung von 5G oder die Erhöhung der Strahlung sich tatsächlich auf die Gesundheit auswirken.

Kommentar: Das Interview macht aus meiner Sicht deutlich, Herr Glättli lässt beträchliche Kenntnislücken erkennen und betreibt in der Sache Politik vom Hörensagen. Wie kommt er z.B. darauf zu sagen, es gäbe "eine grosse Zahl von Menschen" die angäben, strahlungssensibel oder gar strahlungsgeschädigt zu sein? Er gibt damit zu erkennen, auf die Desinformation organisierter Mobilfunkgegner hereingefallen zu sein, denn tatsächlich gibt es eben NICHT viele Strahlenphobiker. Dies belegt nachdrücklich ein Pilotprojekt der AefU, die ihrerseits nicht gerade als Freunde des Mobilfunks zu sehen sind: Innerhalb von 30 Monaten meldeten sich bei den Ärzten des Projekts bescheidene 155 Personen, die glaubten, unter Elektrosmog zu leiden. Und ich behaupte, bei keiner einzigen dieser Personen gelang eine Objektivierung in dem Sinne, dass ein Kausalzusammenhang zwischen EMF-Immission und Beschwerden gefunden werden konnte. Ich kann das leicht behaupten, da dies bislang weltweit kein einziges mal gelang.

Hätte Herr Glättli etwas anderes gesagt, wenn er dies gewusst hätte, wenn er ahnte, dass die sogenannte Mobilfunkdebatte eine schlau eingefädelte Inszenierung ist? Ich weiß es nicht. Ich finde es aber nicht in Ordnung, wenn in einer wichtigen Sache, wie es die Lockerung der Anlagegrenzwerte nun einmal ist, Parlamentarier anscheinend nicht faktengestützt entscheiden, sondern ihrem Bauch vertrauen. Vielleicht wurde Herr Glättli auch nur von der Masse an Information und Desinformation erschlagen, die über einen hereinbricht, wenn man sich in kürzester Zeit ein zutreffendes Bild von einem Sachstand machen muss. Dann wird vermutlich wie wild recherchiert und irgendwann die Bilanz der Argumente gezogen, ohne Rücksicht darauf, ob ein Argument von einem Außenseiter kommt, von einem Spinner oder von einem anerkannten Experten – denn diese Randinformation fehlt in den meisten Fällen.

Gerichte kennen dieses Problem, wenn sich Gutachter gegenseitig widerlegen. Deshalb haben die USA ein interessantes Verfahren ersonnen (Daubert-Standard), um aus dem Gewirr der Stellungnahmen diejenigen Gutachter herauszusieben, denen man am ehesten trauen kann. Der Daubert-Standard eliminiert eine eklatante Schwäche des zuvor in USA verbreiteten Freye-Standards. Was genau ich damit meine kann wer mag <hier> nachlesen. Die Kernaussage dort lautet: Wer glaubt es genüge, je einen oder je zwei Experten aus zwei konträren Lagern zu einer Anhörung zu laden, um so auf faire Weise der Wahrheit näher zu kommen, der begeht einen kapitalen Fehler.

Herr Glättli unterdrückt seine eigene Erfahrung mit EMF und glaubt was ihm zugetragen wird. Was mir bei dieser Konstellation bei ihm fehlt, ist gesundes Misstrauen gegenüber den Zuträgern. So ist mir nicht bekannt, dass die AefU jemals von politischer oder behördlicher Seite aufgefordert wurden, ihre Zahlen, die sie im Rahmen des UMBN seit 2011 gesammelt haben, offen zu legen. Die Ärzte sitzen auf diesen Zahlen und lassen die Öffentlichkeit im Unklaren. Allein aus dem Umstand, dass die Ärzte aus den Zahlen bislang kein Kapital für ihre alarmistische Haltung gegenüber EMF geschlagen haben, mutmaße ich, dass die Zahlen nicht sonderlich eindrucksvoll sind und Herrn Glättli eines Besseren belehren könnten was "eine grosse Zahl von Menschen" angeht – wären sie nur verfügbar. Ich halte die UMBN-Projektleiterin Frau Dr. med. E. Steiner, obwohl Mitglied der AefU, für so rechtschaffen, dass ich ihren Zahlen trauen würde. Anderen organisierten Mobilfunkgegnern darf man meiner Erfahrung nach keinen Millimeter über den Weg trauen, schon gar nicht, wenn verdeckte materielle/immaterielle Interessen im Spiel sind.

Hintergrund
Verein für Elektrosensible, München: Mitgliederentwicklung

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Politik, Die Grünen, Elektrochonder, Populismus, Außenseiter, AefU, Freye-Standard


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