Mit »Aufklärungsfilmen« die öffentliche Meinung modellieren (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 24.04.2016, 11:25 (vor 1326 Tagen) @ H. Lamarr

Oscar-Preisträger und Filmfestgründer Robert De Niro (72) hat einen umstrittenen Dokumentarfilm über Impfungen und Autismus aus dem Programm des Tribeca-Filmfests gestrichen.

Der Vorfall wurde in "Der Spiegel", Heft 15/2016 unter der Dachzeile "Scharlatane" thematisiert. Das Nachrichtenmagazin befragte Cornelia Betsch, 37, Psychologin an der Universität Erfurt, über den Film "Vaxxed" des britischen Impfgegners Andrew Wakefield, der nach Protesten wieder aus dem Programm des New Yorker Tribeca-Filmfestivals genommen wurde. Das Interview macht einmal mehr deutlich: Professionelle Panikmacher, egal ob Impfgegner oder Mobilfunkgegner, greifen stets auf dieselben Tricks zurück. Kennt man diese, ist man vor den Desinformanten, die zunehmend mit "Aufklärungsfilmen" in die Medien und ins Kino drängen, weitgehend sicher.

SPIEGEL: 1998 wollte Wakefield zeigen, dass die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln zu Autismus führen kann. Doch seine Studie enthielt Fälschungen. Warum glauben trotzdem so viele Menschen daran?
Betsch: Solche Mythen halten sich leider hartnäckig. Die Medien haben zwar korrekt berichtet, dass die Studie zurückgezogen werden musste und dass Wakefield seine Zulassung als Arzt verlor — dennoch ist es ihm gelungen, Misstrauen zu schüren.

SPIEGEL: Nun bringt Wakefield seine Theorie im Film wieder ins Gespräch. Welche Folgen hat das?
Betsch: Der Film wird mit großer Wahrscheinlichkeit Schaden anrichten. Nach 1998 ist die Impfquote in England auf bis zu 80 Prozent gesunken — was dazu führte, dass allein die Masernfälle zeitweise auf fast 2000 pro Jahr anstiegen. Es dauerte fast 15 Jahre, bis sich die Impfquote wieder einigermaßen normalisierte.

SPIEGEL: Wie kann jemand nach der betrügerischen Vorgeschichte dem Film noch Glauben schenken?
Betsch: „Vaxxed“ setzt auf die bewährten Methoden der Impfgegner. In dem Film sind viele leidende Kinder zu sehen, dem Zuschauer wird massiv Angst gemacht. Dazu treten selbsternannte Experten auf. Wer uninformiert ist, kann sich dieser Propaganda nur schwer entziehen.

SPIEGEL: Der Film versucht, den zeitlichen Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Auftreten von Autismus als ursächlich darzustellen.
Betsch: Das ist ein beliebter Trick. Meist ist ein zeitlicher Zusammenhang aber reiner Zufall. Es gibt zum Beispiel eine Korrelation zwischen der Zahl der Menschen, die in einem Schwimmbad ertrinken, und der Zahl der Filme, in denen Nicolas Cage mitspielt. Nun zu behaupten, das eine habe mit dem anderen zu tun, ist genauso abwegig wie zu sagen, Impfungen würden Autismus auslösen. (vh)

Hintergrund
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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Scharlatanerie, Desinformation, Autismus, Verhalten, Gruppenzwang, Wahrscheinlichkeit, Verhaltensänderung, Impfung


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