Wissenschaftliche Kontroverse um NTP-Studie (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 20.09.2018, 15:59 (vor 418 Tagen)

Die Ratten- und Mäusestudie des NTP (National Toxicology Program der USA) hat zu einer wissenschaftlichen Kontroverse geführt. Dies ist positiv zu werten, denn fachlich fundierte Auseinandersetzungen gehören zur Wissenschaft wie die Butter zum Brot.

2016: NTP-Studie erreicht mit Zwischenbericht erstmals die Öffentlichkeit

Mit einem Zwischenbericht über die Ergebnisse der NTP-Studie entbrannte im Mai 2016 die schon am versiegen gewesene öffentliche Diskussion um Risiken der Mobilfunktechnik aufs Neue. Mobilfunkgegnern jubelten, denn der Bericht besagte, Ratten entwickelten unter GSM- und UMTS-Befeldung mit statistischer Signifikanz Tumoren im Gehirn und im Herz der Versuchstiere. Der US-Informationsdienst Microwave News meinte damals "The cell phone cancer controversy will never be the same again." Doch schon bald meldeten sich zweifelnde Stimmen, denn die Studienergebnisse waren stellenweise rätselhaft, so erwiesen sich männliche Ratten gegenüber EMF-Einwirkung viel anfälliger als weibliche, Mäuse reagierten völlig anders als Ratten und exponierte Tiere lebten länger als nicht-exponierte Tiere der Kontrollgruppe. Als alles gesagt und geschrieben war glätteten sich die Wogen und die NTP-Studie verschwand aus dem Blickpunkt des Interesses, schließlich handelte es sich nur um einen Zwischenbericht aus den NTP-Labors und nicht um eine Veröffentlichung in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift.

2018: Endberichte der NTP-Studie

Erst im Februar 2018 legte das NTP nach und veröffentlichte die beiden Endberichte über seine Ratten- und Mäusestudie. Zur Enttäuschung von Mobilfunkgegnern fielen diese Endberichte weitaus weniger dramatisch aus als der Zwischenbericht. Microwave News sprach von einer Kehrtwende, als das NTP anlässlich einer Pressekonferenz verlauten ließ, der Gebrauch von Mobiltelefonen sei "Not a High-Risk Situation".

2018: Peer-Review-Panel bewertet NTP-Studie

Das NTP veröffentlichte die internen Endberichte zu dem Zweck, dass über die Ergebnisse eine wissenschaftliche Pro & Kontra-Diskussion geführt werde, die es dem NTP ermöglicht, qualitativ hochwertige wissenschaftliche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften vorzubereiten. Begleitend zu der öffentlichen Diskussion lud Ende März 2018 das NTP 14 Wissenschaftler, darunter zwei Deutsche, zu einem drei Tage dauernden Peer-Review-Treffen ein. Mit dabei war James Lin, ein emeritierter Wissenschaftler und ehemals langjähriges Mitglied der ICNIRP. Lin berichtet in einem 5-seitigen Artikel in der September/Oktober-Ausgabe des IEEE Microwave Magazine über das Treffen. Bereits der Titel "Clear Evidence of Cell-Phone RF Radiation Cancer Risk" macht deutlich, was einen erwartet. Lin äußert begründete Zweifel an der Sicherheit von Mobiltelefonen bei langjähriger Gerätenutzung und meint, vielleicht sei es jetzt an der Zeit, die Teilkörpergrenzwerte für Mobiltelefone (1,6 W/kg in den USA, 2,0 W/kg in Europa) sorgfältig neu zu bewerten, zu überarbeiten und zu aktualisieren. Lin widerspricht damit dem NTP klar und deutlich. Wie die 14 Wissenschaftler der Peer-Review-Gruppe zu konkreten Bewertungspunkten der NTP-Studie abgestimmt haben, das lässt sich <hier> erforschen. Die Mehrheiten waren in aller Regel groß. Einen zusammenfassenden Bericht über das Treffen der Gruppe hat das NTP auf seiner Website veröffentlicht.

2018: ICIRP wertet NTP-Studie ab

ICNIRP hingegen ist nicht auf der Linie von Lin, sondern geht noch über die verhalten entwarnende Wertung des NTP hinaus und sieht in einem am 4. September veröffentlichten 8-seitigen Kommentar, der sich weitgehend mit der NTP-Studie beschäftigt, keine widerspruchsfreien, verlässlichen und verallgemeinerbaren Beweggründe, aufgrund der NTP-Studie an den geltenden ICNIRP-Expositionsrichtlinien etwas zu ändern.

2018: Ron Melnick widerspricht ICNIRP

Die Abwertung der NTP-Studie durch ICNIRP hat wiederum Ron Melnick auf den Plan gerufen, einen ebenfalls emeritierten US-Wissenschaftler, der zu seiner aktiven Zeit maßgebend an der Ausarbeitung des NTP-Studiendesigns mitgewirkt hat. In einer scharfen Entgegnung tadelt Melnick die Abwertung durch ICNIRP als falsch und irreführend und zerpflückt deren Stellungnahme mit 15 Kritikpunkten. Anders als Lin, dem als Ex-ICNIRP-Mitglied keinerlei Nähe zu organisierten Mobilfunkgegnern nachgesagt werden kann, ist Melnick nach seiner Verrentung in der Anti-Mobilfunk-Szene der USA aktiv geworden.

Ziel der Kritiker: Eingruppierung in Krebsgruppe 2A

Aller Voraussicht nach wird die Kontroverse um die NTP-Studie noch geraume Zeit andauern und mit jeder Veröffentlichung aus den NTP-Laboren in wissenschaftlichen Journalen neue Nahrung bekommen. Üblicherweise führen Großstudien wie die NTP-Studie zu einer ganzen Serie von Veröffentlichungen. Fernziel der Kritiker ist eine Revision der Eingruppierung durch die IARC (Krebagentur der WHO), der zufolge (körpernah einwirkende) Mobilfunkstrahlung von der gegenwärtigen Einstufung in Krebsgruppe 2B (möglicherweise krebserregend) in die Gruppe 2A (wahrscheinlich krebserregend) hoch gestuft wird.

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ICNIRP, IARC, Risiko, Ziel, Klassifizierung, Signifikanz, USA, NTP-Studie, Entwarnung, Endbericht, Melnick

Wissenschaftliche Kontroverse um NTP-Studie (II)

H. Lamarr @, München, Freitag, 21.09.2018, 23:32 (vor 417 Tagen) @ H. Lamarr

2018: Ron Melnick entgegnet Kritikern der NTP-Studie

Mit Ron Melnick Schritt zu halten ist nicht ganz einfach, denn der, wenn ich das mal etwas überzogen so nennen darf "geistige Vater der NTP-Studie" hat schon wieder zugeschlagen. Diesmal mit einem langen Kommentar, der erst im Januar 2019 in "Environmental Research" erscheinen wird, bereits jetzt aber online im Volltext zu lesen ist:

Commentary on the utility of the National Toxicology Program study on cell phone radiofrequency radiation data for assessing human health risks despite unfounded criticisms aimed at minimizing the findings of adverse health effects

Melnick geht in seinem Kommentar unter anderem auf seiner Einschätzung nach ungerechtfertigte Kritikpunkte an der NTP-Studie ein und beruft sich zur Verteidigung u.a. auf Alexander Lerchls Tumorpromotionsstudie von 2015, die jüngere von 2018 scheint er noch nicht zu kennen.

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DNA-Schäden, Lerchl, Tumorpromotion, Melnick

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