Faktencheck: Können Smartphones Grauen Star verursachen? (III) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 21.04.2023, 20:30 (vor 400 Tagen) @ H. Lamarr

Hans-Walter Roth hat es sich mit seinem Patientenbericht ziemlich leicht gemacht, denn er hat lediglich nach Belegen für seine Hypothese gesucht und sich mit 16 Belegen zufrieden gegeben. Doch was sind schon 16 Fälle, wenn allein in Deutschland jährlich 550'000 Katarakt-Operationen durchgeführt werden (Quelle)? Ob es plausibel ist, dass intensiver Gebrauch von Mobiltelefonen Grauen Star auslöst, darum hat er sich ebenso wenig gekümmert wie um ein Wirkmodell, mit dem er seine Beobachtung hätte stützen können. Fehlanzeige auch, hält man in dem Patientenbericht nach typischen Confoundern (Störgrößen) für Grauen Star Ausschau. Roth fragte seine Patienten nicht nach Diabetes mellitus, nach Nebenwirkungen bestimmter Medikamente wie Kortison oder nach dem Zigarettenkonsum. Hätte er mal tun sollen. Denn wer mindestens 15 Zigaretten täglich raucht, hat Augenärzten zufolge gegenüber lebenslangen Nichtrauchern ein um etwa 40 Prozent höheres Risiko für Grauen Star (Quelle).

Nein, Smartphones können keinen Grauen Star verursachen!

Der Augenarzt greift eine alte Sorge auf, die in der Jungsteinzeit des Massenfunks grassierte und daher schon früh Wissenschaftler beschäftigte. J. A. Elder lieferte 2003 eine Review ab. Auszüge daraus:

[...] Katarakte wurden bei Versuchstieren beobachtet, wenn ein Auge einem lokalisierten, sehr starken HF-Feld ausgesetzt war und das andere Auge als Kontrolle diente. Die Ergebnisse zeigen, dass 2450-MHz-Exposition über mindestens 30 Minuten hinweg ab SAR-Werten von mindestens 150 W/kg (bewirkt Temperaturen von über 41 °C in oder nahe der Linse), Katarakte im Kaninchenauge verursachen. Bei Affenaugen, das ähnlichen Expositionsbedingungen ausgesetzt waren, wurden jedoch keine Katarakte beobachtet, was die unterschiedlichen Verteilungsmuster der Energieabsorption (SAR) widerspiegelt, die auf unterschiedliche Kopfstrukturen der Versuchstiere zurückzuführen sind. Da der Affenkopf eine ähnliche Struktur wie der menschliche Kopf aufweist, hat die Studie gezeigt, dass die Werte der einfallenden Leistungsdichte, die bei Kaninchen und anderen Labortieren Katarakte verursachen, nicht direkt auf Primaten, einschließlich Menschen, übertragen werden können. [...] eine Langzeitexposition von Kaninchen (23 h/Tag, 6 Monate) bei 17 W/kg im Kaninchenkopf führte jedoch nicht zu Katarakten oder anderen Auswirkungen auf die Augen. Eine Langzeituntersuchung (1-4 Jahre) an Affen, die hohen SAR-Werten ausgesetzt waren (20 und 40 W/kg im Gesicht), ergab keine Katarakte oder andere Auswirkungen auf die Augen oder eine Veränderung des Sehvermögens. Die Ergebnisse dieser Langzeitstudien untermauern die Schlussfolgerung, dass klinisch bedeutsame Auswirkungen auf die Augen, einschließlich Katarakte, bei Menschen, die über längere Zeiträume schwacher HF-Energie ausgesetzt sind, nicht bestätigt wurden. [...]

Zum Vergleich: Mobiltelefone dürfen im Kopf eines Benutzers eine Absorption von maximal 2 W/kg bewirken, üblicherweise ist die Absorption deutlich geringer. Die 2 W/kg würden auf die Linse einwirken, drückte sich ein Benutzer sein Mobiltelefon bei voller HF-Leistungsabgabe mit der Rückseite, dort befinden sich meist die Antennen, fest aufs Auge. Da dies nur selten der Fall sein dürfte, darf angenommen werden, dass bei bestimmungsgemäßen Gebrauch eines Mobiltelefons die Linse wesentlich kleineren SAR-Werten als 2 W/kg ausgesetzt ist. Geizen wir nicht und nehmen 0,5 W/kg an, liegen gemäß Elder zwischen dieser Exposition und dem möglichen Beginn des Gefahrenbereichs riesige Sicherheitsfaktoren von 80 bis 300. Stark sicherheitskritische mechanische Bauteile wie die Seile von Aufzügen begnügen sich mit Sicherheitsfaktor 10.

Aus alledem wird ersichtlich, für verständige Menschen gibt es keinen Grund anzunehmen, Mobiltelefone könnten Grauen Star verursachen. Gegen den Verdacht, lang andauernde schwache Exposition könnte geringe Linsentrübungen über viele Jahre hinweg bis zur gesundheitlichen Relevanz kumulieren, spricht der Hühnerei-Vergleich: Nein, ein Ei wird auch dann nicht hart, lässt man es nur lange genug bei 20 °C Raumtemperatur liegen. So wundert es nicht, dass die Forschung in Bezug auf Grauen Star infolge HF-EMF-Einwirkung seit 2016 zum Erliegen gekommen ist.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Grauer Star, Faktencheck, Kargo-Kult, Roth


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