Blut-Hirn-Schranke: schlaue Alzheimer-Nonnen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 11.02.2022, 13:11 (vor 182 Tagen) @ Schutti2

Jeder Laie wird bestätigen, dass die "alten Bilder" irgendwie schöner sind. Hier wird die gefühlte Wahrheit doch mehr klar.

Um die Tragweite des Befunds zu untermalen beschrieb Salford die Flecken im Hirn der befeldeten Ratten als "dunkle Neuronen". Allein schon dieser Begriff kann mMn ängstlichen Personen kalte Schauer des Grauens über den Rücken jagen und z.B. einen braven Ex-Elektriker in einen wild gewordenen Mobilfunkgegner verwandeln :-).

Aber: Niemand weiß verbindlich, welche gesundheitliche Bedeutung dem Neuronen-Fleckenteppich im Hirn von Ratten zukommt. In seiner 2003er-Studie schreibt Salford zwar einleitend, man habe während des Experiments täglich auch das Verhalten der Tiere auf Abnormalitäten hin beobachtet, über das Ergebnis dieser Beobachtung gibt er jedoch keine Auskunft. Dies deutet darauf hin, Spektakuläres ist nicht passiert. Das Schweizer Bafu geht in Bezug auf die Studien Salfords noch einen Schritt weiter und misst laut EMF-Portal den Ergebnissen keine gesundheitliche Bedeutung bei. Salford selbst sieht dies anders, kommt aber über Vermutungen nicht hinaus. So schrieb er 2003, eine ganze Generation könnte nach jahrzehntelangem Handygebrauch unter schädlichen Folgen leiden. Möglicherweise schon in mittleren Jahren. Welche Folgen er sieht lässt er offen, an anderer Stelle hegt er jedoch den Verdacht auf schwere neurologische Störungen. Bei Diagnose-Funk liest sich dies anders. Ganz die gewohnt populistische Drama-Queen erhebt der Verein Salfords Mutmaßungen ungeniert in den Rang von Tatsachen:

[...] Die Ergebnisse von Salford haben gerade aktuell, wo Smartphones und WLAN als Lernmittel an Schulen eingeführt werden, eine zentrale Bedeutung. Denn sie beweisen: Das Gehirn wird durch Mikrowellenstrahlung geschädigt. [...]

Bei Populisten ist alles stets schön einfach und intellektuell anspruchslos für die Massenfütterung von "Stopfgänsen" optimiert. Für lästige Grauschattierungen ist da kein Platz. Doch was z.B. Alzheimer anbelangt, so hat eine Studie an amerikanischen Nonnen eindrucksvoll gezeigt, dass Alzheimer-Patienten im fortgeschrittenen Stadium nicht zwingend zu hilflosen Zombies werden müssen. Denn die Obduktion verstorbener Alzheimer-Studienteilnehmerinnen zeigte zwar erwartungsgemäß Hirne, die durchlöchert wie Schweizer Käse waren, zu Lebzeiten konnten jedoch selbst stark Betroffene bis zu ihrem Tod geistig anspruchsvolle Aufgaben ausführen.

So, und jetzt schaunmermal, warum die evidenzbasierte Wissenschaft in Gestalt einer Studiengruppe im Gegensatz zu den fachlichen Laien von Diagnose-Funk 2014 ganz ohne Munkeln und Raunen zu einer völlig abweichenden Bewertung der Salford-Studien kam. Anzumerken ist, dass genau diese Studiengruppe von einer anderen Rosinenpicker-Truppe (Anti-Mobilfunk-Verein gigaherz.ch) hoch geschätzt wird, selbstredend nicht was die Abwertung der Salford Studien anbelangt, sondern wegen ihrer für Mobilfunkgegner erfreulichen Bewertung der Wirkung von EMF-Exposition auf das EEG von Menschen. Doch darum geht es hier und jetzt nicht, sondern um die kompetente Sicht der Studiengruppe auf die BHS-Studienlage:

[...] Eine Forschergruppe aus Schweden beobachtete in mehreren Experimenten an Nagetieren sowie organtypischen Gehirnschnitten eine verstärkte Durchlässigkeit der Bluthirnschranke durch Hochfrequenzbelastung (u.a. Salford et al. 1994, Salford et al. 2003, Eberhardt et al. 2008, Nittby et al. 2009, Nittby et al. 2011). Die vermehrte Durchlässigkeit der Bluthirnschranke wurde bereits bei SAR-Werten, die 1000-fach unter dem ICNIRP-Grenzwert von 2 W/kg lagen, beobachtet. Jedoch ergaben die daraufhin durchgeführten zahlreichen Replikationsversuche aus mehreren anderen Labors überwiegend keine Effekte von gepulsten oder unmodulierten Hochfrequenzsignalen (IARC 2013). Die frühen schwedischen Studien sind nicht aussagekräftig, weil sie nur eine qualitative Datenanalyse durchführten, und bei den späteren Untersuchungen ist die Dosimetrie nicht ausreichend genau dargestellt. Insbesondere gibt es keine Angaben, ob die Temperatur während der Exposition kontrolliert wurde. Sodann ist die rapportierte höhere (verdoppelte) Durchlässigkeit der Bluthirnschranke gesundheitlich nicht relevant. Erst ab einer - von der Grössenordnung her - hundertfach erhöhten Durchlässigkeit gehen gesundheitliche Risiken aus (Hossmann und Stögbauer 2005). Die Replikationsstudien beinhalteten im Allgemeinen eine verbesserte Dosimetrie inklusive Kontrolle der Temperatur, untersuchten auch Positivkontrollen wie Hitze, Kälte oder Toxine und verwendeten bessere Methoden zur Anfärbung der Neuronen (Stam 2010).

Insgesamt wird die Evidenz der vorhandenen Literatur als unzureichend bewertet, da die Effekte in fünf Studien aus demselben Labor beobachtet wurden, aber die Evidenz von Studien ausserhalb dieses Labors als sehr schwach einzustufen ist. [...]

Wir lernen daraus: Die Risikoeinschätzung von Laien und Wissenschaftlern kann zuweilen sehr weit auseinander liegen und jedem verständigen Menschen sollte klar sein, welche der beiden Gruppen neben der Spur liegt.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Alter Wein, Blut-Hirn-Schranke, Salford, Risikobewertung, Tatsachenbehauptung, Popanz, Faktencheck, Evidenz


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