Klaus Buchner über das Bienensterben auf der Isle of Wight (I) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 29.11.2020, 22:22 (vor 300 Tagen)

Im Wettstreit um den Thron des größten Desinformanten in EMF-Sachfragen liefern sich der Deutsche Klaus Buchner (79), Ex-Professor der Mathematik, und der Schweizer Hans-U. Jakob (82), Ex-Elektriker, seit Jahren ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen. Mit der Fälschung einer mehr als 100 Jahre alten wahren Geschichte über ein mysteriöses Bienensterben auf der englischen Kanalinsel Isle of Wight hat Buchner sich jetzt wieder in Führung gebracht.

Auf der Website der lustigen Damenriege von https://stoppt-5g.jetzt findet sich ein unscharfes Video von und mit Klaus Buchner vom 26. Oktober 2019. Gleich zu Beginn erzählt Buchner ab Minute 1:30 in einem historischen Abriss der Rundfunkgeschichte mit ernster Miene folgende haarsträubende Anekdote:

[...] Kurz nach dem Heinrich Hertz 1886 überhaupt die elektromagnetischen Wellen entdeckt hat, sind schon die ersten kritischen Arbeiten erschienen. Die erste, meines Wissens nach, 1893 von einer Pariser Gruppe, die ganz eindeutig die Wirkung dieser Wellen auf lebendige Zellen in Mikroben nachgewiesen haben. Interessant ist eine Arbeit, die ein paar Jahre später kam, nämlich 1906. Damals hatte Marconi den ersten großen dauerhaften Sender überhaupt auf der Welt errichtet. Auf der Isle of Wight. Und dann kam ein Forscher von Cambridge hin und hat beobachtet, dass die Bienen den Sockel ihres Bienenstocks hochkrabbeln und wenn sie in einer bestimmten Höhe waren, sind sie von den Strahlen des Senders getroffen worden, auf den Boden gefallen und kurz drauf eingegangen. Zu der Zeit, als dieser Herr Imms hinkam, waren schon die meisten Bienenvölker tot, später sind wohl meines Wissens nach alle gestorben. Aber das steht nicht mehr in seiner Arbeit drin. [...]

Buchner tut, als hätte er die alarmierende Arbeit des Forschers Imms nicht nur zur Hand, sondern auch gelesen, eine nachvollziehbare Quellenangabe aber verkneift er sich. Dem ÖDP-Mann gegenüber stets misstrauisch, machte ich mich deshalb auf die Suche nach Buchners Quell der Weisheit. Das Ergebnis übertrifft sogar meine hoch gesteckten Erwartungen.

Mein Suchbegriff brachte gleich auf Platz 1 einen Treffer, der Buchners Darstellung inhaltlich voll entspricht und einige zusätzliche Informationen bietet:

On the Isle of Wight, off the southern coast of England, Giuglielmo Marconi built the world’s first permanent radio station. And the bees’ first warning to humanity was heard. “They are often to be seen crawling up grass stems, or up the supports of the hive, where they remain until they fall back to the earth from sheer weakness, and soon afterwards die,” wrote Augustus Imms of Christ’s College, Cambridge in 1906. Ninety percent of the bees had already vanished from the entire island. Unable to find a cause, he called it, simply, Isle of Wight disease. Swarms of healthy bees were imported from the mainland, but it was of no use: within a week the fresh bees were dying off by the thousands.

Die Quelle, die offenbar den alternativen Medien in Italien zugerechnet werden darf, ist für mich jedoch nicht vertrauenswürdig, denn der Autor des Artikels ist der auffällige US-Amerikaner Arthur Firstenberg. Also suchte ich weiter, diesmal aber nach dem von Firstenberg genannten Zitat von Imms, das Buchner mit eigenen Worten wiedergibt. Diese Suche förderte u.a. eine Ausgabe von Nature aus dem Jahr 1909 zutage. Darin ist (übersetzt von deepl.com) zu lesen ...

Vor etwa vier Jahren trat unter den Bienen auf der Isle of Wight eine mysteriöse Krankheit auf, die eine hohe Sterblichkeit verursachte. Die charakteristischsten Merkmale waren Arbeitsunlust, eine gewisse Dehnung des Unterleibs, häufige Verrenkungen der Flügel bis hin zur Unfähigkeit zu fliegen. Zu diesem Zeitpunkt konnten die Bienen nur ein paar Meter vom Stock weg fliegen, ließen sich dann fallen und krochen ziellos auf dem Boden umher. Oft sah man sie an Grashalmen oder an den Stützen des Bienenstockes hochkriechen, wo sie blieben, bis sie aus schierer Schwäche wieder auf die Erde zurückfielen und bald darauf starben. Eine Untersuchung wurde von Herrn A. D. Imms eingeleitet, aber da er nicht in der Lage war, die Arbeit fortzusetzen, sicherte sich der Landwirtschaftsrat die Dienste von Dr. W. Malden, dessen Bericht in der Februar-Nummer des Journal of the Board of Agriculture veröffentlicht wird. [...]

Malden stellte u.a. fest, das einzige betroffene Organ sei der Chylus der Bienen, alle anderen Organe seien normal, auch Lähmungen der Flügelmuskeln gäbe es nicht. Die Krankheit sei mit ziemlicher Sicherheit infektiös, ein pestähnlicher Bazillus werde häufig in den Chylus-Stämmen erkrankter Bienen gefunden. Das Bemerkenswerteste aber ist, was Malden nicht sagt: Einen Funksender oder Antennen sucht man in seinen Ausführungen vergeblich!

Sollte Firstenberg es gewagt haben, den Funksender in die mehr als 100 Jahre alte echte Bienen-Geschichte der Isle of Wight nachträglich einzuflechten? Das wäre eine unglaublich dreiste Geschichtsfälschung. Und warum kauft Klaus Buchner ihm diese Fälschung so bereitwillig ab? Wo bleibt dessen Sachverstand als gelernter Physiker, wenn er den offenbar frei erfundenen Blödsinn erzählt, die Bienen seien beim Hochkrabbeln an den Tragstützen eines Bienenstocks "von den Strahlen des Senders getroffen worden" und tödlich verwundet zu Boden gefallen. Ich habe zwei Bienenstöcke bei mir im Garten, die sind inklusive Tragstützen nicht einmal 1 Meter hoch! Auf so geringer Distanz kann sich die Immission eines Funkmasten in freier Landschaft unmöglich so stark ändern, dass Bienen, die an dem Bienenstock hochkrabbeln plötzlich "von Strahlen getroffen" werden. Wer so etwas behauptet, will Laien mit plumper Desinformation gezielt ängstigen.

Fortsetzung in Teil II

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Propaganda, Bienensterben, Buchner, ÖDP, Faktencheck, Spaltung, Wahrheitsgehalt, Firstenberg, Anti-5G-Fraueninitiative, Cambridge, Hybris, Narrativ, Lügengeschichten


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