Kompetenzgefälle im EMF-Zirkus spült Uhrmacherin nach oben (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 15.11.2020, 13:03 (vor 556 Tagen) @ e=mc2

Und wenn 71% der Bevölkerung glaubt, dass elektromagnetische Felder von Mobilfunkstrahlung zu Gesundheitsproblemen führt, fragt die Tagesschau eine Uhrmacherin. Die muss es ja wissen. :no:

Dieses auf den ersten Blick unverständliche Phänomen beobachte ich seit vielen Jahren. Inzwischen meine ich, eine plausible Erklärung dafür gefunden zu haben: Zum Handwerkszeug seriöser Journalisten gehört es, nicht nur eine Stimme zu Gehör zu bringen, sondern im Interesse der Ausgewogenheit auch der Gegenstimme Raum zu geben, damit sich Leser/Zuschauer ein eigenes Urteil bilden können. So weit so gut.

Üblicherweise beruht diese Idee der pluralistischen Meinungsbildung darauf, dass gleichwertige Stimmen zu Wort kommen, also z.B. Bürger vs. Bürger oder Wissenschaftler vs. Wissenschaftler. So lange dies gegeben ist, ist das auch in Ordnung. In der Mobilfunkdebatte aber funktioniert diese Idee nahezu nie, es kommt zu einem steilen Kompetenzgefälle der vorgetragenen Stimmen, in aller Regel Wissenschaftler (Entwarnung) vs. Laien (Alarm). Warum ist das so? Weil Journalisten keine ernst zu nehmenden Wissenschaftler vom Fach finden, welche den alarmistischen Standpunkt vertreten. Auch bei der Coronakrise ist dies so. Notgedrungen sind Journalisten deshalb gezwungen auf Personen der zweite, dritten, vierten ... Wahl zurückzugreifen, um überhaupt eine Gegenstimme präsentieren zu können. Neben Laien (Uhrmacherin, Architekt, Drucker, Lehrer, Zahnarzt, Heilpraktiker, Mathematikprofessor, Molkereifachwirt ...) holen die Schreibkräfte daher besonders gerne verrentete Wissenschaftler (Hecht, Pall, Richter, Kühling, Buchner, Adlkofer, Warnke ...) aus der Versenkung oder irgendwelche Mediziner, die von EMF so viel verstehen wie meine Oma und dennoch genau wissen wollen, Funkwellen seien schädlich. Der Drang der "Journaille", Personen mit Doktor- oder besser Professorentitel vors Mikrofon zu bekommen, ist deren Autorität in Sachfragen geschuldet, wobei eine abseitige Fachrichtung der Autoritäten leider kein Hindernis darstellt (siehe Schopenhauer, Kunstgriff 30).

Qualifiziertes Personal führender Medien kennt die geschilderte Problematik und lässt deshalb die Finger von solchen verzerrenden Gegenüberstellungen von Standpunkten – nicht immer, aber immer öfter :-). In Richtung Lokalblätter spielt für Journalisten die Problematik des Kompetenzgefälles gewöhnlich eine untergeordnete Rolle, diese Medien versuchen zu überleben, indem sie Krawallmacher aus der Nachbarschaft der Leser präsentieren.

Anerkannte Wissenschaftler vom Fach könnten das Spielchen der Medien stören, indem sie sich bei Verdacht auf Kompetenzgefälle als Quelle a) pauschal verweigern (mir sind solche Fälle in Deutschland bekannt) oder besser b) bei Presseanfragen zur Bedingung machen, dass ihnen im geplanten Artikel kein Laie (Uhrmacherin, Ex-Elektriker, IT-Lehrlingsausbilder, emeritierter Professor ...), sondern eine gleichwertige Stimme entgegengehalten wird. Da Journalisten dies nicht leisten können, könnte ein Wissenschaftler ersatzweise zur Bedingung machen, dass der Artikel diesen Sachverhalt, dass eben keine gleichwertige Stimme aufzufinden war und somit ein Laie/Mediziner/selbsternannter Experte zu Wort kommt, explizit genannt wird, um den Lesern die korrekte Interpretation des Artikels zu erleichtern.

Hintergrund
Wissenschaftsjournalismus: Umgang mit abseitigen Ansichten
Umgang mit abseitigen wissenschaftlichen Ansichten im US-Rechtssystem


Admin: In einer früheren Version dieses Postings stand irrtümlich, gegen die Diskussionspartner Wissenschaftler vs. Laien sei nichts einzuwenden. Ich habe das auf Wissenschaftler vs. Wissenschaftler berichtigt.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Kompetenzgefälle, Journalismus, Wissenschaftsjournalismus


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