ÖÄK-Präsident Szekeres: Unklare Worte zu 5G (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 15.02.2020, 14:32 (vor 13 Tagen)

Die Wiener Ärztekammer hat traditionell ein gespanntes Verhältnis zu Mobilfunk, ihre Warnungen vor Risiken dieser Technik sind jedoch weitgehend unqualifiziert und verpuffen deshalb ohne erkennbare Wirkung. Jetzt aber hat sich der Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) auf die Seite seiner Wiener Kollegen geschlagen und meldet sich besorgt wegen 5G zu Wort. Seine Argumente gegen 5G hat sich der obersten Arzt der Alpenrepublik allerdings im www zusammengegoogelt.

Das 17. Infrastruktursymposium Future Business Austria beschäftigte sich am 4. November 2019 in Wien mit dem Fokus-Thema "Zukunftsinfrastruktur 5G: Vom digitalen Traum zur Wirklichkeit". ÖÄK-Präsident Thomas Szekeres trug seine Bedenken anlässlich einer Panel-Diskussion mit Entscheidungsträgern aus den unterschiedlichen
Infrastruktur- und Anwendungsbereichen der 5G-Technik vor und sagte u.a.:

Fakt ist, dass weder Mobilfunkgegner noch Befürworter Langzeitstudien präsentieren können. Deswegen werden und sollten auch diese von beiden Seiten gefordert werden.
[...]
Fakt ist weiters, dass 2011 die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) Funkstrahlung aufgrund epidemiologischer Studien über Hirntumoren als möglicherweise krebserregend für den Menschen (Gruppe 2B) eingestuft hat. Seitdem haben zusätzliche Studien die Annahme eines kausalen Zusammenhangs zwischen Mobiltelefonnutzung und Krebs erhärtet.
[...]
Führende Wissenschaften kamen zu dem Schluss, dass hochfrequente elektromagnetische Strahlung für den Menschen als eindeutiges Karzinogen (Gruppe 1) einzustufen ist.
[...]
Riesige Datenmengen mittels Mikrowellentechnik im unmittelbaren Lebensbereich des Menschen zu übertragen, ist aus ärztlicher Sicht als eine Fehlentwicklung zu sehen.
[...]
Ich möchte mich aber nicht vor Sie hinstellen und keine Lösungen im Gegenzug anbieten. Denn eine Digitalisierung ohne Komfortverlust erreicht man auch durch kabelgebundene Lösungen. Diese sind schneller, datensicherer und nicht potenziell gesundheitsgefährdend. Soweit die Datenübertragung drahtlos sein soll, stehen dafür auch Frequenzen im Infrarot-Spektrum und im Lichtspektrum als LiFi (Light Fidelity) zur Verfügung. Denn das übergeordnete Ziel kann nur eine Datenübertragung in gesundheitsverträglicher Form sein.

Den kompletten Wortlaut von Szekeres Stellungnahme präsentierte nicht ein österreichisches Informationsmedium, sondern mit einem österreichischen Baubiologen ein Profiteur irrationaler Ängste gegenüber Funkwellen. Bis die frohe Botschaft zu deutschen Mobilfunkgegnern durchsickerte, dauerte es vier Monate. Auch das Forum Mobilkommunikation (FMK), die Interessenvertretung der österreichischen Mobilfunknetzbetreiber mit Sitz in Wien, bekam erst spät Wind von den Standpunkten des Ärztepräsidenten, die Entgegnung des FMK datiert vom 14. Februar 2020.

Dass Szekeres sich von der Ärztekammer Wien anstecken ließ ist leicht zu erklären, denn der Humangenetiker ist nicht nur seit 2017 Präsident der ÖÄK, sondern zugleich Präsident der Ärztekammer Wien. Beide Standesorganisationen firmieren in der österreichischen Hauptstadt unter derselben Adresse, der Infektionsweg ist daher bei ihm denkbar kurz.

Szekeres' Sachargumente sind nicht neu, organisierte Mobilfunkgegner verbreiten diese seit Jahren. Neu ist hingegen die Aufwertung, die der ÖÄK-Präsident einer kleinen Gruppe wissenschaftlicher Außenseiter um den schwedischen Epidemiologen Lennart Hardell zuteil werden lässt, indem er diesen das Prädikat "führende Wissenschaften" zuerkennt (mutmaßlich wollte er "führende Wissenschaftler" sagen).

Norbert Leitgeb ist wie Szekeres Professor an einer österreichischen Universität (gewesen), er befasste sich jedoch beruflich mit den Gesundheitsrisiken des Mobilfunks und untersuchte 2005 mit einer Studie, wie gut sich österreichische Allgemeinmediziner mit der Funktechnik und deren gesundheitlichen Wirkungen auskennen. Sein Fazit:

Es ist eher einzigartig, dass es einen derartig weit verbreiteten Widerspruch zwischen den Meinungen von Ärzten und der anerkannten nationalen und internationalen Risikobewertung gibt. Angesichts der Häufigkeit der Begegnung mit dieser Thematik zeigen die Ergebnisse einen dringenden Handlungsbedarf auf.

Szekeres' Stellungnahme zeigt, Leitgebs Einschätzung ist auch heute noch zutreffend. Deutlich macht dies z.B. der hoffnungsvolle Hinweis des ÖÄK-Präsidenten auf "LiFi", eine Technik der optischen Datenübertragung mit Licht, die auch unter dem Akronym VLC bekannt ist (Visible Light Communication). Organisierte Mobilfunkgegner präsentieren LiFi/VLC gerne als Ersatz für W-Lan, einige sogar als Ersatz für Mobilfunk. Die Lichttechnik hat jedoch einige gravierende Nachteile, die sie lediglich für Nischenmärke als Ergänzung zur Funktechnik qualifizieren, jedoch nicht als Ersatztechnik. So unterbricht jede Abschattung zwischen Sender und Empfänger den Datentransfer. Geschweige denn, dass Lichtsignale Wände durchdringen können, selbst wenn diese nur papierdünn sind. LiFi/VLC wird von der Industrie und der Forschung deshalb nicht als Flächenersatz zur Funktechnik beschrieben, sondern (nur) als Lösung für spezielle meist industrielle Anwendungsfälle wie hier einige beschrieben sind. Dass die optische Datenübertragung überhaupt als Konkurrent zur Funktechnik erforscht wird hat mit Gesundheitsbedenken gegenüber der Funktechnik nichts zu tun, sondern ist dadurch begründet, dass Funkfrequenzen ein knappes Gut sind, das restriktiven internationalen Regelungen unterliegt (siehe Weltfunkkonferenz WRC). Die Optik bleibt hingegen in aller Regel auf engsten Raum begrenzt, bietet hohen Datendurchsatz und unterliegt keinen regulatorischen Zwängen. Technisch wenig versierte Mobilfunkgegner sind die einzigen, die LiFi/VLC aus gesundheitlichen Gründen als Ersatz für Funk propagieren. Nicht weniger realitätsfern ist der Vorschlag, statt Funk Kupferkabel oder Glasfaser zu benutzen. Wie der Name schon sagt bietet Mobilfunk alle Freiheitsgrade der Mobilität, etwas, was Kabel per se nicht bieten können. Was Herr Szekeres sich bei Mobilfunkgegnern abgeschaut hat, sind mit Verlaub gesagt kolportiere Schnapsideen. Hätte er sich die Zeit genommen, diese gründlich zu analysieren, wäre ihm die Peinlichkeit, als Kolporteur zu gelten, aller Voraussicht nach erspart geblieben.

Hintergrund
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Österreichische Ärztekammer im IZgMF-Forum

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Baubiologie, Irreführung, Trittbrettfahrer, Aerztekammer, OeAeK, 5G, Szekeres, Ditettantismus


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