Faktencheck: 5G strahlt nicht stärker als GSM, UMTS oder LTE (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Dienstag, 07.05.2019, 22:22 (vor 714 Tagen) @ KlaKla

Diagnose-Funk verbreitet, Ravensburg will Schutzzonen für Elektrosensible.

Nein, Diagnose-Funk behauptet sogar:

Die Stadt Ravensburg hat die Einrichtung von Schutzzonen für elektrohypersensible Menschen beschlossen.

Was ist dort los, wie kommen Kommunalpolitiker zu so einem (angeblichen) Beschluss?

Am 15. November 2018 tagte der Beirat "Bürgerschaftliches Engagement" im Rathaus zu Ravensburg. Lokalmatador Wolfgang Blüher, ein alteingesessener Mobilfunkgegner, der eigenen Angaben zufolge von Funktechnik keine Ahnung hat und sich dafür auch nicht interessiert, stellte dem Beirat den 5G-Mobilfunkstandard vor. Das konnte nicht gut gehen, auch wenn unter Blinden der Einäugige König ist. Und es ging auch nicht gut.

Blüher wies seine Zuhörer darauf hin, durch 5G-Funktechniken sei eine zehn- bis 100-fache Strahlenbelastung zu erwarten (mit was er den Beirat sonst noch einseifte, z.B. dass "es immer mehr Elektrosensible gebe", lässt sich <hier> nachlesen). Woher hat der technische Laie sein Wissen? Von Gigaherz-Präsident H.-U. Jakob, einem 80-Jährigen Schweizer Ex-Elektriker. Doch was Blüher sich bei Jakob abschaute ist blanker Unsinn. Die neuen adaptiven 5G-Antennen (Massive Mimo) werden im Vergleich zu einer typischen LTE-Antenne einen etwa 7 dB höheren Antennengewinn haben (Faktor 5). Das heißt, die elektrische Feldstärke der Funkemission wird sich bei gleicher Sendeleistung etwas mehr als Verdoppeln, die Leistungsflussdichte steigt um etwa Faktor 5. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Was Blüher und Jakob verschweigen: Die neuen 5G-Antennen senden nicht mehr wie bisher gemäß dem Gießkannenprinzip, sondern sie folgen mit stark gebündelten Richtkeulen telefonierenden Teilnehmern auf ihrem Weg. Ein 5G-Teilnehmer wird dadurch stets gut mit dem Funksignal versorgt, Unbeteiligte hingen sind lediglich befristet und zufällig im Funkstrahl einer adaptiven 5G-Antenne. Dadurch werden Unbeteiligte schwächer befeldet als mit herkömmlichen Antennen. Um wie viel schwächer, das haben Wissenschaftler bereits erforscht: Die Abschwächung beträgt im Mittel mindestens Faktor 4 (6 dB), häufig sogar deutlich mehr. Dieser Reduzierungsfaktor von 6 dB ist bereits im Entwurf der DIN EN 62232:2018-06 enthalten. Schade nur, dass Blüher/Jakob davon mal wieder nichts wissen (wollen) und stattdessen Desinformation verbreiten.

Kurz gesagt: 5G verursacht keine höhere Funkimmission als die bisherigen Funktechniken GSM, UMTS und LTE, tendenziell sogar etwas weniger. Aber: 5G kommt zu diesen bereits bestehenden Funktechniken hinzu und erst dadurch wird die gesamte einwirkende Immission an einem beliebigen Ort ansteigen, eine Modellberechnung geht von etwa 35 Prozent Anstieg (Feldstärke) aus. Werden nun aber ab etwa 2020/2021 die "alten" Techniken GSM, UMTS und (später LTE) abgeschaltet, und es bleibt nur 5G übrig, wobei aller Voraussicht nach das Aus für UMTS (3G) früher kommen wird als für GSM (2G), dann geht auch der 35-Prozent-Anstieg wieder zurück. Wie weit, lässt sich heute noch nicht genau beziffern. Kommen nach der Abschaltung an einem Standort keine weiteren 5G-Antennen hinzu und wird nicht an der maximalen Sendeleistung der etablierten 5G-Antennen am Standort gedreht, sinkt die Immission jedenfalls leicht unter den Wert, der vor Einführung von 5G herrschte.

Was ich hier schreibe habe ich mir nicht ausgedacht, sondern einer kompetenten amtlichen Quelle entnommen. Nennen mag ich diese noch nicht, denn das Thema ist es wert, ausführlicher behandelt zu werden. Kommt Zeit, kommt (hoffentlich) ein umfassenderer Beitrag zur Funkimmission durch 5G, dann selbstverständlich mit Quellenangabe.

Ach so, beinahe hätte ich es jetzt vergessen: Auch Diagnose-Funk verbreitet nur Desinformation. Denn beschlossen hat der Ravensburger Gemeinderat am 18. Februar 2019 mit 34 gegen zwei Stimmen (eine Enthaltung) nicht die behauptete Errichtung von Schutzzonen für "Elektrosensible", sondern lediglich die Absicht, solche errichten zu wollen. Dies geht aus dem Original-Wortlaut hervor:

Für elektrosensible Personen sollen Schutzzonen / -räume geschaffen werden.

Vermutlich weiß noch nicht einmal der Himmel, ob dieses, mit Verlaub dumme Detail des Beschlusses, jemals umgesetzt werden wird. Schlechtes Omen: Auf die Einlösung eines 2011 in BaWü gegebenen Koalitionsversprechens warten die verstörten Mobilfunkgegner im Ländle noch heute ...

Hintergrund
Vortragsfolien von Wolfgang Blüher in Ravensburg

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Verdrehung, Diagnose-Funk, Desinformation, Schutzzonen, Blüher, Ravensburg, Faktencheck, Wahrheitsillusion, Adaptive Antennen


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