Begünstigt 5G Hautkrebs? (I) (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 08.02.2018, 20:44 (vor 642 Tagen)

Dieses leider etwas lang geratene Posting hat mich bei der Recherche an die ineinander geschachtelten russischen Matrjoschka-Puppen erinnert. Die Recherche galt der kühnen Alarmbotschaft eines schweizerischen Umweltmediziners. Auf der Suche nach dem Quell seiner Behauptung zog ich Puppe um Puppe, bis ich am Ende der Reise in Jerusalem ankam.

Auszug aus "Beobachter" vom 4. Januar 2018:

Aber wenn die Strahlung der 5G-Antennen dereinst flächendeckend würde, so warnen zahlreiche Wissenschaftler, könnten die Auswirkungen auf Menschen, Pflanzen und Tiere unabsehbar sein. Konkrete Studien dazu liegen bis heute nicht vor. Peter Kälin, Präsident der Ärzte für Umweltschutz in der Schweiz, sagt dazu: «Es müsste unbedingt vorab solide geprüft werden, ob etwa Melanome oder generell Hautkrebs durch diese kurzwellige Strahlung begünstigt werden könnten.» Keinesfalls sei es deshalb hinzunehmen, dass die geltenden Grenzwerte erhöht werden dürften, wie dies bereits von der Telekomindustrie gefordert wird.

Was mit "diese kurzwellige Strahlung" gemeint ist, geht an anderer Stelle des Beobachter-Artikels hervor:

Das Hauptproblem: Die hochfrequenten Mikrowellen im neu geplanten Bereich von 6 bis 100 Gigahertz haben sehr kurze Wellenlängen von nur fünf Zentimeter bis drei Millimeter Länge.

Die Frage ist: Wie kommt Peter Kälin, Präsident der Ärzte für Umweltschutz (Aefu), dazu, 5G aus dem Nichts heraus in Verbindung mit Hautkrebs zu bringen?

Frequenzwerte aus ferner Zukunft

Zunächst einmal zu den genannten Frequenzwerten, die mit der Realität in der Schweiz derzeit nichts zu tun haben. Fest steht gegenwärtig nur: 5G wird in der Schweiz vorerst ausschließlich im Frequenzbereich 0,694 GHz bis 0,790 GHz stattfinden. Sicher ist auch, dass zukünftig weitere Frequenzbänder für 5G erschlossen werden, im Gespräch sind Frequenzen zwischen 1 GHz bis 6 GHz und darüber hinaus bis etwa 30 GHz (USA 80 GHz). Doch diese hohen Frequenzen werden aus physikalischen Gründen nicht dem klassischen Mobilfunk zugeschlagen, sondern Anwendungen der Mensch-Maschine- und Maschine-Maschine-Kommunikation (IoT, Industrie 4.0, autonomes Fahren). Da Funkwellen an Landesgrenzen nicht stoppen können Staaten sie nicht nach belieben nutzen, sondern müssen sich auf der alle vier Jahre stattfindenden Internationalen Wellenkonferenz mit Nachbarstaaten abstimmen. Die nächste Wellenkonferenz findet 2019 statt. Bis 100 GHz erschlossen werden, dürften jedoch gut und gerne noch zehn oder mehr Jahre vergehen. Die "kurzwellige Strahlung", von der Kälin spricht, wird daher geraume Zeit auf sich warten lassen und hat mit 5G in den niedrigen Frequenzbändern nicht das Geringste zu tun.

Misleader of the Year

Doch woher hat Kälin die Idee der Krebsbegünstigung? Schon 2002 dichteten zwei schwedische "Wissenschaftler" UKW-Sendern das Potenzial zu, die Sender könnten für die Zunahme der Melanom-Inzidenz verantwortlich sein. Doch statt Nobel-Preis bekam einer der beiden Autoren für diese Arbeit den Schmähpreis "Misleader of the Year" zuerkannt.

Matrjoschka-Puppen

Um es kurz zu machen: Kälin hat sich bei Devra Davis infiziert, der 71-jährigen Säulenheiligen US-amerikanischer Mobilfunkgegner. Davis hat hier im Forum keinen erfreulichen Fußabdruck hinterlassen. Sie zählt in ihrer Spätkarriere zu den fleißigsten akademischen Anti-Mobilfunk-Hetzern und sieht sich auch dem Vorwurf ausgesetzt, Junk-Science zu produzieren (Schrottstudien). Davis betreibt in den USA eine eigene Website gegen Mobilfunk und dort kann man nachlesen, was später im "Beobachter" stand. Zuerst die Passage mit den bizarren Frequenzwerten:

However, 5 G applications will require unlocking of new spectrum bands in higher frequency ranges above 6 GHz to 100 GHz and beyond, utilizing submillimeter and millimeter waves – to allow ultra-high rates of data to be transmitted in the same amount of time as compared with previous deployments of microwave radiation.

Und hier nun die Passage über den schwarzen Hautkrebs, die nicht von Davis selbst stammt. Davis trägt an dieser Stelle nur weiter, was Ron Melnick sagte:

“There is an urgent need to evaluate 5G health effects now before millions are exposed ... We need to know if 5G increases the risk of skin diseases such as melanoma or other skin cancers,” stated Ron Melnick, the National Institutes of Health scientist, now retired, who led the design of the National Toxicology Program study on cell phone radiofrequency radiation.

Melnick, seit 2009 im Ruhestand, wurde wiederum im Januar 2017 in Israel befruchtet. Denn Devra Davis hat an der Hebräischen Universität von Jerusalem eine Gastprofessur und organisierte seinerzeit dort eine 3-tägige Konferenz über 5G, bei der auch Melnick als Redner eingeladen war. Was Melnick zu seiner Äußerung über Hautkrebs brachte war an Ort und Stelle schließlich ein Vortrag von Paul Ben-Ishai. Der israelische Wissenschaftler sprach über die Schweißkanäle in der Haut von Menschen, diese hätten die Form winziger 350 µm langer Wendelantennen. Bei sehr hohen Frequenzen (Sub-THz-Bereich) versage daher die Pauschalbetrachtung der Haut als wassergetränkte Schwammschicht, die eindringende elektromagnetische Wellen absorbiere. Was genau bei den hohen Frequenzen in der Haut passiert wusste auch Ben-Ishai nicht, es sei jedoch offensichtlich, dass die etwa vier Millionen Wendelantennen in der Haut deren Absorptionsverhalten für Millimeterwellen bestimmen würden. Die Erkenntnisse des israelischen Wissenschaftlers sind freilich keineswegs neu, sie wurden bereits vor rund zehn Jahren wissenschaftlich publiziert.

Fortsetzung in Teil II

[Admin: Titel des Postings geändert am 21.09.2018]

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Davis, Hautkrebs, Beobachter, Junk-Science, AefU, 5G, Melnick, Büchi, Kälin, Ben-Ishai, Millimeter-Wellen, Autonomes Fahren, Wellenlänge


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