Berenis vs. Belpomme: Keine Biomarker für Elektrosensibilität (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Montag, 04.07.2016, 18:47 (vor 1329 Tagen) @ H. Lamarr

Frau Buchs berichtet aus der Alpenfestung gegen Elektrosmog von einer neuen Studie, die zuverlässige Biomarker für EHS und MCS gefunden haben will.

Die schweizerische "Beratende Expertengruppe NIS" (Berenis) knöpft sich in ihrem jüngsten Newsletter vom Juni 2016 u.a. die Studie vor, in der Prof. Belpomme (73) angeblich zuverlässige Biomarker für "Elektrosensibilität" benennt. Und es kommt, wie es kommen muss, wenn Pseudowissenschaft und Wissenschaft aufeinander treffen: Die Expertengruppe deckt so viele methodische Mängel der Belpomme-Studie auf, dass von zuverlässigen Biomarkern für "Elektrosensibilität" gut begründet keine Rede mehr sein kann. Eine zweite EHS-Studie (Andrianome et al. 2016) kommt bei kritischer Betrachtung ebenfalls in Schieflage. Fazit: Außer Spesen, nichts gewesen.

Nachfolgend in kursiv der Text der Berenis-Studienkritiken:

Gibt es Biomarker für elektromagnetische Hypersensibilität? (Belpomme et al. 2015, Andrianome et al. 2016)

Bisher wurde kein Parameter gefunden, mit dem sich elektromagnetische Hypersensibilität (EHS) charakterisieren oder diagnostizieren lässt. Um mögliche Diagnosekriterien oder Biomarker zu evaluieren, wurden seit 2009 in einer Studie 1216 Patienten, die unter EHS und/oder multipler chemischer Sensitivität (MCS) leiden, klinisch und biologisch untersucht (Belpomme et al. 2015). Dabei wurden die Patienten systematisch nach einheitlichem Schema abgeklärt und je nach Ergebnis nach einem standardisierten Schema therapiert. Die klinische Erstuntersuchung umfasste jeweils eine ausführliche Anamnese, eine körperliche Untersuchung, ein MRI bzw. CT des Schädels und eine Doppleruntersuchung der Halsgefässe, die Messung eines Durchblutungsindex des Gehirns mittels zerebraler Ultraschall-Tomosphygmographie (UCTS), sowie die Erhebung einer Reihe von Biomarkern mittels kommerziell erhältlicher Tests. In die Studie eingeschlossen wurden Patienten, deren Symptomatik nicht auf andere Krankheitsursachen zurückgeführt werden konnte, und die nicht unter einer chronischen Erkrankung wie Diabetes, Krebs, neurodegenerativen Erkrankungen oder psychiatrischen Erkrankungen litten. Von den bisher 839 untersuchten Personen erfüllten 727 Personen diese Einschlusskriterien. Die Biomarkermessungen wurden mit den Referenzwerten der Hersteller der Tests verglichen. Je nach Test lagen 6% und 55% ausserhalb des angegebenen Normbereichs. Die Autoren schliessen daraus, dass EHS und MCS mit einfachen Tests objektiv charakterisiert werden können. Zudem gehen Sie davon aus, dass EHS und MCS einen ähnlichen pathologischen Mechanismus aufweisen, da der Anteil der Personen mit Werten ausserhalb des Normbereichs in den beiden Gruppen ähnlich war.

Aufgrund der präsentierten Daten lassen sich die Schlussfolgerungen der Autoren nicht stützen. Das grösste Problem bei den untersuchten Biomarkern besteht darin, dass es keine Vergleichsgruppe gibt und dass die Autoren Sensitivität, Spezifität, Referenzierung und Reproduzierbarkeit der verwendeten Tests nicht vertieft diskutieren. Auffällig ist zudem, dass für praktisch alle untersuchten Biomarker die Mehrheit der untersuchten Personen im ausgewiesenen Normbereich liegt. Bei aller Unsicherheit über die Aussagekraft dieses Normbereichs ist damit offensichtlich, dass diese Laboruntersuchungen nicht spezifisch genug sind, um sie als diagnostische Kriterien heranziehen zu können. Zudem sind die durchwegs verminderten Melatoninwerte mit dem Vorbehalt belastet, dass die Melatoninbestimmung sehr schwierig ist, weil sie stark auf äussere Einflüsse wie Licht, Lebensgewohnheiten, Ernährung und Medikamente reagiert. In diesem Fall wie auch bei allen anderen Biomarkern mit einer tageszeitabhängigen Sekretion ist eine einzelne Messung nicht aussagekräftig. Dazu wäre vielmehr ein 24-Stunden-Profil erforderlich, idealerweise über mehrere Tage. Das Verfahren zur Messung des Durchblutungsindex ist nicht etabliert, und in der Publikation wurde nur das Resultat eines Einzelfalles bildlich dargestellt. Daher lässt sich die Aussagekraft dieser Methode nicht beurteilen. Die Art in der die Daten in dieser Publikation präsentiert werden trägt nicht zu einem besseren Verständnis von EHS und MCS bei.

In einer anderen Studie (Andrianome et al. 2016) wurden die selbstberichtete Schlafqualität sowie die Menge des Melatonins im Speichel und im Urin von 30 EHS-Personen mit 25 Nicht-EHS Personen verglichen, die eine ähnliche Alters-, Geschlechts und Gewichtsverteilung aufwiesen. Die 30 EHS-Probanden wurden aus einer früheren Befragung zur Thematik rekrutiert. Die 24-Stunden-Melatoninkonzentration wurde aus dem gesamten für Nacht und Tag separat gesammelten Urin bestimmt, und der Tagesverlauf aus 12 Speichelproben. Die berichtete Schlafqualität war in der EHS-Gruppe signifikant niedriger als in der Kontrollgruppe. Die Melatoninkonzentration im Urin und im Speichel war zwischen den Gruppen weder in der Nacht noch am Tag unterschiedlich. Eine Stärke dieser Studie ist der Einbezug einer Kontrollgruppe. Nur im Vergleich mit einer Kontrollgruppe können allfällige Unterschiede zwischen EHS- und Nicht-EHS-Personen identifiziert werden. Die Stichprobe war aber relativ klein, und die Melatoninkonzentration variierte stark zwischen den Individuen und im Tagesverlauf. Daher hätten nur recht grosse Unterschiede statistisch signifikant nachgewiesen werden können. Mögliche Störgrössen wie die Exposition gegenüber Licht, die Schlafzeiten sowie der Chronotypus wurden nicht berücksichtigt, und die Rekrutierung der Kontrollgruppe ist nicht beschrieben. Es ist zu betonen, dass sowohl in dieser als auch in der oben beschriebenen EHS-Studie (Belpomme et al. 2015) keine Angaben zur EMF-Exposition der Probanden gesammelt und ausgewertet wurden. Daher sind beide Studien nicht geeignet, um einen Einfluss von EMF im Alltag auf Biomarker zu untersuchen. Das Ziel beider Studien war vielmehr, für die selbstberichtete EHS spezifische, objektive Biomarker zu erhalten. Die Resultate der ersten Studie sind diesbezüglich nicht informativ und bei der zweiten Studie wurde für Melatonin kein Unterschied zwischen EHS-Personen und einer Vergleichsgruppe gefunden.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Speichel, Melatonin, Elektrochonder, Urintest, Biomarker, BERENIS, Belpomme, Mängel


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