Hormonstörungen unter extremer 900-MHz-Befeldung (Berichtigungen)

Dr. Ratto, Mittwoch, 25.12.2013, 23:48 (vor 2151 Tagen) @ H. Lamarr

Mal angenommen, die grobe Abschätzung einer Ganzkörperexposition von 0,19 - 1,22 W/kg stimmt in etwa, oder ist zumindest nicht um viele Zehnerpotenzen falsch. Für einen Menschen wäre das als Teilkörperexposition durch ein Mobiltelefon völlig in Ordnung, für Ganzkörperexpostion gilt für die allgemeine Bevölkerung ein Grenzwert von 0,04 W/kg, für beruflich Exponierte 0,8 W/kg. Für die Ratte sind infolge der Körpergröße Grenzwerte überschritten und es ist mit Effekten zu rechnen. Ein deutlicher Einfluss der Exposition (im Verhalten) ist bei Ratten erst ab 4 W/kg beschrieben. Menschen werden mit Ganzkörperexpositionen über 0,8 W/kg nicht konfrontiert [Da ist das Komma verrutscht, siehe hier, Anm. Admin].

Nun zu den biologischen Angaben aus dem Volltext:

Es wurden insgesamt 20 Ratten untersucht, die in 4 Gruppen von je 5 Tieren aufgeteilt waren. Eine Gruppenstärke von 5 ist zu gering um statistisch belastbare Ergebnisse zu erhalten.

Die Gruppen wurden frei beweglich in Käfigen über die Dauer von 30 Tagen jeweils 1, 2 oder 4 Stunden täglich Exponiert. Die "Scheinexposition" erfolgte unter ähnlichen Bedingungen in einem anderen Raum, es war also keine echte Scheinexposition (in der Expositionsanlage, aber ohne Feld), sondern eine simple Käfigkontrolle. Das entspricht nicht den qualitativen Anforderungen an eine wissenschaftliche Studie, auch minimale Unterschiede zwischen den Räumen können den Hormongehalt beeinflussen.

Die Studie war nicht verblindet. Auch das entspricht nicht den Anforderungen an eine gute wissenschaftliche Praxis.

Den Tieren wurde vor Beginn der Exposition, nach 15 Tagen und nach 30 Tagen Blut abgenommen und der Hormongehalt im Serum bestimmt. Signifikante Unterschiede wurden bei allen untersuchten Hormonen gefunden, aber nur bei einer Expositionsdauer von täglich 4 Stunden und nur nach 30 Tagen. Nach 4 Stunden täglich und 15 Tagen oder 2 Stunden täglich und 30 Tagen tat sich noch nichts. Das bedeutet, dass eine erhebliche Belastung notwendig war um den beschriebenen Effekt hervorzurufen - sollte er denn echt sein.

Betrachtet man in Abbildungen 2 und 3 die als Kolumnen mit Standardabweichungen dargestellten Ergebnisse, fällt auf, dass bei allen untersuchten Hormonen bereits vor Beginn der Exposition deutlich sichtbare Unterschiede zwischen den Gruppen vorhanden waren. Das liegt vermutlich an der geringen Tierzahl und der hohen individuellen Variabilität im Hormongehalt. In den Ergebnissen wird dazu angegeben, die Werte wären vor Expositionsbeginn ähnlich und der Unterschied wäre nicht signifikant. Bei vier von den sechs untersuchten Hormonen änderte sich deren Gehalt während der 30 Tage Exposition innerhalb der Gruppen kaum. Die Veränderung war bei exponierten und scheinexponierten Tieren zwar gering, aber manchmal gegenläufig, deswegen waren die Werte am Ende der maximalen Exposition doch signifikant unterschiedlich.

Nur bei zwei Hormonen ist in der Gruppe, die täglich 4 Stunden exponiert wurde, ein Trend zur Veränderung im Laufe der 30-tägigen Exposition rein optisch in der Abbildung 3 zu beobachten. Das luteinisierende Hormon (LH) steigt systematisch an, der Testosterongehalt sinkt. Normalerweise reguliert das LH die Produktion des Testosterons, es müssten also beide Hormone parallel ansteigen oder sinken. Die Autoren können diese Diskrepanz nicht plausibel erklären.

Die Autoren sind der Meinung, dass die beobachteten Effekte nicht-thermisch sein müssen, da die Raumtemperatur gemessen und konstant gehalten wurde. Das sagt über die Körpertemperatur der Tiere und über den Weg, den die absorbierte Energie in ihren Körpern genommen hat, nichts aus. Mit ausgeprägten thermischen Effekten ist bei Ratten erst ab etwa 4 W/kg zu rechnen.

Sollten die Ergebnisse real sein und nicht nur eine Folge der natürlichen Variabilität innerhalb und zwischen den Gruppen, wäre eine ordentliche Expositionsbestimmung anhand von anatomischen Modellen, eine richtige Scheinexposition, eine Verblindung, eine Gruppengröße von mehr als 10 Tieren und eine Kontrolle der Körpertemperatur notwendig. Eine aufwendige Geschichte, um sicher zu erfahren, dass eine wiederholte und lang andauernde Exposition oberhalb der Grenzwerte den Hormonhaushalt stören kann. Das können viele andere Umwelteinflüsse auch (angefangen mit Stress, Alkohol, Tabak...), es ist bekannt und regt niemanden auf.

Solche Experimente sollte man entweder ordentlich, oder gar nicht machen, und vorher überlegen ob es einen Sinn macht und was man aus den Ergebnissen (egal ob positiv oder negativ) für das reale Leben ableiten kann. Die Autoren selber sehen ihre Ergebnisse ganz unaufgeregt:

"Although the physiological significance of these changes remains to be clarified, it seems plausible that EMF radiation may have important effects in almost all aspects of hormonal regulation in the male reproductive system. Nevertheless, evaluating the effects of a GSM-modulated signal on reproductive hormone changes require further complementary studies."

Übersetzung (von mir): Obwohl die physiologische Bedeutung dieser Änderungen noch geklärt werden muss, scheint es plausibel, dass die Strahlung der EMF in fast allen Aspekten der hormonalen Regelung des männlichen Fortpflanzungssystems bedeutende Auswirkungen haben kann. Nichtsdestotrotz, die Bewertung der Auswirkungen des GSM-modulierten Signals auf die Veränderungen der Geschlechtshormone erfordert weitere ergänzende Studien. (fett von mir)

Im Klartext: Es könnte Effekte geben, also brauchen wir Geld für weitere Forschung! Nein, ein Interessenskonflikt besteht natürlich nicht.

Schöne Weihnachten und Prost Neujahr von der alten Ratte!

Tags:
Interessenkonflikt, Hormonstörung, Ganzkörperexposition, Verblindung


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