Diagnose-Funk vs. Minol: Und LoRaWan ist doch gefährlich (Allgemein)
Der deutsche Messstellenbetreiber Minol hatte gegenüber einer Kundin per E-Mail sorglos versichert, Messstellen mit Long-Range-(LoRa-)Funktechnik (Wasser- und Wärmezähler, Heizkostenverteiler, Rauchwarnmelder) seien gesundheitlich unbedenklich. Doch weil die Kundin Mitglied des Vereins Diagnose-Funk ist, erfuhr Vereinsvorstand Peter Hensinger von dem "Frevel". Postwendend belehrte der gelernte Drucker den verdutzten Messstellenbetreiber darüber, dass LoRa-Funktechnk aus seiner Sicht keineswegs gesundheitlich unbedenklich sei.
Wie üblich, trumpft Vorstand Hensinger (Jg. 1948) mit vermeintlich profunder Kenntnis der aktuellen Studienlage im Fach Bioelektromagnetik auf. Damit punktete er bei seinen Auftritten vor Laienpublikum, Wissenschaftler und kritische Köpfe überzeugt er damit nicht. Für seine Entgegnung auf die E-Mail des Messstellenbetreibers bediente sich Hensinger u.a. der noch jungen Übersichtsarbeit eines nicht mehr ganz so jungen Australiers. Die so gefeierte Arbeit von Steven G. Weller et al. mit dem Titel „A scoping review and evidence map of radiofrequency field exposure and genotoxicity“ eignet sich gut, um ChatGPT exemplarisch zeigen zu lassen, wie aus solider, aber begrenzt aussagekräftiger Wissenschaft ein scheinbar alarmierender Befund konstruiert wird.
Übersicht ja, Kausalitätsnachweis nein
Zunächst zur Einordnung der Studie selbst. Bei der Arbeit handelt es sich um eine sogenannte Scoping Review mit Evidence Mapping. Dieses Format dient ausdrücklich nicht dem Nachweis kausaler Effekte, sondern der systematischen Kartierung vorhandener Literatur. Ziel ist es, Forschungslandschaften zu ordnen, Lücken aufzuzeigen und Muster sichtbar zu machen. Genau das leisten Weller und seine Koautoren: Sie sammeln mehrere hundert In-vitro-, In-vivo- und epidemiologische Studien zur Frage genotoxischer Effekte von HF-EMF, klassifizieren sie nach Endpunkten, Expositionsparametern und methodischen Kriterien und stellen diese Informationen übersichtlich dar.
Das ist methodisch korrekt und wissenschaftlich legitim. Es ist aber ebenso wichtig festzuhalten, was diese Arbeit ausdrücklich nicht leistet. Sie liefert keine quantitative Meta-Analyse, keine belastbaren Effektstärken und keinen Kausalnachweis. Die Autoren selbst weisen mehrfach auf die starke Heterogenität der zugrunde liegenden Studien hin, auf erhebliche Qualitätsunterschiede, auf Dosimetrieprobleme und auf den Umstand, dass methodisch hochwertigere Arbeiten tendenziell weniger positive Effekte berichten. Die Schlussfolgerungen der Review sind vorsichtig formuliert, hypothesengenerierend und klar als Grundlage für weitere Forschung ausgewiesen. Genau an diesem Punkt beginnt die Umdeutung durch Diagnose-Funk.
Umdeutung des Weller-Papers durch Peter Hensinger
Der Stuttgarter Verein präsentiert die Weller-Review nicht als das, was sie ist, sondern als Bestätigung einer seit Jahren vertretenen Gefährdungsthese. Aus einer deskriptiven Bestandsaufnahme wird ein vermeintlicher Beweis. Aus statistischen Häufungen in heterogenen Studien werden konkrete Gesundheitsrisiken. Aus der Feststellung, dass Effekte auch bei niedrigen Expositionsstärken berichtet wurden, wird die Behauptung, Grenzwerte seien grundsätzlich irrelevant oder gefährlich.
Dabei werden zentrale methodische Einschränkungen der Arbeit systematisch ausgeblendet. Dass die Review keine Aussage darüber trifft, ob beobachtete DNA-Schäden reproduzierbar, biologisch relevant oder klinisch bedeutsam sind, bleibt unerwähnt. Dass viele der „positiven“ Befunde aus methodisch schwachen In-vitro-Experimenten stammen, wird nicht thematisiert. Dass epidemiologische Studien in der Übersicht nur einen kleinen Teil ausmachen und dort keine konsistenten Effekte zu finden sind, passt nicht in das gewünschte Narrativ und wird entsprechend marginalisiert.
Besonders problematisch ist die rhetorische Verschiebung von wissenschaftlicher Unsicherheit hin zu normativen Forderungen. Diagnose-Funk nutzt die Review, um konkrete Warnungen vor alltäglichen Funkanwendungen zu formulieren und politische oder technische Konsequenzen zu fordern. Diese Forderungen lassen sich aus der Weller-Arbeit nicht ableiten. Sie sind kein Ergebnis der Studie, sondern eine Interpretation des Vereins, günstigenfalls im Dienste einer vorsorgepolitischen Agenda.
"Elektrosensibler" Autor
Hinzu kommt ein strukturelles Problem, das nicht verschwiegen werden sollte. Steven G. Weller verfügt zwar über eine wissenschaftliche Grundausbildung und ist als Adjunct Researcher an eine australische Universität angebunden, er ist aber zugleich langjährig in einschlägigen Netzwerken von Mobilfunkgegnern engagiert, unter anderem bei Stop Smart Meters Australia. Und er beschreibt sich selbst als elektrosensibel. All das disqualifiziert seine wissenschaftliche Arbeit nicht automatisch, erhöht aber die Anforderungen an eine saubere Trennung zwischen Datenlage und Interpretation. Genau diese Trennung wird im Diagnose-Funk-Artikel jedoch aufgehoben.
Das Ergebnis ist eine klassische Zweckentfremdung wissenschaftlicher Literatur. Eine vorsichtig formulierte Übersichtsstudie wird zur Bestätigung einer vorgefassten Überzeugung erklärt. Methodische Vorbehalte verschwinden, Unsicherheiten werden in Gewissheiten umgedeutet. Aus einem Forschungsüberblick wird so ein politisches Argument.
Geziele Überinterpretation
Wer die Weller-Review ernst nimmt, muss sie auch in ihrer Begrenztheit ernst nehmen. Sie zeigt, dass die Forschung zu genotoxischen Effekten von HF-EMF heterogen, methodisch uneinheitlich und in vielen Bereichen unzureichend ist. Sie zeigt nicht, dass Mobilfunk unterhalb geltender Grenzwerte nachweislich DNA schädigt oder ein relevantes Krebsrisiko darstellt. Alles, was darüber hinausgeht, ist Interpretation – und im Fall von Diagnose-Funk gezielte Überinterpretation.
Gerade deshalb taugt diese Episode als Lehrstück. Nicht darüber, wie gefährlich Funktechnik angeblich ist, sondern darüber, wie selektive Rezeption und rhetorische Zuspitzung aus wissenschaftlicher Unsicherheit scheinbare Evidenz machen. Wer Wissenschaft ernst nimmt, sollte diesen Unterschied benennen – und genau das ist hier notwendig.
Minol kann auf Hensingers Belehrungen erwidern. Doch damit würde nur ein Troll gefüttert. Klüger wäre es daher, auf eine Erwiderung zu verzichten.
Hintergrund
Wer ist Peter Hensinger, Stuttgart?
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- Diagnose-Funk vs. Minol: Und LoRaWan ist doch gefährlich -
KI,
24.01.2026, 22:47
- Diagnose-Funk vs. Minol: Und LoRaWan ist doch gefährlich -
hikchr,
26.01.2026, 09:22
- Diagnose-Funk vs. Minol: Eitel geht die Welt zugrunde - H. Lamarr, 26.01.2026, 12:47
- Diagnose-Funk vs. Minol: Und LoRaWan ist doch gefährlich -
hikchr,
26.01.2026, 09:22