Hirntumorrisiko: Lennart Hardell gibt versehentlich Entwarnung (Forschung)

H. Lamarr @, München, Freitag, 21.02.2020, 23:51 (vor 1011 Tagen)

Microwave News treibt eine neue Sau durchs Welt-Dorf der Mobilfunkgegner: Schilddrüsenkrebs. An diesem Krebs erkranken weltweit Frauen mit einer Inzidenzrate, die so stark zunehmen soll wie bei keinem anderen Krebs. Wenn Microwave News darüber berichtet ist zugleich klar, was die mutmaßliche Ursache für diese besorgniserregende Entwicklung ist. Selbstredend ist es mit dem Handy der übliche Verdächtige. Warum besonders stark Frauen betroffen sind, Männer dagegen kaum, um diese Frage macht der Artikel leider einen Bogen.

Was Microwave News von Krawallmachern wie Diagnose-Funk et al. positiv unterscheidet ist die Fachkompetenz von Louis Slesin und dessen Verzicht auf effekthaschendes Dramatisieren. So weist Slesin anständig darauf hin, dass die hohe Inzidenzrate auch auf Fortschritte in der Diagnostik zurückzuführen ist und Patienten mit Schilddrüsenkrebs eine unschlagbar hohe 5-Jahre-Überlebensrate haben. Wachsames Abwarten sei häufig das beste Rezept, um mit diesem Krebs dennoch alt zu werden.

Auslöser der Meldung ist die schwedische Mobilfunkgegnerin Mona Nilsson, die hier im Forum schon mehrfach aktenkundig geworden ist. Sie setzte Microwave News auf die Spur des Schilddrüsenkrebses in Schweden, Slesin recherchierte und hörte, weil international gut vernetzt, sich unter Mobilfunkgegnern mit akademischer Note um.

Doch unfreiwillig macht er mit seinem guten Artikel ausgerechnet das bekannte Schweden-Duo Michael Carlberg (Biostatistiker) und Lennart Hardell (Krebsforscher) zu Konterrevolutionären von deren eigener weltweit gehandelter Hirntumorhypothese.

Und das kam so ...

Die beiden Schweden publizierten 2016 zur Abwechslung einmal nicht über das epidemiologische Hirntumorrisiko infolge EMF-Einwirkung, sondern über die auffällige Entwicklung von Schilddrüsenkrebs in den skandinavischen Ländern (Volltext). Ihre Idee, Handys könnten an dieser Entwicklung schuld sein, illustrierten sie mit folgender Grafik:

[image]
Bild: Carlberg, et al., BMC Cancer, 2016

Das Bild zeigt, wie sich die Position der Antenne eines Mobiltelefons (grau markiert) von den Anfängen (links) bis heute (rechts) infolge technischer Gegebenheiten geändert hat. Die ovale graue Fläche im Hals symbolisiert die Schilddrüse. Offenkundig ist: Im Gegensatz zu älteren Generationen von Mobiltelefonen befindet sich bei modernen Smartphones die Antenne nicht mehr oben im Gerät, sondern unten. Deshalb befelden Smartphones, werden sie am Ohr benutzt, bevorzugt die Schilddrüse.

So plausibel dies auf einen Kausalzusammenhang zwischen Schilddrüsenkrebs und Smartphonegebrauch am Ohr hindeutet (aber warum nur bei Frauen?), so plausibel belegt die Grafik im Umkehrschluss eine ungewollte Entwarnung in Bezug auf das viel beschworene Hirntumorrisiko. Denn bei modernen Smartphones ist die Antenne gemäß Carlberg et al. deutlich weiter vom Hirn entfernt als bei älteren Mobiltelefonen. Und jeder weiß: Abstand ist das A & O der EMF-Vorsorge :-).

Prognose: Nehmen wir jetzt einmal an, die Vermutung von Carlberg et. al. trifft zu und Smartphones sind tatsächlich für Schilddrüsenkrebs verantwortlich, dann trifft auch mein Umkehrschluss zu. Dies müsste in absehbarer Zeit Folgen für Hardells alarmierende Hintumorprognosen haben. Denn nach einer Phase der Zunahme der Hirntumorhäufigkeit müsste es logischerweise zu einem Scheitelpunkt kommen, nach dem die Inzidenzen wieder abnehmen!

Mir ist klar, dass dies grob vereinfacht dargestellt ist und ich etliche Wenn & Aber außer 8 lasse, grundfalsch ist die Schlussfolgerung mMn jedoch nicht. Der Zeitpunkt der Scheitelpunkterreichung ließe sich sogar einigermaßen genau voraussagen, wüsste man über die breite Markteinführung moderner Smartphones Bescheid und wäre die Latenzzeit von Hirntumoren nicht das reinste Ratespiel.

Hintergrund
Hirntumoren und frühe Mobilfunknetze

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Hardell, Hirntumor, Slesin, Nilsson, Microwave News

Nord-Süd-Anstieg in Deutschland spricht gegen Hardells Verdacht

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 04.03.2020, 01:58 (vor 1000 Tagen) @ H. Lamarr

Auch in Deutschland wurde 2013 eine starke Zunahme von Schildrüsenkrebs (SDK) beobachtet. Die ASIR (Altersspezifische und altersstandardisierte Inzidenzrate) von SDK stieg zwischen 2003 bis 2008 von 2,7 auf 3,4 (Männer) sowie von 6,5 auf 8,9 (Frauen) pro 100'000 pro Jahr an. Dieser Anstieg ist nahezu ausschließlich auf die Zunahme der Inzidenz des papillären SDK zurückzuführen, vor allem der Kategorie TNM-T1. Die Inzidenzverteilung in Deutschland ist durch einen deutlichen Nord-Süd-Anstieg gekennzeichnet.

Dieses deutliche Nord-Süd-Gefälle spricht gegen einen kausalen Zusammenhang mit Mobiltelefonen, denn es ist nicht ersichtlich, dass Norddeutsche weniger mit Handys telefonieren sollen als Süddeutsche oder anderweitig weniger exponiert werden.

Die Ursache für den erheblichen Anstieg der beobachteten SDK-Inzidenz in den letzten Jahrzehnten ist unbekannt. Als mögliche Ursachen für den Inzidenzanstieg werden eine Zunahme der diagnostischen Aktivität, oberirdische Kernwaffentests seit dem Zweiten Weltkrieg sowie die Tschernobyl-Katastrophe diskutiert. Der beobachtete Nord-Süd-Anstieg der SDK-Inzidenz in Deutschland könnte zum Teil auf langfristige Unterschiede in der Jodversorgung der Bevölkerung zurückzuführen sein.

Quelle: https://link.springer.com/article/10.1007/s00103-013-1884-1

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Schilddrüsenkrebs: Lennart Hardell legt mit Affenzahn nach ...

H. Lamarr @, München, Dienstag, 08.12.2020, 15:33 (vor 721 Tagen) @ H. Lamarr

Die beiden Schweden publizierten 2016 zur Abwechslung einmal nicht über das epidemiologische Hirntumorrisiko infolge EMF-Einwirkung, sondern über die auffällige Entwicklung von Schilddrüsenkrebs in den skandinavischen Ländern (Volltext). Ihre Idee, Handys könnten an dieser Entwicklung schuld sein, illustrierten sie mit folgender Grafik:

[image]
Bild: Carlberg, et al., BMC Cancer, 2016

... und damit nicht allein Wissenschaftler angesprochen werden, sondern die breite Öffentlichkeit nach Alarmstudien lechzender Mobilfunkgegner, haben die Autoren sich wieder nicht lumpen lassen und diesmal 2300 CHF aus eigener Tasche aufgebracht (This research received no external funding). Ihr jüngster Beitrag zu Mobilfunk-Schilddrüsenkrebs wurde am 3. Dezember 2020 zur Open-Access-Publikation eingereicht, am 5. Dezember vom Journal akzeptiert und am 7. Dezember publiziert.

Die Zusammenfassung lautet (übersetzt mit deepl.com):

Die Inzidenz von Schilddrüsenkrebs ist im 21. Jahrhundert in Schweden und allen nordischen Ländern stark angestiegen. Die Nutzung von Handheld-Mobiltelefonen nimmt zu, insbesondere das Smartphone setzt die Schilddrüse einer hohen HF-Strahlungsbelastung aus. Es wird postuliert, dass dies ein ursächlicher Faktor für die steigende Inzidenz sein könnte, die durch die Humanepidemiologie gestützt wird, die einen Zusammenhang zwischen Mobiltelefonnutzung und Schilddrüsenkrebs nachgewiesen hat.

Also im Grunde genommen nichts neues gegenüber 2016. Die Arbeit krankt mMn daran, dass, wenn Hardell und sein Statistiker Carlberg etwas erforschen, man schon vorher sagen kann, wie das Ergebnis lautet. Die beiden finden so gut wie immer etwas, was die Anti-Mobilfunk-Szene glücklich macht :-), wofür es freundliche und unfreundliche Erklärungen gibt.

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Schilddrüsenkrebs: Lennart Hardell legt mit Affenzahn nach ...

e=mc2, Dienstag, 08.12.2020, 22:32 (vor 720 Tagen) @ H. Lamarr

... und damit nicht allein Wissenschaftler angesprochen werden, sondern die breite Öffentlichkeit nach Alarmstudien lechzender Mobilfunkgegner, haben die Autoren sich wieder nicht lumpen lassen und diesmal 2300 CHF aus eigener Tasche aufgebracht (This research received no external funding).

Aus der eigenen Tasche kommt das wohl kaum. Dafür haben Sie ja eine Stiftung installiert mit prominentem Spendenaufruf auf der Startseite. Ich vermute, dass dieses Businessmodell deutlich besser funktioniert als Spenden für sachliche Aufklärung. Aber gerne lasse ich mich eines besseren belehren.

Speziell in diesem Zusammenhang, die Deklaration möglicher Interessenskonflikte durch die Autoren:
“The authors declare no conflict of interest.“

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