IARC wird EMF möglicherweise vor 2024 erneut eingruppieren (Forschung)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 09.05.2019, 23:33 (vor 1836 Tagen)

Im März 2019 begutachtete eine von der Internationalen Krebsagentur der WHO (IARC) einberufene Beratergruppe von 29 Wissenschaftlern aus 18 Ländern mehr als 170 krebsverdächtige Substanzen, um danach Empfehlungen auszusprechen, welche der Substanzen von der IARC bis 2024 unter die Lupe genommen werden sollten. Unter den Kandidaten waren neben von der Krebsagentur ungeprüften Substanzen auch solche, für die bereits IARC-Eingruppierungen (Monografien) vorliegen. Die Beratergruppe unterschied zwischen Empfehlungen mit hoher und niedriger Priorität. Ziel der Aktion ist es, den Wissensstand der IARC auf aktuellem Stand zu halten und veraltete Monografien auszuschließen.

Unter den mit hoher Priorität empfohlenen Agenzien für eine erneute Eingruppierung befinden sich auch die erst 2011 von der IARC untersuchten hochfrequenten Funkfelder (HF-EMF). Begründet wird dies damit, es gäbe eine bessere Nachweismethode (neuer Bioassay) und mechanistische Nachweise, die eine Neubewertung der bisherigen 2B-Eingruppierung (möglicherweise krebserregend) in der zweiten Hälfte des 5-Jahre-Zeitraums bis 2024 rechtfertigten. Ob die IARC der Empfehlung Folge leisten wird ist gegenwärtig offen.

In der Beratergruppe finden sich mit Fiorella Belpoggi und Oleg Grigoriev zwei erklärte Mobilfunkkritiker:

M M Marques (Portugal) — Meeting Chair; A Berrington de Gonzalez (USA) — Meeting Vice
Chair; F A Beland (USA); P Browne (France); P A Demers (Canada); D W Lachenmeier (Germany) — Subgroup Meeting Chairs; T Bahadori (USA); D K Barupal (USA); F Belpoggi (Italy); P Comba (Italy); M Dai (China); R D Daniels (USA); C Ferreccio (Chile); O A Grigoriev (Russia); Y C Hong (South Korea); R N Hoover (USA); J Kanno (Japan); M Kogevinas (Spain); G Lasfargues (France); R Malekzadeh (Iran); S Masten (USA); R Newton (Uganda and UK); T Norat (UK); J J Pappas (Canada); C Queiroz Moreira (Brazil); T Rodriguez (Nicaragua); J Rodríguez-Guzmán (USA); V Sewram (South Africa); L Zeise (USA)

Der Vorschlag, HF-EMF erneut einzugruppieren kommt überraschend, da die erste Eingruppierung erst acht Jahre zurückliegt und die Wissenschaft seither keine zweifelsfrei belastenden/entlastenden neuen Erkenntnisse gewonnen hat. Möglicherweise wurde die Beratergruppe von der öffentlichen Diskussion beeinflusst, entfacht von einigen Mobilfunkkritikern (z.B. L. Hardell), die HF-EMF gerne höher (schädlicher) eingruppiert sehen möchten (Gruppe 2A oder sogar 1). Ebenso könnte die weltweite 5G-Hysterie, die ebenfalls auf das Konto von Mobilfunkkritikern geht, die Beratergruppe beeinflusst haben. Doch es gibt auch andere Stimmen, die eine Vernachlässigung des Krebsrisikos niederfrequenter Magnetfelder (NF-MF) zugunsten von HF-EMF sehen. So gäbe es seit mehreren Jahrzehnten Hinweise auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Magnetfeldern und Leukämie sowie Alzheimer. Diese Hinweise seien deutlich belastbarer als die Hinweise auf Gliome durch HF-EMF. Eine Neubewertung der ersten Eingruppierung von NF-MF aus dem Jahr 2001 durch die IARC sei deshalb wichtiger als die Neubewertung der noch jungen Eingruppierung von HF-EMF.

Kritik an der Empfehlung der Beratergruppe kommt auch aus Kreisen der Mobilfunkkritiker. Diese stören sich daran, dass die Beratergruppe die HF-EMF-Neubewertung in die zweite Hälfte des 5-Jahre-Zeitraums bis 2024 packte. Dann sei es zu spät, die Einführung von 5G wäre zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend abgeschlossen.

Hintergrund
Eingruppierungsschema der IARC für krebsverdächtige Substanzen

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
IARC, Hardell, Klassifizierung, Grigoriev, Belpoggi

Iarc: Neubewertung des HF-EMF-Krebsrisikos wahrscheinlich 2024

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 15.12.2022, 23:22 (vor 520 Tagen) @ H. Lamarr

Microwavenews berichtet, Elisabete Weiderpass, Direktorin der Internationalen Agentur für Krebsforschung (Iarc), habe sich im November 2022 anlässlich einer von der Französischen Agentur für Nahrungssicherheit, Umwelt und Arbeitsschutz (Anses) organisierten Fachveranstaltung in Paris zur geplanten Neubewertung des Krebsrisikos HF-EMF durch Iarc geäußert.

Am 23. November 2022 gab Weiderpass bekannt, dass eine Neubewertung der Beweise für die Verbindung zwischen hochfrequenter Strahlung und Krebs wahrscheinlich Anfang 2024 stattfinden wird. Eine entsprechende Entscheidung könnte in wenigen Monaten fallen.

Der Ruf nach einer neuen Iarc-Bewertung für HF-EMF wird seit einigen Jahren zunehmend lauter, nachdem zwei große Tierstudien veröffentlicht wurden, die eine erhöhte Anzahl von Tumoren nach lebenslanger Exposition gegenüber HF-Strahlung zeigten. Viele glauben, die Tierversuche ließen der Agentur kaum eine andere Wahl, als die Einstufung des Krebsrisikos von derzeit "möglich" um mindestens eine Stufe auf "wahrscheinlich" zu erhöhen, oder vielleicht sogar auf die höchste Einstufung, derzufolge HF-EMF dann ein bekanntes Karzinogen für den Menschen wäre.

Aber, wie Weiderpass bei ihrer Ankündigung auf einer Konferenz in Paris klarstellte, könnte das HF-Krebsrisiko stattdessen auch herabgestuft werden.

Es steht viel auf dem Spiel. weiter ...

Hintergrund
Teilnehmervorstellung der Anses-Veranstaltung vom 23. November 2022
Video-Präsentation der Teilnehmer (englisch)

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– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Iarc: Neubewertung des HF-EMF-Krebsrisikos nicht vor April 2025

H. Lamarr @, München, Sonntag, 21.01.2024, 23:55 (vor 118 Tagen) @ H. Lamarr

Microwave News meldet am 19. Januar 2024, die Neubewertung des Krebsrisikos von HF-EMF werde weiter auf sich warten lassen. Das stimmt. Frühestens im April 2025 könnte es so weit sein. Explizit sagt Iarc dies zwar nicht, der Monograph-Fahrplan der Krebsagentur lässt jedoch keine andere Interpretation zu.

Im Jahr 2011 klassifizierte eine von Iarc einberufene Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern HF-EMF als für Menschen "möglicherweise krebserregend" in die Risikogruppe 2B ein und wenig später wurde dies mit dem Monograph 102 dokumentiert. Seither ist viel Wasser die Isar hinunter geflossen und neue Studien haben den wissenschaftlichen Horizont erweitert. Ein Beratergremium von Iarc empfahl deshalb 2019, HF-EMF noch vor 2025 einer Neubewertung zu unterziehen. Dann begann das ungeduldige Warten, wann genau es soweit sein wird. Im November 2022 ließ Iarc-Chefin Weiderpass verlauten, Anfang 2024 könnte das entscheidende Arbeitstreffen stattfinden. Doch Iarc ist in Verzug und kann diesen Termin nicht einhalten. Warum, das lässt sich Iarcs Monograph-Fahrplan entnehmen.

Dort ist erkennbar, dass das Jahr 2024 mit zwei Arbeitstreffen für die Monographien 136 und 137 sowie mit der Zusammenkunft der Berater mit Empfehlungen für die kommenden Monographien der Periode 2025 bis 2029 bereits jetzt voll ausgebucht ist. Und der erste Zeitschlitz im Jahr 2025 ist schon für die Monographie 138 reserviert. Vor April 2025 geht also nichts mehr, wahrscheinlich wird HF-EMF wenn überhaupt noch später im Jahr 2025 neu bewertet. Für alle, die es nicht erwarten können, empfiehlt es sich daher, die Webseite des Fahrplans im Auge zu behalten, um die ersehnte Ankündigung nicht zu verpassen.

Dass sich Iarc nicht an die Empfehlung der Beratergruppe hält, HF-EMF bis spätestens Ende 2024 neu zu bewerten, hat einen triftigen Grund. Die Krebsagentur will vernünftigerweise dieses Jahr bevorstehende wichtige neue Forschungsergebnisse abwarten wie die koreanische und japanische Replikation der NTP-Studie und die von der WHO in Auftrag gegebenen systematischen Reviews.

Organisierte Mobilfunkgegner hoffen darauf, Iarc wird bei der Neubewertung von HF-EMF das Risiko hochstufen in Gruppe 2A (wahrscheinlich krebserregend) oder sogar Gruppe 1 (krebserregend). Weiderpass gab sich 2022 anlässlich ihrer Äußerung jedoch ergebnisoffen. Sie könne nicht sagen, ob HF-EMF höher oder tiefer eingestuft werde, dies sei Sache der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe, die darüber zu befinden habe. Was hätte die Iarc-Chefin auch anderes sagen sollen?! Wer den Auftritt von Elisabete Weiderpass selbst in Augenschein nehmen möchte, kann dies im Video unten ab Minute 54:50 tun (Englisch-Simultanübersetzung).

Hintergrund
Wie steht es eigentlich um die HF-EMF-Neubewertung durch IARC?

Ab Minute 54:50 geht die Iarc-Direktorin kurz auf die Planung der HF-EMF-Neubewertung ein.

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