Auch Hörgeräte verursachen Elektrosmog (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Montag, 30.01.2023, 00:04 (vor 479 Tagen)

Hin und wieder bringt das Schweizer Verlagshaus Konsumenteninfo AG in seinen Zeitschriften "K-Tipp", "Gesundheitstipp" oder "Saldo" Beiträge zum Thema Elektrosmog. Organisierte Mobilfunkgegner freuen sich darüber, mir hingegen kommt jedes mal die Galle hoch. Warum? Weil die Zeitschriften sich aus meiner Sicht als Mietmaul für die Interessen von Nutznießern irrationaler Ängste gegenüber Elektrosmog betätigen. Diesmal liefert mir "Saldo" den Stein des Anstoßes.

Jüngster Streich des Blatts ist der Beitrag "Auch Hörgeräte verursachen Elektrosmog" vom 25. Januar 2023. Außer einem Appetizer erfahren Neugierige dort jedoch nicht viel, der Beitrag lauert hinter einer Bezahlschranke auf seine Leser. Freundlicherweise unterstützt jedoch Elisabeth Buchs, "elektrosensibles" Vorstandsmitglied von Gigaherz, "Saldo" mit einem verkaufsfördernden Posting im Forum ihres Vereins, das wenigstens in Ansätzen Einblick gibt, was das Blatt seinen Lesern auftischt.

Textpassagen aus dem Beitrag, die meiner Galle nicht gut tun, formatiere ich im Zitatformat des IZgMF-Forums und hänge meinen Kommentar dran.

Auch Hörgeräte verursachen Elektrosmog

Stimmt, Hörgeräte verursachen "Elektrosmog", sogar Modelle ohne Bluetooth. Und das schon seit etwa 2007. Damals kamen "binaurale" Modelle auf, die Funkkontakt zwischen den Hörgeräten fürs linke und rechte Ohr zuließen, z.B. um Einstellwerte von A nach B zu übertragen. Diese Technik, die noch heute angewendet wird, nutzt im 3-MHz-Bereich die magnetische Feldkomponente des Funksignals, da auf diese Weise der Kopf des Schwerhörigen das Funksignal nahezu ungedämpft von Ohr zu Ohr passieren lässt, jedoch mit nur bescheidener Datenübertagungsrate von etwa 100 bit/s. Was für einfache Steuerungszwecke genügte, war für Tonsignalübertragung und komfortable Steuerung (App) mit einem Smartphone jedoch viel zu wenig. Bluetooth LE (Low Energie) löste vor etwa fünf Jahren dieses Problem, wobei schwache Sendeleistungen von 0,01 mW bis maximal 10 mW zulässig sind. Doch wer die winzigen Knopfzellen von Hörgeräten einmal gesehen hat muss kein Techniker sein, um zu kapieren, dass diese Energiequellen über mehrere Tage hinweg nur "Elektrosmog" hervorbringen können, der, – weil lächerlich klein, – keiner ist. Hörgeräten "Elektrosmog" anzudichten ist in etwa so sinnfällig wie ein Tempolimit von 10 Zentimeter pro Stunde als gefahrenbringend abzulehnen.

Funksender in Hörgeräten senden elektro­magnetische Strahlen.

Am Gebrauch des Wortes "Strahlen" ist erkennbar, "Saldo" will mit der Assoziation zu radioaktiver Strahlung Ängste wecken. Bluetooth-Sender emittieren aber keine todbringenden Strahlen, sondern schwache und deshalb harmlose elektro­magnetische Felder, die auch bei "sensiblen Menschen" keinerlei mit statistischer Signifikanz reproduzierbare Beschwerden auslösen können. Wer anderes behauptet, möge dafür ernst zu nehmende Belege beibringen.

Immer mehr Hörgeräte enthalten Bluetooth-Sender. Damit lassen sich der Ton des Fernseh­geräts, der Musikanlage und anderer Tonquellen direkt aufs Hörgerät über­tragen.

Der Autor des Beitrags muss den Physik-Unterricht geschwänzt haben. Seine Aufzählung gilt für Bluetooth-Sender in den genannten Geräten, das Hörgerät muss die Audiosignale nur empfangen und sendet, wenn überhaupt, nur kurze Signalisierungen zurück.

Die Hörgeräte verursachen elektromagnetische Strahlung.

Nein, wirklich? Das ist ja schrecklich!

Das zeigen Messungen des Elektrosmog-Fachmanns Peter Schlegel aus Esslingen ZH.

Peter Schlegel (81) ist studierter Bauingenieur. Um die Jahrtausendwende hat er diesen Beruf aufgegeben und sich voll dem Geschäftsfeld Elektrosmog-Beratung, -Messung und -Schirmung gewidmet. Zudem betreibt er die Website "Bürgerwelle Schweiz". Schlegels Geschäftsfeld beruht auf irrationalen Ängsten gegenüber elektromagnetischen Feldern jeder Art. Er ist einer der medienpräsentesten Warner vor Elektrosmog in der Schweiz und sorgt mit seinen Auftritten dafür, dass die Grundlage seines Geschäftsmodells bei der Bevölkerung nicht in Vergessenheit gerät.

Er hat die Funkstrahlung von vier Hinter-dem-Ohr-Hörgeräten gemessen. Dabei zeigte sich: Im Standby-Modus, also im normalen Betriebszustand verursachten die Hörgeräte eine Strahlung im Bereich von 0,41 bis 0,7 V/m.

Bestimmungsgemäß gebraucht hat ein Hörgerät direkten Körperkontakt entweder hinter dem Ohr oder im Ohr. Der Abstand der Bluetooth-Antenne im Hörgerät zu Gewebe beträgt nur wenige Millimeter. Unter diesen Umständen ist eine Feldstärkemessung, wie sie Peter Schlegel durchgeführt hat, äußerst fragwürdig, denn es fehlt in dem "Saldo"-Textfragment die Angabe, in welchem Abstand zum Hörgerät er gemessen hat. Dieser Abstand bestimmt den Messwert maßgebend, je größer der Abstand, desto kleiner der Messwert. Da anzunehmen ist, dass Schlegel die aufs Gewebe einwirkende Feldstärke messen wollte hat er wahrscheinlich so nah wie möglich am Hörgerät gemessen, alles andere wäre sowieso irrelevant. Das klingt zunächst logisch richtig, dieser Weg führt jedoch mit Baubiologen-Messtechnik nicht zu korrekten Messwerten. Denn bei der Bluetooth-Trägerfrequenz im 2,4-GHz-ISM-Frequenzband beträgt die Wellenlänge rd. 12 Zentimeter. War der Bauingenieur mit seiner Messantenne deutlich näher als 12 Zentimeter an dem Hörgerät dran, hat er tief im "reaktiven Nahfeld" der winzigen Bluetooth-Sendeantenne gemessen. In diesem Feldbereich gelten jedoch völlig andere physikalische Gesetze als im "Fernfeld", in dem Baubiologen üblicherweise messen, und das bei Bluetooth in rd. 50 Zentimeter Abstand zur Sendeantenne beginnt. Da sich auch bei Smartphones der Kopf eines Nutzers im "reaktiven Nahfeld" befindet nennen alle Hersteller nicht die elektrische Feldstärke als Maß für die "Strahlenbelastung" des Kopfes, des Rumpfes und der Gliedmaßen, sondern SAR-Werte. Diese aber lassen sich mit Baubiologen-Messtechnik nicht ermitteln, sie erfordern SAR-Messplätze, die mit speziellen (kleinen) Messsonden ausgestattet sind und Kosten in der Größenordnung von 300'000 Euro verursachen.

Selbst unter der kühnen Annahme, die Messwerte 0,41 V/m bis 0,7 V/m wären halbwegs zutreffend, stellt sich die Frage, was diese Werte bei einem zulässigen Immissionsgrenzwert von 61 V/m bedeuten. Mit maximal 1,14 Prozent Grenzwertausschöpfung dürfen die Werte getrost als belanglos eingestuft werden, zumal sie auch deutlich unter den Schweizer Anlagegrenzwerten liegen. Sinnvoll sind diese Vergleiche jedoch nicht, da a) Feldstärkewerte für körpernahe Befeldung wie zuvor ausgeführt unzulässig sind und b) die genannten Grenzwerte nicht für Teilkörperbefeldung gelten, was bei einem Hörgerät der Fall ist, sondern für Ganzkörperbefeldung im Fernfeld. Kurzum: Schlegels Messwerte sind irrelevant, nichts lässt sich damit anfangen.

Der Zuger-Hörgeräteakustiker Nico Tomasini hat sich auf elektrosensible Personen spezialisiert.

Vielleicht ist der Tomasini aber auch ein Freund der "Saldo"-Redaktion :-). Dies vermute ich, weil unter "Elektrosensiblen" Tipps, die zu "Helfern" gleich welcher Art führen, hoch willkommen sind. Gefragt sind z.B. Geheimtipps zugunsten von Medizinern, die großzügig "Atteste" für eine "diagnostizierte" Elektrosensibilität ausstellen.

Mutmaßlich ist der gute Mann auf das Märchen hereingefallen, in der Schweiz gäbe es 800'000 "Elektrosensible".

Er sagt, das Ausschalten des Senders funktioniere bei jedem Hörgerät anders bei einigen sei es nicht möglich.

Tja, was bleibt schwerhörigen "Elektrosensiblen" angesichts dieser Warnung anderes übrig, als bei dem ausgefuchsten Herrn Tomasini einzukaufen? In der Schweiz gehen jährlich rd. 90'000 Hörgeräte über den Ladentisch. Und angeblich ist jeder zehnte Schweizer "elektrosensibel". Das wären dann 9000 potentielle Kunden für den Hörgeräteakustiker, 36 pro Arbeitstag. Weil das für einen Einzelkämpfer aber viel zu viele sind, müssen sich mindestens noch zwei weitere Hörgeräteakustiker auf "elektrosensible" Kunden spezialisieren, um den erhofften Ansturm bewältigen zu können :wink:.

Einfacher ist es, die Hörgeräte in den Flugmodus zu versetzen (nicht bei allen möglich). Dann schweigt der Bluetooth-Sender. Allerdings muss man den Flugmodus jeden Tag von neuem aktivieren, wenn man die Hörgeräte einschaltet.

Uff! "Hörgeräte in den Flugmodus zu versetzen" lese ich zum ersten mal. Es scheint aber tatsächlich möglich zu sein, obschon ich dem verlinkten vagen Tipp nicht über den Weg traue, da der Nutzer (ohne technische Hilfsmittel) keinerlei Kontrollmöglichkeit hat. Andererseits eröffnet der Tipp die Gelegenheit zum Blindversuch: Gaukelt er die Abschaltung nur vor und fühlt sich ein überzeugter Elektrosensibler danach dennoch besser, wäre dies ein gelungener Nachweis des Nocebo-Effekts im Selbstversuch. Vernünftige Betroffene könnten auf diese Weise geläutert werden und ihre Hörgeräte künftig stressfreier nutzen.

Hintergrund
Bluetooth LE auf Wikipedia
Bluetooth Reichweite verstehen
Hörgeräte heute und in Zukunft: Signalverarbeitung mit neuen Verbindungen
K-Tipp im IZgMF-Forum
Gesundheitstipp im IZgMF-Forum
Saldo im IZgMF-Forum

[Admin: Falsche Formatierung berichtigt am 31.01.2023, 17:36 Uhr]

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Baubiologe, Geschäftsmodell, Nahfeld, Seilschaft, Schweiz, Schlegel, Bluetooth, K-Tipp, Hörgerät


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