Apotheken-Umschau: Im Netz der Strahlen (Medien)

H. Lamarr @, München, Samstag, 30.04.2022, 21:50 (vor 219 Tagen)

Der Ausbau des 5G-Netzes schafft erneut Ängste. Doch wie wirken die elektromagnetischen Wellen von Handy, W-Lan und Co. wirklich auf unseren Körper? Mit einem 4-seitigen Artikel geht die einflussreiche Apotheken Umschau – von Jüngeren liebevoll Rentner-Bravo genannt, – dieser Frage nach. Wir haben uns die Ausgabe vom 15. April 2022 besorgt und nachgeschaut, ob der Artikel dem Verlagsanspruch gemäß leicht verständlich, wissenschaftlich fundiert und absolut unabhängig geschrieben wurde.

[image]Wikipedia zufolge ist die Apotheken Umschau nach der Mitgliederzeitung ADAC-Motorwelt Deutschlands auflagenstärkstes Magazin (Stand Q4/2021: monatlich verkaufte Auflage 7'640'560 Exemplare). Das Heft erscheint alle zwei Wochen, liegt in 80 Prozent der etwa 20'400 Apotheken in Deutschland unentgeltlich aus und erreicht jeden Monat rd. 18,43 Mio. Leser älter als 40 Jahre. Wegen dieser enormen Reichweite wollten wir wissen, wie die Autorin Sonja Gibis das heikle Thema angegangen ist, ob sie sich auf anerkannte wissenschaftliche Quellen stützt oder eher dem Munkeln & Raunen über allerlei Gesundheitsrisiken der 5G-Technik Raum bietet. Ließe sich ein unqualifizierter Alarmartikel in einem kleinen Käseblatt noch gut verschmerzen, in dem Apothekenblatt wäre die Schadwirkung ungleich größer. Aber: Da das Magazin Kunden in Apotheken locken soll, ist Gibis' Artikel zumindest gegenwärtig im www nicht zu bekommen. Um eines Exemplars habhaft zu werden, musste ich mich notgedrungen auf die Beine machen und leibhaftig eine Apotheke aufsuchen. Die Recherche fing also mal wieder gut an, soll Bewegung doch bekanntlich gesund sein ...

Verlagsanspruch eingehalten

Um es kurz zu machen: Gibis hat evidenzbasiert recherchiert, was bei heiklen Gesundheitsthemen journalistisches Verantwortungsbewusstsein widerspiegelt. Ihr leicht verständlicher Artikel ist daher auch wissenschaftlich fundiert. Und was die Unabhängigkeit anbelangt: Ein ganzseitiges Inserat eines Mobilfunknetzbetreibers oder Smartphoneherstellers hätte dem Verlag rd. 85'000 Euro eingebracht, wäre denn eines gebucht worden. Dies aber ist nicht der Fall. Auch kleinformatigere Anzeigen der Mobilfunker suchte ich in der fraglichen Ausgabe vergeblich, so dass angenommen werden darf, der Artikel wurde nicht geschrieben, um den Anzeigenerlös des Verlags nach oben zu treiben.

Pophof und Witthöft statt Gutbier und Hensinger

Die Autorin berichtet unaufgeregt und sachlich korrekt über die Mobilfunkdebatte, sogar so, als ob diese kein reißender Bergbach wäre, sondern ein ruhig dahin fließender Strom. Sie folgt damit der Empfehlung des deutschen Pressekodex für Medizin-Berichterstattung. Dabei werden Reizthemen wie die Existenz von Mobilfunkgegnern, "Elektrosensible" oder die NTP-Großstudie keineswegs verschwiegen. Gibis gelang der Spagat, indem sie die üblichen Verdächtigen der hiesigen Anti-Mobilfunkszene nicht befragte. Da das Szenepersonal nahezu ausnahmslos aus aufgeregten fachlichen Laien mit festen Überzeugungen und abseitigen Ansichten besteht, scheidet es als seriöse Informationsquelle für einen evidenzbasierten Artikel von vornherein aus.

Stattdessen befragte Gibis die promovierte Biologin Blanka Pophof vom Bundesamt für Strahlenschutz und den Psychologieprofessor Michael Witthöft von der Universität Mainz. Beide sind mit der EMF-Thematik seit langem vertraute Wissenschaftler, die in dem Artikel neben bekannten Argumenten auch die eine oder andere weniger geläufige Aussage machen. Pophof erklärt z.B. den Umstand, warum Mobilfunkgegner überhaupt mit etlichen alarmierenden Studien wedeln können. Dies läge auch daran, dass etwa fünf Prozent der Studien (infolge methodischer Schwächen) Effekte zeigen, obwohl tatsächlich keine vorhanden sind. Dies sei schlicht eine Frage der Statistik. Was die Biologin damit meint, kennen wir alle unter der Redewendung, die Ausnahme bestätigt die Regel. In der Tat wäre es auf einem beliebigen Studiengebiet statistisch verdächtig, würden dort alle Forscher ausnahmslos zu gleichen Bewertungen eines Risikos kommen.

Reißerische Darstellungen vermeiden

Den Psychologieprofessor zitiert die Autorin mit seinem Appell an die Medien, realistisch aufzuklären und reißerische Darstellungen zu vermeiden. Gibis Artikel folgt diesem Appell. Auch die obligatorischen Tipps, die eigene EMF-Exposition vorsorglich zu verringern, fehlen nicht. Der fünfte von sechs Tipps lautet: Um online zu gehen, besser das strahlungsärmere W-Lan nutzen als das Mobilfunknetz. Hypersensible Mobilfunkgegner, die sich sogar wegen batteriegespeister harmloser Funk-Wasserzähler sorgen, werden über diesen Tipp entsetzt sein. Faktisch ist der Tipp fürs derzeit noch gängige 2,4-GHz-W-Lan jedoch vernünftig, denn dort ist die zulässige Strahlungsleistung mit max. 100 mW sehr gering. Nur bei wirklich gutem Empfang kommt ein Smartphone auf Mobilfunk mit noch weniger Leistung aus. Ein 5-GHz-W-Lan erlaubt im oberen Band (5,470 GHz bis 5,725 GHz) jedoch schon 1 W Strahlungsleistung (1000 mW) und bietet gegenüber Smartphones auf Mobilfunk mMn keine nennenswerten Vorteile mehr.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Angst, Psychologie, BfS, Witthöft, Apotheken-Umschau, Pophof


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