Big News: Chris Portier hält EMF für wahrscheinlich karzinogen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 17.03.2021, 21:09 (vor 470 Tagen)

Dariusz Leszczynski berichtet in seinem Blog über einen 173 Seiten umfassenden Report (Volltext) von Christopher J. Portier, der zu dem Ergebnis gekommen ist, EMF sei wahrscheinlich krebserregend. Gemäß der IARC-Klassifizierung wäre EMF demnach von Gruppe 2B in Gruppe 1B*) hoch zu stufen. Einiges spricht dafür, dass der Report, der eigentlich ein gerichtliches Sachverständigengutachten ist, eine Doppelfunktion hat.

Portier lässt keinen Zweifel, wo er das Risiko EMF verortet. Er schreibt: The evidence on an association between cellular phone use and the risk of glioma and/or acoustic neuroma in adults is strong. [Die Beweise für einen Zusammenhang zwischen der Nutzung von Mobiltelefonen und dem Risiko von Gliomen und/oder Akustikusneurinomen bei Erwachsenen sind stark.]. Ob diese Wertung nun zutrifft oder nicht ist sicherlich wichtig, für noch wichtiger aber halte ich die Differenzierung, die Portier zum Leidwesen von Sendemastengegnern trifft. Denn er redet nur von Mobiltelefonen, nicht von Sendemasten. Damit verwehrt Portier Mobilfunkgegnern ein Belastungsargument gegen Sendemasten. Ob dies von den Manipulationsfreudigen der Anti-Mobilfunk-Szene respektiert wird oder ob sie (wie üblich) mit unscharfen Formulierungen, Verdrehungen oder Lügen versuchen werden, Sendemasten doch ins Spiel zu bringen, werden wir sehen.

Der Dateiname des Reports weist darauf hin, dass Portier diesen nicht aus Jux und Tollerei verfasst hat, sondern als Gutachter für den in den USA, Washington DC, laufenden EMF-Hirntumorprozess Murray vs. Motorola. Das angebotene PDF des Reports macht dessen schnelle Bewertung jedoch sehr schwierig, da es nicht durchsuchbar ist. Offenbar handelt es sich um ein gescanntes Dokument.

Überraschend kommt Portiers Befund nicht, er hat bereits seit geraumer Zeit eine kritische Haltung gegenüber EMF und Icnirp, 2017 war er im Zusammenhang mit Glyphosat in den Verdacht eines Interessenkonflikts geraten (Belege).

Üblicherweise werden Prozessgutachten nicht veröffentlicht. Dass es diesmal anders ist, könnte damit zusammenhängen, dass die IARC möglicherweise noch vor 2024 eine erneute Eingruppierung von EMF vornimmt. Wenn dies zutrifft, schlägt Portier mit einer Klatsche zwei Fliegen:

► Er gutachtert zugunsten der Kläger im Fall Murray vs. Motorola.
► Das Timing für eine Zweitverwertung seines Gutachtens anlässlich einer erneuten Krebseinstufung von EMF durch die IARC wäre geradezu perfekt für eine Hochstufung.

Portier (Jg. 1956) ist kein Unbekannter, sondern ein dicker Fisch, dessen Wort Gewicht hat. Der US-Amerikaner war 30 Jahre lang Senior Researcher am US-amerikanischen National Institute of Environmental Health Sciences (NIEHS), dort leitete er ein eigenes Forschungslaboratorium. Zugleich war er zeitweise Direktor am US-amerikanischen National Toxicology Program (NTP). Nach dem NIEHS wurde er Direktor des US-amerikanischen National Center for Environmental Health (NCEH) und Direktor der US-amerikanischen Agency for Toxic Substances and Disease Registry (ATSDR). In diese Zeit fällt seine Teilnahme an der IARC-Arbeitsgruppe, die im Jahr 2011 HF-EMF mit der Wertung 2B (möglicherweise krebserregend) einstufte. Anlässlich einer Anhörung war er 2015 in Deutschland. Damals bekundete er, halb im Ruhestand zu sein und in Teilzeit für verschiedene Regierungs- und nichtstaatliche Organisationen zu arbeiten.

*) Nachtrag vom 22.03.2021: Richtig muss es heißen 2A.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
IARC, Motorola, Leszczynski, Klassifizierung, USA, Portier, Murray


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