Grenzgänger machen Wissenschaft glaubwürdig (Forschung)

H. Lamarr @, München, Montag, 11.05.2020, 00:22 (vor 1471 Tagen) @ H. Lamarr

Seitdem ich 2002 unfreiwillig in die Mobilfunkdebatte geschlittert bin, ist mir das Schubladendenken von Mobilfunkgegnern in Fleisch und Blut übergegangen. Seit eh und je trennt die Anti-Mobilfunkszene EMF-Wissenschaftler in die Guten und die Bösen. Die Gegner von Mobilfunkgegnern praktizieren dies ebenso, nur spiegelverkehrt. Solange die Guten nur Gutes tun und die Bösen nur Böses, gleiten die beiden Schubladen reibungslos und die jeweilige Erwartungshaltung wird vollauf befriedigt. Für die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft ist diese für Zaungäste bequeme Situation jedoch abträglich, denn wie kann es gut sein, wenn von einem Wissenschaftler schon bekannt ist, was er in seiner nächsten Studie finden wird, noch bevor er damit angefangen hat? Da stellt sich im Laufe der Zeit die zweifelnde Frage nach der Ergebnisoffenheit zunehmend drängender.

Alexander Lerchl war aus Sicht überzeugter Mobilfunkgegner zu Beginn seines Wirkens in der Mobilfunkdebatte aus Sicht überzeugter Mobilfunkgegner zuerst Hoffnungsträger, dann aber die Personifizierung des Bösen. Aus dieser Schublade sprang er 2015 völlig unerwartet mit einer alarmierenden Studie heraus (Tumorpromotion infolge schwacher EMF-Exposition). Doch heute tun sich die Einpeitscher der Anti-Mobilfunkszene unglaublich schwer, den Mann, den sie jahrelang aufs Übelste verunglimpften, leidenschaftslos als Autor einer alarmierenden Mobilfunkstudie zu benennen. Die grotesken Verrenkungen, die einige Szenegrößen bei dieser Übung anstellen, sind zu beobachten höchst amüsant.

Auch Dariusz Leszczynski rechne ich zu diesen unberechenbaren EMF-Wissenschaftlern. Bislang klar den Mobilfunkgegnern und ICNIRP-Hassern zuzuordnen, irritiert der Finne inzwischen alle Schubladenzieher auf den Zuschauerrängen. Denn plötzlich argumentiert er schonungslos auch gegen zwielichtige akademische Gesinnungsfreunde, die von eher schlichten Gemütern der Anti-Mobilfunkszene noch als Leitfiguren verehrt werden. Damit punktet Leszczynski ebenso wie Lerchl, nur diesmal auf der anderen Seite. Auf der Gegenseite wiederum wurde James Lin begeistert empfangen. Grund: Das ehemalige Mitglied der ICNIRP-Kommission vertritt plötzlich die Meinung, die EMF-Grenzwerte, die er jahrelang vertrat, müssten gesenkt werden. Der Schweizer Martin Röösli hingegen ist für die Mobilfunkgegner des Alpenstaats ein rotes Tuch. Zu Unrecht, denn Röösli belieferte vor Jahren die Anti-Mobilfunkszene mit einer gern genommen Studie, die zeigte, allein von der Industrie finanzierte Studien zeigen weniger Effekte als anders finanzierte.

Zuletzt gelang das Kunststück, aus ihnen zugewiesenen Schubladen zu springen, Niels Kuster, Frauke Focke und Primo Schär. Sie alle fanden alarmierende EMF-Wirkungen, was sie jetzt jedoch nicht hinderte, mit einer nicht geglückten Replikation die umstrittene "Reflex"-Studie endgültig ins Jenseits zu schicken. Wobei anzumerken ist, dass das Schubladendenken zulasten dieser drei nie so ausgeprägt war wie z.B. zulasten von Alexander Lerchl.

Was ich sagen will ist, wäre die Wissenschaft so korrumpiert, wie uns manche einreden wollen, dürfte es die genannten Grenzgänger nicht geben. Dass es sie gibt und dass sie tun dürfen, was sie tun, spricht für eine unabhängige glaubwürdige Wissenschaft. Dass des einen Glück des anderen Leid ist, das muss auszuhalten sein. Im Auge behalten sollte man mMn gleichwohl diejenigen, die ununterbrochen über lange Zeit hinweg ausschließlich Gutes oder ausschließlich Böses finden. Dort könnte der Wurm drin sein.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –


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