Rai Südtirol Verbrauchermagazin - 5G: Chance und Sorgenkind (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 18.07.2019, 15:10 (vor 146 Tagen) @ seveneleven

Wie ist eure Meinung dazu?

Auch aus meiner Sicht ein wenig sachkundiger Beitrag, der vor allem den spekulativen Bedenken von Meinungsaußenseitern Raum gibt und damit verdeckt den Interessen von Leuten dient, deren Geschäftsmodelle auf irrationalen Ängsten gegenüber Elektrosmog beruhen. Den Verbrauchern hilft der RAI-Beitrag in keiner Weise weiter, ein objektives Bild von 5G zu bekommen.

Die Behauptung von Dr. Imbesi (Verbraucherzentrale), in Südtirol gäbe es (statistisch) 7000 "Elektrosensible", halte ich für hochgradig unrealistisch, auch wenn er zugibt, dass die 7000 nicht alle "Schwerstbetroffene" sind, wie es in der Szene gerne ausgedrückt wird. RAI lässt Imbesis Behauptung unwidersprochen. Dabei kann jeder mühelos recherchieren, dass "Elektrosensibilität" nirgendwo eine anerkannte physische Erkrankung ist (auch nicht in Schweden) und z.B. die WHO dieses Krankheitsbild äußerst skeptisch sieht. Hinzu kommt, dass trotz großer Anstrengungen der Forschung bislang weltweit kein einziger selbstdiagnostizierter Elektrosensibler seine behauptete Fähigkeit zur unangenehmen Wahrnehmung schwacher elektromagnetischer Felder unter wissenschaftlicher Aufsicht zeigen konnte. Bis heute konnte kein Kausalzusammenhang zwischen behaupteter "Elektrosensibilität" und den Symptomen der Betroffenen gefunden werden. Aus meiner Sicht, mit der ich keineswegs allein stehe, handelt es sich bei dem Phänomen um eine psychische Erkrankung, z.B. um eine Sendemastenphobie, ausgelöst durch den Nocebo-Effekt. Alle diese Relativierungen fehlen in dem RAI-Beitrag, dort wird so getan, als sein "Elektrosensibilität" real existierend und unumstritten. Ich sehe darin öffentlich-rechtliche Desinformation durchs italienische Staatsfernsehen. Vielleicht wollen die damit von den großen wirtschaftlichen und politischen Problemen in Italien ablenken.

Auch dem Gerede um eine zunehmende "Strahlenbelastung" durch 5G kann ich nichts abgewinnen, denn niemand weiß heute, wie es wirklich kommen wird. Vermutlich sind es grundlegende Kenntnisdefizite bei Journalisten, die zu den immerzu gleichen substanzlosen Behauptungen führen. Dabei ist die Überlegung, dass mehr Sendemasten zu mehr Strahlung führen mit Verlaub gesagt dilettantisch. Denn auch ein technischer Laie könnte wissen, dass bei einer Verdichtung der Funknetze die einzelnen Basisstationen weniger stark strahlen müssen, um noch den Rand einer dann kleineren Funkzelle zu bedienen. Bliebe sonst alles beim Alten, würde so gesehen die "Strahlenbelastung" durch die Netze künftig sogar fallen. Doch so ist es aller Voraussicht nach nicht, denn bei 3,6 GHz und später auf noch höheren Frequenzen ist die Freiraumdämpfung für Funksignale aus physikalischen Gründen etwas höher als bei den bisherigen Frequenzen. Dieser Effekt läuft einer Sendeleistungssenkung entgegen, wobei anzumerken ist, dass 5G nicht allein auf 3,6 GHz abgewickelt werden wird, sondern auch auf den Frequenzen der bisherigen 2G-, 3G und 4G-Systeme. Da die 5G-Netze noch gar nicht existieren und niemand genau weiß, wo künftig die 5G-Masten stehen werden, sind seriöse Aussagen über die Entwicklung der "Strahlenbelastung" aus meiner Sicht nicht möglich und die Pauschalisierung, die Strahlung werde zunehmen, ist mit ziemlicher Sicherheit so nicht haltbar. Wahrscheinlich wird es eher so kommen, dass an manchen Orten die Immission steigt, an anderen konstant bleibt und an einigen fällt. Und die neuen adaptiven Antennen für 5G werden sich auf die effektive Immission (gemittelt über die Zeit) eher mäßigend denn eskalierend auswirken. Das macht eine treffende Einschätzung der Situation freilich noch komplizierter.

Wenn etwas für Laien kompliziert wird, schlägt nicht selten die Stunde der Populisten, die das Meinungsbild in der Bevölkerung mit ebenso einfachen wie fachlich falschen Darstellungen zu ihrem Vorteil zurechtkneten wollen. Ein Heer selbsternannter Bürgerreporter und selbsternannter Experten setzt bereits seit Jahren auf privaten Websites eine Desinformation nach der anderen über Mobilfunk in die Welt. Da herrscht wahrlich keinerlei Nachholbedarf. Ausgebildete Journalisten, über die auch RAI verfügen sollte, könnten sich mit fachlich qualifizierter Berichterstattung der Fake-News-Verbreitung in den Weg stellen. Ist dann halt etwas teurer, weil es über eine schnelle Google-Recherche und das banale Aufsagenlassen von kecken Sprüchen hinausgeht. RAI hat mit dem "Verbrauchermagazin" diese Chance verspielt, der Sender ist anscheinend der Ansicht, für das Thema 5G genüge billiger Verlautbarungsjournalismus und Sprücheklopferei. Ich halte das für unangemessen und respektlos den Zuschauern gegenüber. Daran ändern auch die wenigen farblosen Pro-Stimmen nichts, die als Alibi in den Beitrag montiert wurden.

Hintergrund
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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Geschäftsmodell, EHS, Nocebo, Populismus, Südtirol


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