Meinungsmache durch "Blick": Außenseiter groß geredet (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 12.10.2017, 14:06 (vor 770 Tagen) @ Peter Brill

SVP-Nationalrätin Yvette Estermann sagt, aus dem Unterricht dürfe kein schlichter Werbespot für Antennen werden. Es sei wichtig, dass auch auf die Strahlenbelastung durch verschiedene elektronische Geräte hingewiesen werde. Zudem wäre es wünschenswert, wenn auch die Bedürfnisse von elektrosensiblen Menschen thematisiert würden, so Estermann. Für diese sei etwa eine strahlungsfreie Zone, wie sie in einer Motion gefordert wird, wichtig.
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Yvonne Gilli, Alt-Nationalrätin der Grünen und Mitglied der Ärzte für Umweltschutz, sagt ...

Der "Blick" schürt aus meiner Sicht unbegründete Zweifel an der biologischen Unbedenklichkeit des Mobilfunks. Der Blick ist laut Wikipedia eine deutschsprachige Schweizer Boulevardzeitung mit einer (sinkenden) Auflage (2017) von 133'579 (Vj. 143'329) verkauften bzw. 135'922 (Vj. 143'499) verbreiteten Exemplaren und einer täglichen Reichweite von 519'000 (Vj. 663'000) Lesern.

Der Nationalrat der Schweiz hat 200 Mitglieder, der Blick lässt mit Frau Estermann jedoch ausgerechnet ein Mitglied zu Wort kommen, das erkennbar einen nicht fundierten Kenntnisstand in Bezug auf EMF hat. Frau Estermann ist Ärztin (Dr. med. darf sie sich nicht mehr nennen) und sie zeigte bereits früher eine Vorliebe für den Außenseiterstandpunkt in der E-Smog-Frage.

Wer Yvette Estermann nach Elektrosmog befragt, wie es der Blick tat, weiß von vornherein, welche Antwort er bekommt. Nicht anders verhält es sich mit Yvonne Gilli und mit dem Gigaherz-Jakob.

Estermann, Gilli und Jakob vertreten teils abwegige Außenseitermeinungen, doch der Blick lässt gegen die drei lediglich Valentin Delb zu Wort kommen, Leiter der Abteilung Luft bei der Baudirektion des Kantons Zürich, der einen vernünftigen Standpunkt vorträgt. Für mich sieht es so aus, als ob Delb lediglich Alibifunktion für den tendenziösen Blick-Beitrag hat.

Und warum das Ganze? Man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass der Schweiz eine tief reichende Auseinandersetzung anlässlich der Einführung des 5G-Funknetzes bevorsteht. Das Land hat sich in eine Zwickmühle manövrieren lassen, denn 5G verlangt entweder eine Netzverdichtung mit erheblich mehr Standorten für Sendeanlagen oder aber eine Anhebung der Anlagegrenzwerte, damit vorhandene Standorte für Sendeanlagen beibehalten werden können. Gegen beides zeichnet sich Widerstand ab und es ist damit zu rechnen, dass die Bevölkerung der Schweiz von beiden Lagern umworben wird. Von Mobilfunkgegnern mit populistischer Panikmache und Desinformation, von der Mobilfunkbranche und der Regierung mit für Laien schwer verdaulicher Sachinformation. Auf Meinungsmache ausgelegte Medien werden sich der Auseinandersetzung so tendenziös annehmen, wie es der Blick im konkreten Fall vorführt.

Die Idee, einem Mobilfunkgegner als Gegenmeinung einen ernst zu nehmenden Wissenschaftler oder Fachmann gegenüber zu stellen, um so beide Seiten zu Wort kommen zu lassen, ist eine ehrenwerte und gute Idee. Wirklich? Nein, denn im konkreten Fall bildet ein Meinungsaußenseiter (Mobilfunkgegner) zu einem Vertreter der Meinungsmehrheit (Wissenschaftler) den Gegenpol. Doch dieses 1:1 spiegelt in keiner Weise die Kräfteverhältnisse auf dem Wissensmarkt wider, der Mobilfunkgegner wird als Außenseiter ungerechtfertigt aufgewertet. Das daraus resultierende Risiko ist hoch, denn wenn der Außenseiter ein rhetorisch geschickter Populist ist, kann er einen spröden Wissenschaftler leicht an die Wand reden und sich mit seiner Außenseitermeinung durchsetzen. Stünde dem Mobilfunkgegner jedoch nicht nur ein einziger Meinungsgegner gegenüber, sondern z.B. deren 50, gäbe dies die tatsächlichen Kräfteverhältnisse von 50:1 zutreffend wieder und der geschickte Populist wäre auch von Laien als Außenseiter gut auszumachen. Bei Blick hingegen werden die wahren Kräfteverhältnisse mit 1:3 glatt auf den Kopf gestellt, ich erkenne darin die Absicht des Blattes, die öffentliche Meinung im Sinne der Gegner zu modellieren. Einschränkend ist zu sagen, dass ein einzelner Artikel nicht aller Tage Abend ist, eine belastbare Beurteilung muss weitere EMF-Artikel des Blick umfassen.

Die politische Partei AFD war vor der jüngsten Bundestagswahl ebenfalls Außenseiter. Nach der Wahl hieß es im "Spiegel": Wie der Rechtsruck herbeigetalkt wurde. Ob Mobilfunkgegner oder AFD, die Mechanismen, Bedeutung zu erlangen, sind dieselben und die Medien spielen dabei eine zentrale und keineswegs rühmliche Rolle. Da Medien Wirtschaftsunternehmen sind, wird sich an ihrer Anfälligkeit für das "Spektakuläre" (hier: Außenseitermeinung) mMn in den nächsten 1000 Jahren grundlegend auch nichts ändern.

Hintergrund
Wie sich US-Gerichte gegen Gutachter mit Außenseitermeinung schützen
Weltweit 40 bis 55 wegen Mobilfunk besorgte Wissenschaftler

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Widerstand, Zweifel, Funkloch, Medien, Minderheit, Manipulation, Inkompetenz, Elektrochonder, Populismus, Außenseiter, Multiplikator, 5G, Boulevardzeitung, Gilli, Estermann, Nationalrat


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