Auch Dermatozoenwahn ist eine ansteckende Krankheit (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Freitag, 13.02.2015, 14:00 (vor 2083 Tagen) @ H. Lamarr

Bei Elektrosensibilität sind die Medien die Überträger

Nicht nur dort ...

Klassisches Beispiel für eine von den Medien verbreitete ansteckende Krankheit ist der Dermatozoenwahn (wahnhafter Ungeziefer-Befall).

"Diagnose-Reflex" schrieb 2011: Andrew Lustig vom Center for Addiction and Mental Health in Toronto schrieb dazu im Fachjournal „Psychosomatics“: „Die Morgellonsche Krankheit ist ein Internet-Phänomen. Durch die vielen öffentlich gemachten Schilderungen von Patienten in den vergangenen paar Jahren sehen wir einen explosiven Anstieg derer, die sich ebenfalls betroffen fühlen – dabei ist der Dermatozoenwahn seit über 300 Jahren bekannt.“

Experten raten gemäß dieser Quelle bei Dermatozoenwahn zu folgendem Ablauf (nach R. Freudenmann, 2002):

1. Es muss nicht gleich der Psychiater sein, der hier als erster konsultiert wird, zumal die Hemmschwelle gerade hier am größten ist. Der erste Ansprechpartner ist und bleibt deshalb der Hausarzt, also der Allgemeinarzt oder hausärztlich tätige Internist.

Er wird zuerst einen Dermatologen heranziehen, um sich abzusichern (auch wenn er schon sehr früh den richtigen Verdacht hegt). Möglicherweise und je nach Ursachen (siehe das entsprechende Schema) können hier auch spezielle internistische Disziplinen, der Neurologe, ggf. sogar bei unklaren Fällen der Mikrobiologe und Parasitologe gefragt sein. Denn es sei unbestritten: Nicht jeder Dermatozoenwahn ist auch ein Wahn, dafür gibt es in der Fachliteratur durchaus Beispiele.

Dieses Eingeständnis wird zwar viele Patienten in ihrer Meinung bestätigen, nämlich, dass es ein organisches Leiden sein muss, doch sind sich die Experten auch darin einig: Wenn es sich um einen Wahn oder eine andere seelische Störung handelt, sollte der Betroffene auch die "Gnade der Einsicht" haben und den richtigen Therapeuten und damit die letztlich einzig erfolgreiche Behandlung wählen. Und das ist der Psychiater mit seiner gezielten Pharmakotherapie (siehe später).

2. Sind sich die hinzugezogenen Ärzte nach Absprache einig, dass es sich um einen Dermatozoenwahn handelt, dürfen sie keinesfalls ("um des lieben Friedens" oder einer erhofften besseren Therapietreue willens) Antibiotika, Antimykotika (Pilzmittel), Insektizide u.ä. verordnen, selbst wenn der Patient immer heftiger darauf drängt oder gar einen (verhängnisvollen) Kompromiss verspricht: einerseits Insektizide, dafür vielleicht auch mal den Psychiater konsultieren.

3. Was aber durchaus möglich, sinnvoll oder gar unverzichtbar sein kann, ist die Pflege etwaiger Hautschäden und die Bekämpfung des (selbst verursachten) Juckreizes. Dazu gehören unter dermatologischer Anleitung Lotionen und fettende Salben, Pflegebäder, ggf. elastische Wickel zum Schutz, bei stärkeren Entzündungen auch kurzfristig Glucokortikoide u.a. Sie dürfen aber nicht den Eindruck erwecken, es handele sich um "Parasiten-Bekämpfungsmittel". Stets muss klar werden, dass hier künstliche Kratz- oder sonst wie ausgelöste Schäden gelindert werden.

4. Handelt es sich um ein Beschwerdebild auf Grund einer körperlichen Grunderkrankung (siehe entsprechendes Schema), gilt es therapeutisch dort anzusetzen. Beispiele: Bei Urämie die Elimination harnpflichtiger Substanzen (z. B. durch die Dialyse, also Blutwäsche), bei Diabetes mellitus; eine Einstellung des Zuckerspiegels, ggf. durch eine gezielte Insulintherapie, bei Vitamin B 12-Mangel eine entsprechende Vitaminsubstitution u.a.

5. Handelt es sich um eine seelische Grunderkrankung, kann die Therapie schon schwieriger werden, da diese Leiden den menschlichen und auch ärztlichen Zugang mitunter erschweren. Die wenigsten Probleme bereiten im Therapeut-Patient-Verhältnis in der Regel depressive Patienten. Sie bekommen die (auch weniger stigmatisierend empfundenen) stimmungsaufhellenden Antidepressiva verordnet (Einzelheiten siehe unten). Mehr Probleme können hingegen Rauschdrogenabhängige (z. B. Kokain oder Weckmittel), Alkoholkranke, Mehrfachabhängige, geistig Behinderte, Demente, Persönlichkeitsgestörte und vor allem für bestimmte Patienten mit einer Schizophrenie oder wahnhaften Störung verursachen. Hier wären nämlich in der Regel antipsychotisch wirkende Neuroleptika die Mittel der ersten Wahl. Und die gelten als ungeliebte Arzneimittel mit z. T. auch durchaus beeinträchtigenden Nebenwirkungen (zumindest die früheren Neuroleptika-Generationen). Außerdem gilt es ein weiteres Hindernis zu beachten: Wer Neuroleptika (also antipsychotisch wirkende Psychopharmaka) nehmen muss, dem wird ja wohl auch eine Psychose (Geisteskrankheit) unterstellt. Also wird die neuroleptische Behandlung abgelehnt, um nicht die dahinter vermutete Psychose (was der Dermatozoenwahn ja letztlich auch ist) akzeptieren zu müssen.

Die manchmal als Alternative gewünschte Psychotherapie, in welcher Form auch immer, hat bei dieser Heilanzeige keine oder nur geringen Behandlungserfolge, am ehesten in Form stützender, betreuender, begleitender Hilfe. Das aber empfiehlt sich ohnehin, als alleinige Therapie aber endet es rasch in Frustration für beide Seiten.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Ansteckung, Diabetes, ICD-10, Dermatozoenwahn, Blutwäsche, Neurologie


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