Science Update kommentiert 2 (Allgemein)

Dr. Ratto, Dienstag, 09.12.2014, 13:45 (vor 2911 Tagen) @ charles

6. Turner et al.: In der internationalen Fall-Kontroll Studie INTEROCC wurde ein möglicher Zusammenhang zwischen beruflicher Exposition mit niederfrequenten Magnetfeldern und Hirntumoren (Gliome, Meningiome) untersucht. Es handelt sich um eine Untergruppe der INTERPHONE Studie, zu der genaue Angaben zu Berufen vorliegen, aus denen sich die berufliche Exposition mit Magnetfeldern der Stromversorgung abschätzen lässt. Für beide Tumore wurde kein Zusammenhang mit lebenslanger kumulativer Exposition, durchschnittlicher und maximaler Exposition festgestellt. Für beide Tumore gab es einen signifikanten Zusammenhang mit der kumulativen Exposition in den letzten 4 Jahren vor der Diagnose. Daraus schließen die Autoren, dass Magnetfelder den Krebs nicht auslösen (dafür wären längere Zeiträume notwendig) aber möglicherweise bereits vorhandenen, noch nicht diagnostizierten Krebs begünstigen. Ein Beweis ist das aber nicht. Powerwatch macht daraus „highly statistically significant confirmation of a association”

7. van den Mark et al.: Diese relativ kleine Fall-Kontroll Studie zeigt keinen Zusammenhang zwischen der Parkinson Krankheit und der beruflichen Exposition mit Magnetfeldern oder Elektroschocks. Beides wurde anhand der Angaben zum Beruf bestimmt. Das Ergebnis überrascht nicht, bereits ältere und größere epidemiologische Studien haben wiederholt einen Zusammenhang mit der Alzheimer Demenz und der amyotrophen Lateralsklerose (Degeneration von Motoneuronen = Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark die die Muskulatur steuern), aber keinen Zusammenhang mit Parkinson und multipler Sklerose gezeigt. Powerwatch kommentiert das nicht.

8. Alasaeed et al.: Es wurde der Einfluss niederfrequenter Magnetfelder auf das Verhalten von Mäusen untersucht, mit dem Ziel Aussagen zum Autismus bei Kindern zu machen. Mäuse wurden während der Embryonalentwicklung und eine Woche nach der Geburt einem niederfrequenten Magnetfeld ausgesetzt (50Hz/1mT). Acht Exponierte und neun Kontrollen sind für vernünftige Statistik zu wenig. Es wurden mehrere Tests zum sozialen Verhalten, Ängstlichkeit, Neugier, Bewegung und Geruchssinn durchgeführt, für jeden Tests wurden mehrere Parameter ausgewertet, für mehrfache Vergleich wurde in der Statistik nicht korrigiert, es kann also sein dass einige signifikante Ergebnisse Zufall sind. Es zeigte sich kein Einfluss auf Bewegungsaktivität und –koordination, Ängstlichkeit und den Geruchssinn. Exponierte Tiere waren weniger neugierig und zeigten ein verändertes Sozialverhalten – sie interessierten sich weniger für Artgenossen als Kontrollen. Menschen, die an Autismus leiden, haben zwar Probleme mit dem Sozialverhalten, aus den beschriebenen Untersuchungen an Mäusen auf Autismus bei Menschen zu schließen ist aber übertrieben. Erstaunlicherweise macht powerwatch daraus keine Horrormeldung.

9. Zhao et al.: In einer Meta-Analyse wurden 16 Fall-Kontroll-Studien zu niederfrequenten Magnetfeldern und Brustkrebs aus dem Zeitraum 2000 – 2007 zusammengefasst und ausgewertet. Es zeigte sich ein geringfügig aber signifikant erhöhtes Risiko für exponierte Frauen an Brustkrebs zu erkranken. Das klingt erstmals besorgniserregend, powerwatch kommentiert es erstaunlicherweise nicht. Hierzu muss man wissen, dass die letzte publizierte Studie zu diesem Thema aus dem Jahr 2013 stammt, hohe Fallzahlen und eine sehr gute Expositionsbestimmung vorweisen kann, kein erhöhtes Risiko findet, in dieser Metaanalyse aber nicht berücksichtigt wurde. In einem Kommentar ebenfalls aus 2013 fasst Maria Feychting alle bis dato publizierten 29 Studien zu diesem Thema zusammen, darunter auch Kohortenstudien, die in der Meta-Analyse ebenfalls nicht berücksichtigt wurden, und kommt zum Schluss, da ist nichts und man soll aufhören dieses Thema immer aufs neue aufzurollen. Das Problem liegt darin, dass in älteren Studien die Expositionsbestimmung problematisch war. Es wurden oft Frauen untersucht, die zwar niederfrequenten Feldern ausgesetzt waren, aber gleichzeitig in Schichtarbeit arbeitet. Schichtarbeit führt zu Störungen des Melatoninhaushalts und dadurch zu einem erhöhten Krebsrisiko, das ist nachgewiesen und durch die WHO/IARC auch entsprechend eingestuft (2A).

10. Lee et al. Hier handelt es sich um eine Übersichtsarbeit zur männlichen Reproduktion unter dem Einfluss niederfrequenter Magnetfelder. Es wird zunächst erwähnt, dass weder Untersuchungen an Menschen noch Tierstudien einen negativen Einfluss auf die Reproduktion gezeigt haben. Dann wird ein Übersicht über Arbeiten auf Zellebene gegeben, die Einflüsse auf einige Prozesse zeigen, vor allem Zellteilung und Zelltod in den Hoden. Konsistent ist das Gesamtbild nicht, jede Studie zeigt ein bisschen etwas anderes. Die Autoren diskutieren dann Aufgrund der Beobachtungen auf Zellebene mögliche Langzeiteffekte und die Sicherheit der Grenzwerte. Das ist nicht gerechtfertigt, denn auf der Ebene eines intakten Organismus wurden unterhalb der Grenzwerte keine negativen Einflüsse auf die Reproduktion beobachtet. Powerwatch äußert sich dazu nicht.

11. Li et al.: Die Exposition mit niederfrequente Magnetfelder (0,5 mT) führte bei Ratten nach 2-4 Wochen zu Veränderungen von Rezeptoren für bestimmte Botenstoffe im Gehirn, und zwar im Hippocampus und der Hirnrinde. Das sind Bereiche, die für räumliche Orientierung wichtig sind. Auf Verhaltensebene spiegelte sich diese Veränderung nicht, die räumliche Orientierung und das Gedächtnis bleiben unbeeinflusst. Auch diese Studie ist ein Beispiel dafür, dass eine physiologische Veränderung nicht zwingend einen Schaden für den ganzen Organismus bedeutet.

12. deGroot et al.: Auch in dieser Studie ging es um den Einfluss niederfrequenter Magnetfelder auf Nervenzellen. Die Untersuchungen wurden an einer Krebszellenlinie der Nervenzellen der Nebennierenrinde durchgeführt. Sie wurden bis zu 48 Stunden niederfrequenten Feldern von bis zu 1 mT ausgesetzt. Es zeigte sich kein Einfluss auf oxidative Prozesse und das Kalziumgleichgewicht. Eine Vorbehandlung der Zellen mit schädlichen Chemikalien, die oxidativen Stress verursachen, änderte daran nichts, Magnetfelder hatten keinen zusätzlichen Einfluss. Diese Studie widerspricht auf den ersten Blick der Studie von Reale et al. (1), die unter sehr ähnlichen Bedingungen durchgeführt wurde. Allerdings wurde eine andere Zelllinie und auch andere Chemikalien verwendet. Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, dass aus einer einzelnen Studie auf gar keinen Fall allgemeine Schlüsse gezogen werden dürfen. Schon die nächste Studie kann genau das Gegenteil zeigen. Erst das Gesamtbild kann eine Aussage ermöglichen. Dabei sind neue Studien nicht aussagekräftiger als ältere, bzw. nur dann, wenn Methoden verbessert wurden. Nicht umsonst sitzen über so etwas ganze Gremien und bewerten Studien über Jahrzehnte.

Tags:
Autismus, Parkinson, Meta-Analyse


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