Gelbe Karte für W. Sönning: Mobilfunk und seine Grenzwerte (Forschung)

spatenpauli @, München, Samstag, 19. April 2014, 17:36 (vor 1131 Tagen)

Mit sogenannten "Forschungsberichten" versucht die sogenannte "Kompetenzinitiative" (KO-Ini) als wissenschaftlich-seriöser Akteur in der Anti-Mobilfunk-Debatte Fuß zu fassen. Was von dem ersten "Forschungsbericht" zu halten ist (Steigende „Burn-out“-Inzidenz durch technisch erzeugte magnetische und elektromagnetische Felder des Mobil- und Kommunikationsfunks), Plagiat ja oder nein, ist gegenwärtig Gegenstand einer gerichtlichen Auseinandersetzung. Doch auch sonst ist das, was die KO-Ini zuwege bringt, eher den Pseudowissenschaften zuzuordnen, als den Wissenschaften, Beispiele dafür geben Maikäfer und das Bundesamt für Strahlenschutz.

Der jüngste Forschungsbericht der KO-Ini wurde von dem Diplom-Meteorologen Walter Sönning (76) verfasst, der sich, obwohl nicht vom Fach, auf das Abenteuer eingelassen hat, elf Seiten über "Der Mobilfunk und seine Grenzwerte" zu schreiben.

Der Pensionär startet forsch. Mobilfunkgegner starten immer forsch:

Kaum ein Gebiet der Umweltforschung ist interdisziplinär mehr verknüpft als das der Beeinflussung des Organismus von Mensch, Tier und Pflanze durch exogene elektromagnetische (EM) Felder, seien sie natürlichen oder technischen Ursprungs. Dies gilt vor allem für die Beurteilung der biologischen Wirksamkeit der niederfrequent gepulsten (getakteten) Hochfrequenzstrahlung der neuen Kommunikationstechnologien (Mobilfunk). Selbstverständlich ist hier die Priorität der Urteilsfindung der Medizin und den Biowissenschaften (insbesondere Biochemie, Biophysik oder Neurologie) zu überlassen, nicht den rein technisch orientierten Ingenieurswissenschaften, deren Messverfahren nur für die energetische Leistung der Mikrowellenstrahlung jeglicher Bezug zu biologischen Prozessen fehlt.
Besonders deutlich wurde dies bei der Festlegung der ,Grenzwerte' für die zumutbare Belastung der Bevölkerung allein auf der Basis der Wärmeentwicklung in organischem Gewebe, etwa nach dem Vorbild eines Mikrowellenherdes. Ohne Rücksichtnahme auf biologische Gegebenheiten wurden die Frequenzstrukturen dieser neuen Umweltstrahlung einer technologischen Optimierung unterzogen und schließlich, restriktiv und rein kommerziell kalkuliert, weltweit eingeführt.

Es sieht fast so aus, als ob Sönning sich bei dem Dauernörgler "wuff" aus dem Gigaherz-Forum bedient hat, der dort schon seit langem die angebliche Dominanz der "Inschinööre" beweint und komplett ignoriert, dass der einst führende Kopf im deutschen Strahlenschutz, Prof. Jürgen Bernhardt, eine Ausbildung als Mediziner vorzuweisen hat.

Doch um den Einfluss eines anonymen Schreibers aus der Schweiz auf einen deutschen Meteorologen geht es mir jetzt nicht, sondern um die Qualifikation des Meteorologen, sich anklagend über Mobilfunk und Grenzwerte auszulassen. Dazu möge ein Beispiel genügen, nur eines, weil es mMn eine elementare Kenntnislücke des "Experten der KO-Ini" belegt.

Sönning behauptet: Besonders deutlich wurde dies bei der Festlegung der ,Grenzwerte' für die zumutbare Belastung der Bevölkerung allein auf der Basis der Wärmeentwicklung in organischem Gewebe, etwa nach dem Vorbild eines Mikrowellenherdes.

Diese Behauptung ist falsch.

Augenscheinlich ist es Herrn Sönning entgangen, dass die Grenzwertfestlegung im unteren Bereich des Frequenzspektrums keineswegs auf Wärmentwicklung beruht, sondern auf Nervenreizung. Dieser Bereich der Nervenreizung endet etwa bei 100 kHz und überlappt mit der bei etwa 1 kHz noch schwach einsetzenden, dann aber mit der Frequenz stark zunehmenden Wärmewirkung, die ab rd. 100 kHz dominiert. Die folgende Grafik verdeutlicht diese Zusammenhänge, sie ist dem außerordentlich informativen Vorlesungsscript Elektromagnetische Felder und der Mensch (PDF, 94 Seiten) von Dr. Heinrich Garn aus dessen Zeit an der TU Wien entnommen.

[image]

Walter Sönning erweckt den Eindruck, tumbe Elektrotechniker ohne einen Funken Ahnung von der Biologie der Menschen hätten die Grenzwerte bei einem fröhlichen Gelage durch gegenseitiges Zurufen beschlossen. Wie es wirklich war lässt sich in den ICNIRP-Guidlines von 1998 nachlesen (PDF, 31 Seiten, englisch), die im Netz auch auf deutsch zu haben sind. Der Vorgang der Grenzwertfestsetzung war erheblich aufwendiger und kompetenter, als es organisierte Mobilfunkgegner wahrhaben wollen. Auch das von dem Mobilfunkgegner Dr. Wolf Bergmann verbreitete Gerücht, es sei nur mit Leichen experimentiert worden, nicht mit Lebenden, fällt beim Lesen der ICNIRP-Guidlines in sich zusammen.

Weiter behauptet der Wetterfrosch:

Prof. J. Bernhard, ehemaliger Vorsitzender der ICNIRP, gab am 10. 05. 2006 in der Universität München auf die Frage nach der Anerkennung athermischer biologischer Wirkungen des Mobilfunks die Antwort: „Wenn sich herausstellen sollte, dass es so etwas wie eine nichtthermische Wirkung der Mobilfunkstrahlung gibt, dann bekommen wir Probleme." Nach seinem Hinweis auf die Planung von Projektstudien der WHO zu diesem Thema antwortete er auf die weitere Frage aus dem Publikum, wann denn entsprechende Ergebnisse zu erwarten seien, ohne zu zögern: „In fünf Jahren!"

Kurios: Walter Sönning bediente sich mit dieser Textpassage ausgerechnet beim IZgMF, denn wir waren damals auf dieser Veranstaltung live dabei. Ich kann daher mit Fug und Recht sagen, Sönning hat abgeschrieben und das auch noch bedenklich falsch! Denn das von ihm gebrachte Zitat von Jürgen Bernhardt fiel nicht während der Vorträge, es fiel im Vier-Augen-Gespräch am Rande der Veranstaltung zwischen Bernhardt und mir. Das IZgMF ist in dieser Sache daher die einzige Primärquelle für das Zitat, eine zweite gibt es nicht. Was sich damals zugetragen hat und was Bernhardt wirklich sagte ist diesem Posting zu entnehmen.

Was ich mit alledem nur zum Ausdruck bringen möchte ist: Walter Sönning ist als Dipl.-Meteorologe fortgeschrittenen Alters mMn nicht erste Wahl, um einsam über die Sinnhaftigkeit von Mobilfunk und EMF-Grenzwerten zu urteilen. Sönning nimmt billigend inkauf, dass Menschen aufgrund seines "Forschungsberichts" irrationale Ängste gegenüber Funkwellen entwickeln bis hin zu der Phobie, elektrosensibel zu sein. Ich halte dies für verantwortungslos. Mehrere nationale Experten-Gremien in aller Welt prüfen regelmäßig, ob die ICNIRP-Grenzwerte noch dem Stand des Wissens entsprechen. Bislang gab es von dieser Seite keine Beanstandungen. Was nicht heißt, dass es keine Beanstandungen gäbe, doch sind diese meiner Beobachtung nach in den seltensten Fällen von ernst zu nehmenden Wissenschaftlern, sondern in der überwiegenden Mehrzahl von selbst ernannten Experten (häufig aus fachfremden Disziplinen) mit nicht selten kommerziellen Absichten. Karl Richter, Chef der KO-Ini, war als Literaturprofessor sicher ein anerkannter Experte, das oben verlinkte Dokument von Heinrich Garn dürfte ihm aber zum böhmischen Dorf gereichen. Und das ist zu wenig, um die fachliche Qualität dessen zu beurteilen, was die KO-Ini öffentlich verbreitet, und was in meinen Augen die Informationskanäle nur mit pseudowissenschaftlichem Schund verstopft.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
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