Krebs: Bioresonanz-Effekte? ▼ (Forschung)

Alexander Lerchl @, Montag, 07.12.2009, 17:34 (vor 4373 Tagen)

Absprungpunkt hier: Es betrifft die Studie von Barbault et al. von 2009.

1. Vorbemerkung 1: Krebs ist eine ernste, leider allzu oft tödliche Krankheit. Die normale Behandlung durch Bestrahlung, Operation und / oder Chemotherapie ist immer öfter erfolgreich, dank international kontrollierter Studien. Die Überlebensraten und –zeiten steigen an, die Lebensqualität verbessert sich. Dennoch sind bestimmte Formen von Krebs immer noch schwer therapierbar. Die Patienten klammern sich an jede Therapie, die vielversprechend ist.

2. Vorbemerkung 2: Die Verantwortung von in diesem Bereich tätigen Ärzten und Wissenschaftlern ist in diesem Bereich der Medizin besonders hoch.

3. Die Arbeit von Barbault und Kollegen suggeriert eine „biologische Wirksamkeit“ der Behandlung: „ … and may have biological efficacy in patients with advanced cancer.“ Der wirkliche Nutzen für die Patienten ist allerdings nebulös.

4. Die Behandlung wurde an 28 Patienten durchgeführt, deren Antworten (response) allerdings nur bei 13 „auswertbar“ waren (in Tabelle 3 ist allerdings von 16 die Rede …). Von den Patienten lebten zum Zeitpunkt der Publikation noch 4. Von den 16 in Tabelle 3 aufgeführten Patienten zeigt einer eine „complete response“ (was immer „response“ meint), einer eine teilweise response, fünf eine stabile Krankheit und neun eine fortschreitende Erkrankung. In dieser wichtigen Tabelle ist allerdings völlig offen, wie lange die Patienten mit EMF behandelt wurden. Laut Text wurden die Patienten (Median) für 4,1 Monate behandelt. Minimum 1 Monat. Erst eine Zusammenstellung der „responses“ mit der Behandlungsdauer hätte eine sinnvolle Aussage ermöglicht.

5. Ganz schlimm ist die Tabelle 3 auch aus einem anderen Grund. Hier wird „response“ gesagt, aber auch die RECIST-Richtlinien verwiesen. In diesen Richtlinien ist aber nicht von „response“, sondern von „remission“ die Rede. Während response hier sonst was bedeuten kann, ist remission ganz eindeutig das „Verschwinden“ von Läsionen (also Krebsgeschwüre in diesem Fall). Einzelheiten z.B. hier: http://ikrweb.uni-muenster.de/aqs/Leitlinien/recist.html.

6. Ethisches Problem 1: Die konventionelle Therapie der Patienten musste mindestens einen Monat vor Behandlungsbeginn (mit EMF) beendet werden („All anticancer therapies had to be discontinued for at least one month prior to treatment initiation“). Das halte ich für ethisch nicht vertretbar. Besonders problematisch ist, dass bei 6 Patienten (Tabelle 2) überhaupt noch keine konventionelle Therapie begonnen wurde.

7. Ethisches Problem 2: Bei 7 Patienten erfolgte die Einwilligung nur mündlich („Oral informed consent was provided by seven patients“). Auch das halte ich für problematisch. Soweit mir bekannt ist, müssen solche Einwilligungserklärungen immer schriftlich erfolgen, ggf. über einen Rechtsvertreter. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.

8. Die Exposition ist mir völlig unklar. Offensichtlich wurde eine Elektrode in Löffelform in den Mund gesteckt. Gab es eine zweite Elektrode? Wenn ja, wo war sie platziert?

9. Ebenso völlig unklar ist, wie die Tumor-spezifischen Frequenzen identifiziert wurden. Anscheinend waren die Antworten a) Hautwiderstand, b) Pulsamplitude (von was??) und c) Blutdruck ausschlaggebend. Wie genau diese Antworten gewichtet wurden, ist nicht nachvollziehbar und damit nicht reproduzierbar.

10. Die Behandlung umfasste bis zu 280 verschiedene Frequenzen (Seite 5, linke Spalte, vorletzter Absatz) für jeden Patienten. Da die Behandlung jeweils für 1 Stunde am Tag dreimal durchgeführt wurde, ist unklar, in welcher Reihenfolge die Frequenzen / für wie lange appliziert wurden.

11. Der „Erfolg“ der Behandlung ist alles andere als klar. In Abb. 2 wird als Beispiel der Verlauf des Tumormarkers Ca-125 bei einer Patientin gezeigt. Es wird behauptet, dass es durch die kombinierte Behandlung mit EMF und bevacizumab (Avastin von Roche) zu einer stark verringerten Konzentration von Ca-125 kommt. Wenn man sich das Bild allerdings genauer betrachtet, hat EMF mit dem Effekt nichts zu tun, sondern ist dem Mittel Avastin zuzuschreiben.

12. Auch dem so viel Aufmerksamkeit gezollten Abfall um 200 Einheiten Ca-125 zwischen Oktober und November 2005 ist kaum der Wirkung von EMF zuzuschreiben, da der Wert zuvor und später (unter EMF) ständig ansteigt. Normalerweise ist der Wert unter 35, der Minus-200 Effekt wurde bei einem Wert von ca. 2000 beobachtet!

In der Diskussion lautet es: „The objective responses observed suggest that electromagnetic fields amplitude-modulated at tumor-specific frequencies may have a therapeutic effect”. Jetzt kann man sich vorstellen, wie betroffene Laien darauf reagieren … Ist „TheraBionic LLC“ eine Aktiengesellschaft? Kaufen, kaufen!

Noch eine technische Sache, die ich nicht beurteilen kann. Im Text werden die „Tumor-spezifischen“ Frequenzen mit abenteuerlicher Genauigkeit angegeben (z.B. Brustkrebs: 1873,477 Hz). Als Gerät zur Ermittlung und Applikation ist ein Chip genannt (AD9835) und eine Frequenzgenauigkeit von 10(-7). Da ich kein Fachmann auf dem Gebiet bin, aber schon einige Bausätze zusammengelötet habe, weiß ich, dass jeder Chip gewisse Ungenauigkeiten hat. Man kann zwar die Frequenz mit einer hohen Genauigkeit EINSTELLEN, aber das, was RAUSKOMMT, ist sicher nicht so genau, oder? Fragen an die Fachleute (im data sheet habe ich dazu nichts gefunden).

Troll-Wiese: http://www.izgmf.de/scripts/forum/index.php?id=36863

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"Ein Esoteriker kann in fünf Minuten mehr Unsinn behaupten, als ein Wissenschaftler in seinem ganzen Leben widerlegen kann." Vince Ebert

Tags:
Bioresonanz, Kuster, Pasche, Krebstherapie, Bioresonanztherapie


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