Neues von Berenis: Sonderausgabe Dezember 2025 (Forschung)
Die aktuelle Sonderausgabe des Berenis-Newsletters beschäftigt sich ausschließlich mit der Beurteilung der von der WHO in Auftrag gegebenen systematischen Übersichtsarbeiten zu den gesundheitlichen Auswirkungen von HF-EMF. Mit zehn Seiten ist diese Sonderausgabe so umfangreich, dass sie den Rahmen eines Postings sprengt. Wir beschränken uns deshalb auf die Empfehlungen, die Berenis als das Ergebnis seiner Beurteilung mit Blick auf Vorsorge und Grenzwerte ausspricht. Überzeugte Mobilfunkgegner werden diese Empfehlungen ungern zur Kenntnis nehmen. Die komplette Sonderausgabe Dezember 2025 laden Sie mit diesem Link.
Empfehlungen von Berenis
Wie bereits in früheren Newsletter-Sonderausgaben erwähnt, unterstützt die BERENIS die Anwendung des Vorsorgeprinzips, wie es in der Schweiz durch den Anlagegrenzwert für Immissionen von festinstallierten Sendeanlagen (z. B. Mobilfunkbasisstationen und Rundfunksendern) in der Verordnung über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (NISV) festgelegt ist. Trotz des enormen Aufwands, der für die von der WHO in Auftrag gegebenen SRs betrieben wurde, ist es nach wie vor unmöglich, definitive Schlussfolgerungen über mögliche gesundheitliche Auswirkungen von HF-EMF- Exposition zu ziehen. Für einen erheblichen Teil der bewerteten Endpunkte wurde die Zuverlässigkeit der zugrundeliegenden Evidenz als gering oder sehr gering eingestuft. Diese Schlussfolgerung wurde insbesondere für die gesundheitlichen Auswirkungen gezogen, die in den SRs zu Beobachtungsstudien und experimentellen Humanstudien untersucht wurden. Die Autorinnen und Autoren sind der Ansicht, dass das derzeit geringe Vertrauen in die gesammelte wissenschaftliche Evidenz auf eine Kombination verschiedener Faktoren zurückzuführen ist. Dazu gehören die mangelnde Aussagekraft und/oder Inkonsistenz der Ergebnisse sowie der Mangel an zuverlässigen Studien mit nur wenigen Einschränkungen und potenziellen Verzerrungsrisiken. Diese Auffassung steht im Einklang mit der Beurteilung und Einschätzungen der BERENIS, die die wissenschaftliche Literatur des letzten Jahrzehnts kontinuierlich verfolgt hat. Im Rahmen der bestehenden Grenzwerte erwies es sich als unmöglich mittels SRs, gesundheitliche Auswirkungen von HF-EMF-Exposition mit hoher Zuverlässigkeit abschliessend zu beurteilen. Dennoch ist eine systematische Sammlung und Auswertung der Literatur ein wichtiger Schritt zur Bewertung der Gesundheitsrisiken von HF-EMF. Es ist offenkundig, dass die Vielzahl biologischer und experimenteller Diskrepanzen mit den methodischen Einschränkungen des hochstandardisierten SR-Ansatzes, der für die Bewertung klinischer Studien entwickelt wurde, unvereinbar zu sein scheint. Insbesondere im Zusammenhang mit experimentellen Studien kommt es häufig vor, dass Meta-Analysen nur wenige biologische oder statistische Erkenntnisse liefern, da eine Vielzahl von Faktoren zusammenkommen, darunter unter anderem die Kombination verschiedener Tierarten, verschiedener Stämme, verschiedener Geschlechter, verschiedener Versuchsmodelle, Studien, die auf bestimmte Organe oder Zellen abzielen und Toxizitätsstudien, unterschiedliche Expositionen wie gepulste und kontinuierliche Felder, unterschiedliche Frequenzen, Intensitäten und Expositionsdauern, unterschiedliche Studiendauer und Endpunkte, unterschiedliche statistische Analysemethoden und vieles mehr. Darüber hinaus wurden Versuchsgruppen innerhalb der Studien als unabhängig behandelt, obwohl tatsächlich eine Abhängigkeit aufgrund einer gemeinsamen Kontrollgruppe besteht, was gegen eine grundlegende Anforderung der Meta-Analysemethoden verstösst.
In Bezug auf Vorsorge- und regulatorische Massnahmen ist zudem zu beachten, dass die WHO-SRs nur einen Teil der zuvor in Betracht gezogenen potenziellen biologischen Auswirkungen auf die Gesundheit abdecken. Darüber hinaus wurden in einigen Fällen, insbesondere bei beruflicher Exposition, gepoolte Analysen über einen breiten Frequenzbereich durchgeführt. Die einbezogenen Daten werden jedoch von HF-EMF-Expositionen im Frequenzbereich von 0.8 bis 2.5 GHz dominiert, die mit älteren Mobilfunkstandards zusammenhängen. Ob die Schlussfolgerungen der SRs auf die höheren Frequenzbänder zukünftiger Mobilfunkstandards übertragbar sind, bleibt spekulativ und ist kaum erforscht (siehe BERENIS-Sondernewsletter, Mai 2025). Es besteht auch eine Wissenslücke hinsichtlich potenzieller Kombinationswirkungen mit anderen Umweltfaktoren sowie genetischen oder physiologischen Prädispositionen, die in Beobachtungs- und Experimentalstudien nicht ohne Weiteres feststellbar sind und berücksichtigt werden. Auch wenn ein konkretes mechanistisches Konzept für die Auswirkungen von HF-EMF nicht existiert, wäre es denkbar, dass diese Faktoren zu einem Vulnerabilitäts-Stress-Modell beitragen könnten. Dieses Modell beschreibt, wie genetische, biologische und umweltbedingte Faktoren zusammenwirken und das Risiko und Ausmass von Stressreaktionen beeinflussen. Die Fähigkeit, mit Stress umzugehen, wird durch eine Kombination aus angeborenen und erworbenen Vulnerabilitäten sowie weiteren stressauslösenden Ereignissen bestimmt. Demzufolge kann bei bestimmten Personen bereits die geringste Überlastung oder geringfügige Zusatzbelastung Symptome hervorrufen, während bei anderen Personen keine Symptome auftreten.
Es ist anzumerken, dass die Autorinnen und Autoren der von der WHO in Auftrag gegebenen SRs aufgefordert wurden, die Auswirkungen ihrer Ergebnisse auf Politik und Praxis zu erörtern. Einige von ihnen vertreten die Ansicht, dass keine Notwendigkeit besteht, die regulatorischen Richtlinien anzupassen, da die Evidenz zu ungewiss sei, um fundierte Entscheidungen auf regulatorischer Ebene zu treffen. Darüber hinaus wurden die Einschränkungen bei der Übertragbarkeit der Ergebnisse aus Tier- und Zellstudien auf den Menschen hervorgehoben. Insgesamt kann sich die BERENIS diesen Einschätzungen anschliessen und empfiehlt die konsequente Anwendung des Vorsorgeprinzips und der aktuellen Richtlinien.
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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –