Waldmann-Selsam: ihre spektakulärste Baumkasuistik (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 01.02.2026, 21:46 (vor 14 Stunden, 50 Minuten)

Die Wanderärztin Cornelia Waldmann-Selsam durchstreift seit vielen Jahren das Land auf der Suche nach Bäumen, die mutmaßlich aufgrund der Einwirkung von HF-EMF dem langsamen Tod durch Siechtum sterben. Ihre erschütterndste Kasuistik zeigt einen wirklich bedauernswerten Ahorn, der einst am Bahnhof von Forchheim stand. Lesen Sie hier die Geschichte dieses Baumes.

Die Ergebnisse ihrer Streifzüge dokumentiert Dr. med. Waldmann-Selsam seit vielen Jahren in Bildbänden. In gedruckter Form kann man diese kaufen, als PDF sind sie unentgeltlich zu haben. Das derzeit aktuelle PDF (100 MByte) hat knapp 300 Seiten und wird von dem Verein Weiße Zone Rhön zum Download angeboten.

Das Titelbild der aktuellen Dokumentation zeigt eine Momentaufnahme, die 2015 am Bahnhof von Forchheim entstand (Bild 1). Zu sehen ist das Bahnhofsgebäude (Hintergrund links), ein Mobilfunkmast (Hintergrund rechts), ein Mannschaftswagen der Polizei und zwei Ahorne. Der Ahorn im Vordergrund zeigt auf der Seite, die dem rd. 100 Meter entfernten Funkmast zugewandt ist, schwere Wuchsschäden (abgestorbene Äste, braune Blätter). Die dem Funkmast abgewandte Seite ist dicht grün belaubt und augenscheinlich unversehrt.

Bild 1: Titelseite der aktuellen Dokumentation von Dr. med. Waldmann-Selsam
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Bild: Waldmann-Selsam

Das Foto erweckt auf den ersten Blick den plausiblen Eindruck, dass zwischen dem Funkmast und dem geschädigten Baum ein Kausalzusammenhang besteht. Doch obwohl Waldmann-Selsam das eindrucksvolle Foto für die Titelseite ihrer Dokumentation ausgewählt hat, gibt es auf den rd. 300 Seiten keinen detaillierten Fallbericht zu dem plakativen Baumschaden. Die Dokumentation erschöpft sich in der dürren Zeile "Titelbild: Forchheim, Bahnhof, Ahorn 2015".

Seit der Aufnahme sind gut zehn Jahre vergangen. Was wurde aus dem Baum? Musste er gefällt werden oder erholte er sich? Und sah der Baum auch schon vor 2015 so mitgenommen aus? Um das herauszufinden, bediente ich mich der Möglichkeit, in Google Earth historische Bilder abzurufen. Doch dazu musste zuerst einmal die Perspektive gefunden werden, aus der 2015 das Titelfoto von Waldmann-Selsams Dokumentation entstand. Das war der schwierigste Teil der Recherche, denn seit 2015 hat sich am Bahnhof von Forchheim einiges getan, was die Orientierung erschwerte. Nach einigem Hin und Her war aber klar, Bild 2 trifft die Perspektive hinreichend gut. Links ist das Bahnhofsgebäude erkennbar, rechts lugt der Funkmast über die Bedachung, nur von den beiden Ahornen ist nichts (mehr) zu sehen, was u.a. auch daran liegt, dass Google mit "Streetview" nur Bilder aus der Perspektive eines Straßenfahrzeugs zeigen kann. Das Titelfoto wurde jedoch aus einer nur Fußgängern zugänglichen Perspektive nahe den Gleisen aufgenommen.

Bild 2: Bahnhofsplatz in Forchheim aus heutiger Sicht
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Bild 2 bis Bild 11: Google Earth

Nachdem in Google Earth der fragliche Funkmast lokalisiert und die Soll-Position der beiden Ahorne bestimmt war, wechselte ich von "Streetview" in die Vogelperspektive und schaute mir den Bahnhofsplatz von oben an, wie er im Jahr 2009 aussah (Bild 3).

Bild 3: Bahnhofsplatz in Forchheim aus der Vogelperspektive im Jahr 2009
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Die beiden Ahorne sind jetzt gut erkennbar und unversehrt, soweit sich das bei der geringen Bildauflösung beurteilen lässt. Die gelbe Linie führt von den Bäumen zum Funkmast. Sie belegt, dass das Bahnhofsgebäude die Ahorne gerade noch nicht abschattet. Wer sich selbst ein Bild von der damaligen Situation machen möchte, muss dazu nicht einmal Google Earth installieren, sondern nur diesem Link zur Online-Version der Software folgen. Der Bildausschnitt lässt sich beliebig vergrößern oder verkleinern und oben wird die Zeitleiste zur Auswahl der historischen Fotos angezeigt.

Nächster Schritt war das Einblenden der IZgMF-Winkelscheibe in die Darstellung von Google Earth (dazu muss das Programm installiert sein). Auf diese Weise lassen sich die sechs Hauptstrahlrichtungen (HSR) des Funkmasten sichtbar machen (Bild 4). Hier gilt die Einschränkung, dass mir nur die aktuellen Daten des Standorts zur Verfügung standen und nicht die Daten von 2015 oder älter. An den HSR dürfte sich jedoch nichts geändert haben. Mit LTE und 5G sind jedoch zwei Funknetze hinzugekommen, sodass im Januar 2026 sage und schreibe 54 Funksysteme an dem Funkmast montiert waren. Da die Netzbetreiber üblicherweise Mehrbandantennen bevorzugen, ist die Anzahl der sichtbaren Antennen deutlich kleiner. In jede der sechs HSR strahlen mindestens sechs Funksysteme und maximal zwölf. Auf die beiden Ahorne ist keine HSR exakt ausgerichtet, der Unterschied zwischen exakter Ausrichtung und 10° Abweichung ist aller Voraussicht nach jedoch für die Exposition der Bäume unerheblich.

Bild 4: Die Funksysteme des Mobilfunkmastes strahlen in sechs Hauptstrahlrichtungen ab
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Jetzt können wir uns auf eine Zeitreise begeben, die den Bahnhofsplatz Forchheims von 2013 bis 2025 zeigt und über das Schicksal der beiden Ahorne Auskunft gibt.

Bild 5: Bahnhofsplatz am 16. August 2013
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Bild 6: Bahnhofsplatz am 12. Oktober 2015
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Bild 7: Bahnhofsplatz am 25. August 2016
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Bild 8: Bahnhofsplatz am 23. August 2017
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Bild 9: Bahnhofsplatz am 22. März 2020
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Bild 10: Bahnhofsplatz am 17. Juni 2021
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Bild 11: Bahnhofsplatz am 19. Juli 2025
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Die Zeitreise macht deutlich, das Titelfoto für Waldmann-Selsams Dokumentation musste 2015 entstehen, denn im August 2016 sind beide Bäume nicht mehr zu sehen. Höchstwahrscheinlich wurden sie gefällt. Aber warum? Das Foto vom 23. August 2017 gibt eine Antwort, die mit dem Funkmast nichts zu tun hat, denn das Foto zeigt dort, wo die Bäume standen, eine größere Baustelle. Gut möglich, dass die beiden Ahorne deshalb weichen mussten. Die Baustelle zog sich über Jahre hin, erst im März 2020 ist sie verschwunden. Anlass war der Bau einer neuen Fußgängerunterführung, die vom Bahnhof ausgehend den Gleiskörper unterquert.

Was alles gegen die HF-EMF-These spricht

Dass der Funkmast möglicherweise einen der beiden Ahorne auf dem Gewissen hat lässt sich nicht völlig ausschließen, doch es spricht vom Augenschein abgesehen wenig dafür.

Auffälliges Schadensbild: Der betroffene Ahorn sieht zweigeteilt aus, links kerngesund, rechts todkrank. Die Linie zwischen den beiden Extremen ist scharf. Ein solches Schadensbild, das auf eine an der Trennlinie abrupt einsetzende starke Dämpfung des HF-Signals hinweist, ist physikalisch unplausibel und wurde mWn bislang auch kein zweites Mal beobachtet.

Willkürliche Zuweisung: Frau Waldmann-Selsam unterstellt nicht, dass der Ahorn unter HF-EMF-Einwirkung eingegangen ist, sie erweckt im Kontext ihrer Dokumentation lediglich den Eindruck, dass diese Vermutung den Tatsachen entspricht. Doch wenn dies zutreffend wäre, müsste nicht nur ein einziger Baum auf dem Bahnhofsplatz in Forchheim betroffen sein, sondern viele. Die Inaugenscheinnahme der Bäume ergab jedoch im Rahmen der Möglichkeiten keine Hinweise, dass über die Baumaßnahme hinaus Bäume gefällt werden mussten. Unter diesen Umständen ist der fragliche Ahorn ein Einzelfall mit willkürlicher Zuweisung eines Schadenverursachers.

Unbeachtete Kontrolle: Der hinten stehende zweite Ahorn wäre eine hervorragende Beweisstütze gewesen, wäre er aus einer anderen Perspektive fotografiert worden, welche die "bestrahlte" Seite dieses Ahorns gezeigt hätte. Hätte auch dieser Ahorn ein Schadensbild ähnlich dem des anderen Ahorns gezeigt, könnte man nicht von einem Einzelfall reden. Mir fällt nur ein Grund ein, warum dieses Foto fehlt: Der zweite Ahorn war entweder gar nicht geschädigt oder merklich weniger. Da Frau Waldmann-Selsam im Bildnachweis auf Seite 286 keinen Fremdautor für das Titelfoto nennt, gehe ich davon aus, dass sie 2015 das Foto in Forchheim geschossen hat und es deshalb kein Zufall ist, dass der zweite Ahorn nicht fotografiert wurde.

Keine Messwerte: Das auffällige Schadensbild schreit geradezu nach Messwerten. Messwerte im grünen Bereich des Baums, im abgestorbenen Bereich und an der Trennlinie hätten den HF-EMF-Verdacht anhand eines Paradebeispiels substanziell stützen oder widerlegen können. Allein, es wurden anscheinend keine Messwerte genommen, zumindest werden in der Dokumentation keine genannt. Forchheim und Bamberg liegen mit dem Auto nur 20 Minuten voneinander entfernt.

Ausblenden der Baumaßnahme: Nachweislich zu Opfer gefallen sind die beiden Ahorne letztendlich der Baumaßnahme für die Fußgängerunterführung. Es wäre mMn fair gewesen, in der Dokumentation diesen Sachverhalt nicht unter den Tisch fallen zu lassen, um Lesern eine faktengestützte Bewertung des plakativen Titelfotos zu ermöglichen.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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