Phonegate feiert grundlos "historischen Sieg" über Apple/Samsung (Allgemein)
Die französische NGO Phonegate Alert feiert spät einen "historischen Sieg" über Apple und Samsung vor dem Supreme Court of Canada. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Das höchste Gericht hat im Mai 2025 weder Strahlenwerte bewertet noch Gesundheitsrisiken bestätigt. Es hat schlicht entschieden, sich mit dem Fall nicht zu befassen. Der Rest ist Erzählung.
Sechs Kläger – und eine potenziell riesige "Klasse"
Ausgangspunkt ist eine kanadische Sammelklage (Class action) aus dem Jahr 2019. Eingereicht wurde sie von sechs namentlich bekannten Personen, die als repräsentative Kläger fungieren. Ihr Anspruch: Bestimmte Smartphones von Apple und Samsung würden im Alltagsbetrieb höhere SAR-Werte bewirken als angegeben oder zulässig.
Der eigentliche Clou liegt jedoch im Konstrukt der Sammelklage: Die "Klasse" umfasst potenziell alle Personen in Québec, die seit 2013 entsprechende Geräte genutzt haben. Das können tausende oder auch Millionen sein – exakt beziffert ist diese Gruppe naturgemäß nicht. Und aktiv am Verfahren beteiligt sind weiterhin nur die sechs Kläger.
Was der Supreme Court tatsächlich entschieden hat
Phonegate Alert schreibt, der Supreme Court habe die Klage "validiert". Das klingt nach inhaltlicher Bestätigung. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Apple und Samsung hatten beantragt, dass sich der Supreme Court mit der Sache befasst. Dieses Gesuch wurde abgelehnt. Mehr nicht. Das bedeutet:
– Keine Prüfung der Vorwürfe
– Keine Bewertung von SAR-Werten
– Keine Aussage zu Gesundheitsrisiken
– Kein Urteil über Schuld oder Unschuld
Juristisch handelt es sich um einen alltäglichen prozeduralen Schritt: Die Klage bleibt zugelassen und wird vor unteren Instanzen weiterverhandelt.
Bislang ging es nur um die Frage, ob die Sammelklage überhaupt zugelassen wird – und diese Hürde haben die Kläger in zwei Instanzen genommen. Der Supreme Court ließ eine weitere Überprüfung nicht zu. Erst jetzt beginnt das eigentliche Verfahren.
Phonegate ist gar nicht beteiligt
Ein besonders interessanter Punkt: Phonegate Alert ist in dem Verfahren überhaupt keine Partei. Weder die Organisation noch ihr Kopf Marc Arazi tauchen in den offiziellen Gerichtsunterlagen auf. Sie sind:
– keine Kläger
– keine Nebenkläger
– keine Gutachter im Auftrag des Gerichts
Phonegate positioniert sich selbst als Unterstützer und kündigt an, "Beweise" liefern zu wollen. Ob und in welcher Form solche Beiträge tatsächlich Eingang in das Verfahren finden, ist offen. Eine formale Rolle existiert nicht.
Gemeinsame Erzählung, keine gemeinsame Klage
Warum passt der Fall dennoch so gut in die Phonegate-Kommunikation? Weil die Argumentationslinie nahezu deckungsgleich ist. Im Kern geht es in beiden Fällen um die These, dass SAR-Messungen unter Laborbedingungen die reale Nutzung unterschätzen. Diese Idee stammt ursprünglich aus französischen Messkampagnen und wurde von Phonegate Alert massiv popularisiert. Die kanadische Klage greift ähnliche Argumente auf – ohne dass eine direkte organisatorische Verbindung nachweisbar wäre. Mit anderen Worten: gleiche Story, unterschiedliche Akteure.
Vom Verfahrensschritt zum "historischen Sieg"
Die eigentliche Verzerrung liegt im Framing. Aus der nüchternen Entscheidung "Wir nehmen den Fall nicht an" wird bei Phonegate:
– eine "Validierung"
– ein "historischer Sieg"
– eine angebliche Niederlage der Gerätehersteller
Das ist kommunikativ gerissen, aber juristisch unzutreffend. Solche Ablehnungen sind im kanadischen Rechtssystem nichts Ungewöhnliches und sagen über die Erfolgsaussichten in der Sache praktisch nichts aus.
Die kanadische Sammelklage ist real und wird weiterverhandelt. Der Supreme Court hat sie jedoch weder bestätigt noch inhaltlich bewertet. Phonegate Alert ist nicht beteiligt, nutzt den Fall aber ungeniert zur Stützung der eigenen Erzählung. Kurz gesagt: Die Klage läuft – der "Sieg" existiert nur in der Pressemitteilung.
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