Elektrosmog-Report: Stichwortgeber für Schein-Experten (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 07.12.2011, 11:09 (vor 4596 Tagen)

Die Titelstory in der Dezember-Ausgabe des sogenannten Fachinformationsdienstes "Elektrosmog-Report" lautet "Mobiltelefonnutzung von Jugendlichen in der Schule". Es geht um eine aktuelle Studie von Redmayne M et al, publiziert in Reproductive Toxicology 32.

Schon im Vorspann des Artikels stimmt die Autorin ihre Leser ein: "Eine Hochrisikogruppe wurde identifiziert, die das Mobiltelefon mehr als 10 Stunden pro Tag aktiviert hat und es in der Tasche trägt."

Aha!

Im Artikel verschwimmen dann die Grenzen zwischen dem, was in der Studie stehen könne, ebenso gut aber auch pure Interpretation der Autorin sein könnte. Etwa wenn es heißt: "So könnte bei Jugendlichen eine Gesundheitsgefahr für ihre Nachkommen bestehen, zumal auch bei Spermien gentoxische Wirkungen von Mobilfunkstrahlung nachgewiesen sind." Vergessen wurde zu erwähnen, dass dieser "Nachweis" auf wackligen Beinen steht, weil es dazu widersprechende Forschungsergebnisse gibt, und noch immer kein Wirkmodell anerkannt ist, wie es überhaupt zu gentoxischen Wirkungen kommen könnte. Momentan geht der Trend der Wirkmodellthesen eher weg von direkten gentoxischen Wirkungen hin zu indirekten Wirkungen (siehe auch hier).

Worauf ich aber hinaus will ist das Zauberwort "aktiviert", oben im Vorspann erwähnt. Aktivieren bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch "zu größerer Wirkung bringen". Der "Fachinformationsdienst" nutzt das Wort, um zitierfähig unbegründete Ängste gegenüber Mobilfunk zu schüren. Ein mMn durch und durch unseriöses Ziel des Artikels.

Denn ein "aktiviertes" Handy ist ein (nur) eingeschaltetes Handy. Ein solchermaßen aktiviertes Handy sendet jedoch nicht still und heimlich vor sich hin, sondern es empfängt nur - auch wenn sich dies z.B. beim E-Smog-Alarmierer BUND noch immer nicht bis in die Chefetage herumgesprochen hat. Die "Strahlenbelastung" eines nur eingeschalteten Handys geht gegen Null! Solange mit dem Handy nicht telefoniert wird oder Daten übertragen werden (Internet, E-Mail ...) erwacht es nur im Abstand von 30 Minuten ... 12 Stunden für etwa 1 Sekunde zum Leben (die Zeitspanne hängt davon ab, welchen Netzbetreiber man hat, siehe auch hier). Das Handy sendet in dieser 1 Sekunde einen Impuls ans Netz (PLU), um zu melden: "Hallo, ich bin noch da!". Damit dieser Impuls auch unter ungünstigen Bedingungen "durch" kommt, sendet ihn das Handy mit voller Sendeleistung. Das Netz bemerkt es, wenn dieser Impuls eines Handys ausbleibt, z.B. weil das Gerät im Handschuhfach eines Wagens liegt, der in der Tiefgarage eines Flugplatzes geparkt ist. In so einem Fall wird der Teilnehmer automatisch ausgebucht und, so er es zugelassen hat, seine Mailbox eingeschaltet.

Ein Schüler, der mit eingeschaltetem Handy in der Hosentasche im Unterricht sitzt und bei E-Plus unter Vertrag ist, erlebt während des Unterrichts keinen einzigen dieser Impulse, er bleibt die gesamte Zeit von seinem Handy völlig unbefeldet. Am häufigsten trifft es Vodafon-Kunden: Sie werden binnen 10 Stunden durch den PLU-Impuls für kumuliert ganze 20 Sekunden bestrahlt.

Der Elektrosmog-Report verschweigt die oben geschilderten Zusammenhänge völlig, er versucht stattdessen den Eindruck zu erwecken, Schüler würden sich mit "aktivierten" Handys einer Dauerbefeldung aussetzen, die im Nahfeld auch schon mal über dem Grenzwert liegen könne. Diese Desinformation wäre nun nicht weiter erwähnenswert, wären unter den Lesern des Blättchens nicht auch Baubiologen und andere, deren Geschäftsmodell mit Angst vor Elektrosmog befeuert wird. Soll heißen: Die Desinformation des "Fachinformationsdienstes" speist eine Kette von Wasserträgern, an deren Ende die verunsicherte Bevölkerung anzutreffen ist. Der werden dann in Hinterzimmern von Wirtshäusern oder in Pfarrsälen von selbsternannten Experten eben jene künstlichen Alarme verabreicht, wie sie mMn Monat für Monat der "Elektrosmog-Report" gegen 72 Euro Jahresgebühr gezielt bereit stellt. So wie Bauknecht weiß, was Frauen wünschen, weiß der "Elektrosmog-Report", was Baubiologen, Heiler und Elektrosmogmesstechniker brauchen. Echte Experten informieren sich anderswo.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Elektrosmog-Report, Irreführung, Wasserträger, Wilke, Fachinformationsdienst, Stichwortgeber, Redmayne

Spam

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 07.12.2011, 12:04 (vor 4596 Tagen) @ H. Lamarr

Der Views-Zähler des Startpostings behauptet, es wäre in knapp einer Stunde über 250-mal aufgerufen worden. Das halte ich für ein Gerücht. Vermutlich hat da ein Cyber-Junkie etwas ausprobiert oder die Datenbank des Forum hat geschwächelt. Betroffen von der Überzahl sind nur Postings von heute.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Elektrosmog-Report: Stichwortgeber für Schein-Experten

Doris @, Mittwoch, 07.12.2011, 14:15 (vor 4596 Tagen) @ H. Lamarr

Die Titelstory in der Dezember-Ausgabe des sogenannten Fachinformationsdienstes "Elektrosmog-Report" lautet "Mobiltelefonnutzung von Jugendlichen in der Schule". Es geht um eine aktuelle Studie von Redmayne M et al, publiziert in Reproductive Toxicology 32.

Welche Informationen Elektrosmog-Report Leser vermutlich nicht erhalten.....

Vorab jedoch noch folgendes, was mich auch hier irritierte und warum in der Sache nachging.

Es ist die Sprache, die mir auch hier auffällt und die sich unterscheidet von anderen Wissenschaftlern.

Mary Redmayne von der Wellington Universiät in Neuseeland resümiert

Die Autoren sehen „genügend Beweise und Expertenmeinungen, die eine verschärfte Schulpolitik rechtfertigen, bei der die Schüler ihr Handy in der Schule abgeben müssen“.

So eine Forderung ist m.E. ideologisch und würde dem Problem, sollte es dieses geben, auch nicht gerecht werden.

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WIK-Leser erfahren außerdem noch:

Studie: Der Umgang von Jugendlichen mit Handys in Schulen und die Bedeutung für die Zeugungsfähigkeit

Forscher der Universität von Wellington (Neuseeland) erfassten in einer Erhebung und einer Umfrage die Regeln zum Umgang mit Handys in neuseeländischen Schulen sowie deren Effektivität in Bezug auf die tatsächlichen Nutzungsgewohnheiten unter Jugendlichen. Die Ergebnisse werden im Zusammenhang mit einer Literaturübersicht zum Thema „Effekte von Mobilfunksignalen auf die Fruchtbarkeit beim Menschen“ diskutiert.
Die Erhebung an 139 Schulen in der Region Wellington und die Umfrage unter 373 Jugendlichen ergaben, dass der private Gebrauch von Handys in Klassenräumen an allen Schulen verboten ist, 43% der Schüler jedoch zugaben diese Regel zu missachten. Etwa 20% davon wurden einer „hoch exponierten Gruppe“ zugeordnet, weil sie das Handy während des Unterrichts einschalteten oder benutzten und es länger als 10 Stunden am Tag eingeschaltet in der Seitentasche (bzw. Hosentasche) oder in der Hand trugen. Dieses Verhaltensmuster korrelierte mit den höchsten ermittelten Raten beim Textnachrichtenschreiben und mit der Gewohnheit, das Handy nachts eingeschaltet am Bett liegen zu lassen. 30% aller befragten Jugendlichen trugen ihr Handy länger als 10 Stunden am Tag eingeschaltet in einer Seitentasche/Hosentasche.
In der Diskussion weisen die Autoren darauf hin, dass das enge Tragen des Handys am Körper in den Sicherheitsstandards nicht berücksichtigt wird und es hier bei jedem der regelmäßigen Funkkontakte zwischen Handy und Basisstation möglicherweise zu Grenzwertüberschreitungen kommt. In einer ausführlichen Literaturübersicht zu Effekten von Mobilfunksignalen auf die Fruchtbarkeit beim Menschen kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die vorliegenden Studienergebnisse nicht eindeutig sind, „aber zunehmend auf signifikante zeit- und dosisabhängige spermienschädigende Effekte durch Mobiltelefon-Exposition hindeuten“. Auch genschädigende Effekte seien durch nicht-thermische Exposition nachgewiesen worden, jedoch eben-falls nicht konsistent. Die Autoren sehen „genügend Beweise und Expertenmeinungen, die eine verschärfte Schulpolitik rechtfertigen, bei der die Schüler ihr Handy in der Schule abgeben müssen“.
Anmerkung: Die in der Studie enthaltene Literaturübersicht zu Effekten von Mobilfunksignalen auf die Fruchtbarkeit beim Menschen berücksichtigt nicht alle Originalarbeiten und andere Reviews zum Thema.

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Von Mary Redmayne gibt es zwei Studien zu Mobiltelefonen, die im EMF-Portal gelistet sind (Redmayne eingeben). Bei beiden Arbeiten waren jedoch Wissenschaftler involviert, die nicht der mobilfunkkritischen Szene zuzuordnen sind. Der Australier MJ Abramson, der Leiter der MoRPhEUS-Studie (hier) und (hier) war an beiden Arbeiten beteiligt, auch an der eben diskutierten und trägt das Resümee wohl auch mit.

Mary Redmayne bekennt sich mMn jedoch zu den mobilfunkkritischen Wissenschaftler, denn sie hat sich der Porto Alegre Resolution aus dem Jahre 2009 angeschlossen und dort ist sie mit folgender Bezeichnung verewigt.

Mary Redmayne, Dip. Env. Stud., Victoria University, Certified BBE Electro-Biology
- Environmental Inspector, New Zealand

Und BBE Electro Biology ist die Bezeichnung für Building Biology and Ecology Institute

Das bedeutet, auch Mary Redmayne sieht das Thema aus einer anderen Sicht. Hier einfach nur pures Interesse mit finanziellem Hintergrund hinein zu interpretieren mag ich nicht. Es gibt einfach Menschen, die sehen das Leben und die Gesundheit aus dieser Sicht und das Wohlbefinden des Menschen ganzheitlich.

Tags:
Desinformation, Manipulation, Meinungsbildung, Fruchtbarkeit, WIK, Redmayne

Elektrosmog-Report: Stichwortgeber für Schein-Experten

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 07.12.2011, 14:57 (vor 4596 Tagen) @ Doris

Das bedeutet, auch Mary Redmayne sieht das Thema aus einer anderen Sicht. Hier einfach nur pures Interesse mit finanziellem Hintergrund hinein zu interpretieren mag ich nicht.

Ist ja auch nicht nötig. Mrs. Redmayne outet sich in ihrer Bio ohnehin, wenn sie schreibt: "My interests and other activities include [...] a little voluntary work with the blind." (deutsch: ... und ein wenig ehrenamtliche Arbeit mit Blinden). Damit passt sie mMn ganz vortrefflich in gewisse Sparten der Mobilfunkdebatte ;-).

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– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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