AUVA vs. INAIL: schwacher Alarm schlägt starke Entwarnung (Forschung)

H. Lamarr, München, (vor 20 Stunden, 14 Minuten)

2008 meldete eine von der österreichischen Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (Auva) finanzierte Experimentalstudie alarmierende Befunde zur Genotoxizität von UMTS-Feldern. Sechzehn Jahre später erschien eine von der italienischen Unfallversicherung Inail geförderte systematische Review, die nach Auswertung von 159 In-vitro-Studien zu einem deutlich weniger alarmierenden Ergebnis gelangte. Zwei staatlich finanzierte Forschungsprojekte, dieselbe Fragestellung – und eine bislang auffallend unterschiedliche Rezeption der Befunde.

Dass gesetzliche Unfallversicherungen Forschung zu möglichen Gesundheitsrisiken elektromagnetischer Felder fördern, gehört eher zu den Ausnahmen. Umso bemerkenswerter ist es, wenn sowohl die österreichische Auva als auch die italienische Inail Arbeiten zur möglichen Genotoxizität hochfrequenter elektromagnetischer Felder finanzierten. Bei näherem Hinsehen ergibt sich daraus ein ungewöhnlicher Vergleich. Denn beide Projekte befassten sich mit derselben Fragestellung, kamen jedoch zu unterschiedlichen Ergebnissen. Erhellend ist auch die Frage, wie diese Ergebnisse außerhalb der Fachwelt in der Öffentlichkeit aufgenommen wurden.

Von Athem-2 zur systematischen Review

Die Auva finanzierte im Rahmen des Forschungsprogramms Athem-2 unter anderem die Arbeit von Schwarz et al. (2008). Die Autoren berichteten über genotoxische Effekte einer schwachen UMTS-Exposition in menschlichen Fibroblasten, während Lymphozyten unter denselben Versuchsbedingungen keine entsprechenden Veränderungen zeigten. Die Befunde wurden als alarmierende Bestätigung der "Reflex"-Studie (Diem et al., 2005) gesehen, gerieten aber noch 2008 unter Verdacht, dass sie nicht mit rechten Dingen zustande gekommen sind.

2024 veröffentlichte eine italienische Arbeitsgruppe um Stefania Romeo eine systematische Review zur Genotoxizität hochfrequenter elektromagnetischer Felder in vitro. Die Arbeit entstand im Rahmen des von Inail geförderten Projekts BRiC 2018/06 und wertete 159 experimentelle Studien systematisch nach einem vorab veröffentlichten Protokoll aus (nicht verwechseln mit den zehn systematischen Reviews im Auftrag der WHO). Die Auswertung ergab, dass vier von fünf Experimenten (80 Prozent) keine statistisch signifikanten genotoxischen Effekte fanden. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass HF-EMF wahrscheinlich keine Zunahme genotoxischer Effekte in vitro verursachen und dass positive (alarmierende) Befunde überwiegend aus Studien geringerer methodischer Qualität stammen.

Schwarz et al. wurde ausdrücklich berücksichtigt

Die italienischen Autoren ignorierten die Auva-Studie nicht. Schwarz et al. (2008) wurde in die systematische Review aufgenommen und nach denselben OHAT-Kriterien bewertet wie alle übrigen eingeschlossenen Arbeiten. Die Studie floss somit ausdrücklich in die Gesamtevidenz ein.

Diem oder Schwarz – wurden die Studien verwechselt?

Die Autoren der Arbeitsgruppe Romeo schließen Diem et al. (2005) mit der Begründung aus, die Studie sei aufgrund der "Kontroverse um die Wahrhaftigkeit der Daten" nicht für die Evidenzbewertung geeignet; als Beleg wird auf Tuffs (2008) verwiesen.

Diese Entscheidung wirft jedoch Fragen auf. Denn die ab 2008 eskalierte Reflex-Affäre betraf nach meinem Kenntnisstand nicht Diem et al. (2005), sondern Schwarz et al. (2008). Damals erhob Alexander Lerchl Fälschungsvorwürfe gegen die UMTS-Studie, deren Daten seien mit anerkannten Regeln der Statistik nicht vereinbar. Zur Rede gestellt, räumte eine Laborantin gegenüber einer Untersuchungskommission ein, den Verblindungscode der Expositionskammern gekannt zu haben und Studienleiter Hugo Rüdiger erklärte sich vorübergehend sogar bereit, die Publikation zurückzuziehen. Eine vergleichbare Beweislage gegen Diem et al. lag zu diesem Zeitpunkt (2008) nach meinem Kenntnisstand noch gar nicht vor. Die ältere Studie geriet erst später im Verlauf der Auseinandersetzung in Lerchls Schusslinie, zu spät für Tuffs (2008). Es ist daher nicht auszuschließen, dass Romeo et al. mit Diem et al. irrtümlich die falsche Studie (anstelle von Schwarz et al.) von der Evidenzbewertung ausgeschlossen haben. Sollte dieser Verdacht zutreffen, wird dies am Ergbnis der Review höchstwahrscheinlich nichts ändern.

Ein erklärungsbedürftiger Widerspruch

Bei der Durchsicht der Supplemente zu Romeo et al. fiel eine weitere Auffälligkeit auf. In Appendix A, Supplement 2, erhält Schwarz et al. (2008) für die Bewertungsdisziplin "Outcome assessment" die schlechtestmögliche Einstufung (definitely high risk of bias). In den studienbezogenen Erläuterungen (Supplement 4) findet sich dagegen eine Beschreibung, die aus meiner Sicht überhaupt nicht zu dieser Bewertung passt. Denn dort werden unter anderem eine verblindete Auswertung, Positivkontrollen und standardisierte Testverfahren ausdrücklich positiv hervorgehoben. Ob es sich hierbei um einen redaktionellen Fehler oder um einen bislang nicht erkannten Zusammenhang handelt, lässt sich den Supplementen nicht entnehmen. Hierzu habe ich die Erstautorin der Review jedoch um Klarstellung gebeten.

Eine auffällige Asymmetrie
[image]◄ Suchergebnisse vom 02.08.2026 in der Alarmstudiendatenbank von Diagnose-Funk.
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Bildmontage: IZgMF

Sind die wissenschaftlichen Ergebnisse von Schwarz et al. vs. Romeo et al. schon kontrovers, trifft dies noch mehr auf die öffentliche Rezeption der beiden Arbeiten zu. Die Studie von Schwarz et al. gehört seit Jahren zum festen Repertoire organisierter Mobilfunkgegner. Sie wird unter anderem auf den Websites von Diagnose-Funk und Environmental Health Trust (EHT) als Beleg für genotoxische Wirkungen angeführt und ist außerdem in der privaten Alarmstudiendatenbank EMF-Data erfasst.

Demgegenüber ließ sich die systematische Review von Romeo et al. bislang weder auf der Website von Diagnose-Funk noch in der Datenbank EMF-Data oder auf der Website von Environmental Health Trust nachweisen. Dieses Ergebnis beweist nicht, dass die entwarnende Arbeit bewusst ignoriert wird. Es zeigt jedoch eine auffällige Asymmetrie. Eine alarmierende Einzelstudie wird auf mehreren zentralen Plattformen der Mobilfunkkritik seit Jahren intensiv gepflegt, während eine jüngere systematische Review, die nach Auswertung von 159 In-vitro-Studien zu einem gegenteiligen Ergebnis gelangt, dort bislang keinen vergleichbaren Niederschlag gefunden hat. Es gehört mMn nicht viel Fantasie dazu, diesen Sachverhalt als irreführenden Rezeptionsbias zugunsten alarmierender Studien auf den Websites überzeugter Mobilfunkgegner zu sehen.

Systematische Reviews stehen in der Evidenzpyramide an der Spitze. Derartige Studien gelten als besonders aussagekräftig, weil sie ihre Schlussfolgerungen nicht auf eine einzelne Arbeit stützen, sondern auf die Gesamtheit der verfügbaren Evidenz, die nicht willkürlich bewertet wird, sondern nach einheitlichen und vorab definierten Kriterien.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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