2007 veröffentlichten Alfonso Balmori und Örjan Hallberg eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen der Anzahl von Haussperlingen und der Stärke elektromagnetischer Felder in der spanischen Stadt Valladolid zeigte. Der Befund war spektakulär: Je höher die gemessene Feldstärke, desto weniger Sperlinge wurden gezählt. Balmori extrapolierte seine Beobachtungen und prognostizierte, bis 2020 könnten Sperlinge ausgestorben sein. Bis heute wird die Arbeit deshalb gerne als Beleg dafür angeführt, dass Mobilfunk für den Rückgang der Spatzen verantwortlich sein könnte (aktuelles Beispiel). Tatsächlich sind jüngst die Berliner Spatzenbestände dramatisch eingebrochen. Ist damit Balmoris Prognose nachträglich bestätigt? Nein. Die aktuelle Entwicklung ist aber ein guter Anlass, die alte Hypothese noch einmal unter die Lupe zu nehmen.
Was Balmori herausfand
Balmori und Hallberg untersuchten zwischen Oktober 2002 und Mai 2006 insgesamt 30 Zählpunkte in Valladolid. Bei 40 Begehungen wurden Sperlinge gezählt und gleichzeitig elektrische Feldstärken im Bereich von 1 MHz bis 3 GHz gemessen. Die Autoren berichten einen starken negativen Zusammenhang zwischen beiden Größen und geben dafür einen Korrelationskoeffizienten von R = -0,87 bei p = 0,0001 an. Vereinfacht gesagt: In den untersuchten Daten gingen höhere Feldstärken sehr deutlich mit geringeren Sperlingsdichten einher.
Das ist zunächst ein interessanter Befund. Ein Korrelationskoeffizient beschreibt allerdings nur, wie stark zwei Größen gemeinsam variieren. Er sagt nicht, welche Größe die andere verursacht. Aus "Wo mehr Funk gemessen wird, gibt es weniger Sperlinge" folgt deshalb nicht automatisch "Der Funk vertreibt oder tötet die Sperlinge".
Hinzu kommt, dass der häufig zitierte Wert R = -0,87 nicht unmittelbar aus den 30 einzelnen Rohmesspunkten stammt. Balmori fasste die gemessenen Feldstärken zunächst in Klassen von 0,1 V/m zusammen und führte die Regression anschließend mit diesen gruppierten Daten durch. Für die Beurteilung der Robustheit wäre es wichtig gewesen, auch die Rohdaten und deren statistische Streuung nachvollziehen zu können.
Was wurde überhaupt gemessen?
Balmori maß nicht ausschließlich Mobilfunk. Der untersuchte Frequenzbereich von 1 MHz bis 3 GHz umfasst unterschiedliche Funkdienste und damit verschiedene Quellen elektromagnetischer Felder. Aus dem gemessenen Summenwert lässt sich daher nicht ableiten, dass ausgerechnet Mobilfunk für den beobachteten Zusammenhang verantwortlich war.
Auch die Frage der tatsächlichen Exposition der Vögel bleibt offen. Eine punktuelle Feldstärkemessung beschreibt zunächst die Situation am Messort zum Messzeitpunkt. Sie ist nicht ohne Weiteres gleichbedeutend mit der langfristigen Exposition der dort lebenden Sperlinge.
Der Elefant im Stadtbild: die Lebensbedingungen
Das größere Problem liegt bei den möglichen Störfaktoren. Sperlinge verteilen sich nicht zufällig über eine Stadt. Sie benötigen Nahrung, Nistmöglichkeiten und geeignete Vegetation. Gebäudestruktur, Verkehr, Grünflächen, Insektenangebot, Prädatoren, Krankheiten und zahlreiche andere Umweltfaktoren können die Bestandsdichte beeinflussen.
Balmori nennt einige dieser Faktoren, kontrolliert sie in der eigentlichen Analyse aber nicht systematisch. Damit bleibt eine naheliegende Alternativerklärung bestehen: Bereiche mit höheren Feldstärken könnten gleichzeitig dichter bebaut oder aus anderen Gründen für Sperlinge ungünstiger gewesen sein. Die Feldstärke wäre dann möglicherweise lediglich ein Begleiter anderer Umweltbedingungen. Eine einfache Korrelation kann eine solche Drittvariablen-Erklärung nicht ausschließen.
Wie wurden die Sperlinge gezählt?
Auch bei der eigentlichen Vogelzählung gibt es einen bemerkenswerten blinden Fleck. Balmori berichtet, dass alle gesehenen oder gehörten Sperlinge gezählt wurden und dass stets derselbe Beobachter die Zählungen durchführte. Was die Veröffentlichung dagegen nicht ausreichend dokumentiert, sind konkrete Verfahren zur Vermeidung von Doppelzählungen. Wie wurde verhindert, dass ein Sperling während der Beobachtung seinen Standort wechselte und anschließend erneut gezählt wurde? Wie wurden umherfliegende Trupps behandelt? Wie lange wurde an einem Zählpunkt beobachtet und welche Entfernungen wurden berücksichtigt?
Daraus sollte man allerdings nicht den falschen Schluss ziehen, Balmori habe nachweislich doppelt gezählt. Dafür gibt es keinen Beleg. Die korrekte Kritik lautet lediglich: Die Veröffentlichung beschreibt nicht ausreichend, mit welchen Verfahren das Problem der Mehrfachzählung ausgeschlossen wurde. Das ist für die Beurteilung einer Vogelzählung durchaus relevant.
Keine repräsentative Stichprobe
Auch die Auswahl der Untersuchungsflächen schränkt die Aussagekraft ein. Die Zählpunkte wurden nicht als repräsentative Zufallsstichprobe der gesamten Stadt ausgewählt. Balmori weist selbst darauf hin, dass die Auswahl der Bereiche die ermittelte Sperlingsdichte beeinflussen konnte. Die Studie kann damit einen Zusammenhang innerhalb der untersuchten Flächen aufzeigen, ist aber keine belastbare Bestandserhebung für ganz Valladolid.
R = -0,87: beeindruckend, aber nicht ausreichend
Ein Korrelationskoeffizient von -0,87 ist durchaus bemerkenswert. Es wäre deshalb falsch, den Befund als bloßes Zufallsrauschen abzutun. Gerade ein so starker Zusammenhang verlangt aber nach einer sorgfältigen Prüfung möglicher Alternativerklärungen. Die entscheidende Frage wäre gewesen, ob der Zusammenhang auch dann bestehen bleibt, wenn Habitat, Bebauung, Nahrungsangebot, Vegetation und andere relevante Einflussgrößen statistisch kontrolliert werden.
Genau diese Prüfung liefert die Studie nicht. Deshalb bleibt der Befund ein Hinweis, aber kein Kausalitätsnachweis.
Es blieb nicht bei Balmori
Interessant ist, dass Balmoris Ergebnis nicht völlig isoliert blieb. Joris Everaert und Dirk Bauwens veröffentlichten 2007 eine unabhängige Untersuchung in Belgien. Sie untersuchten 150 Zählpunkte in sechs Wohngebieten und konzentrierten sich auf brütende Sperlingsmännchen. Die Funkexposition wurde gezielter in den GSM-Bändern 900 MHz und 1800 MHz untersucht. Auch sie fanden einen negativen Zusammenhang zwischen Feldstärke und der Zahl der brütenden Sperlingsmännchen.
Damit kann man nicht einfach behaupten, Balmoris Beobachtung sei eine Eintagsfliege gewesen. Aber auch diese Untersuchung war eine Beobachtungsstudie und beseitigte damit das grundsätzliche Problem der Kausalität nicht.
Eine umfangreichere Untersuchung kam zu einem anderen Schluss
2022 veröffentlichten Anirban Nath, Himadri Singha und Bhabesh Lahkar eine Untersuchung aus Guwahati in Indien. Sie untersuchten Haus- und Feldsperlinge über einen längeren Zeitraum an zahlreichen Standorten und bezogen neben der elektromagnetischen Belastung auch ökologische Einflussgrößen in ihre Analyse ein. Schon der Titel der Arbeit bringt die zentrale Kritik an den früheren Studien auf den Punkt: "Correlation does not imply causation".
Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass ökologische Faktoren den beobachteten Bestand besser erklären könnten als die elektromagnetische Belastung. Balmori widersprach dieser Interpretation später und hält an seiner Hypothese fest. Die wissenschaftliche Diskussion ist damit nicht beendet. Was weiterhin fehlt, ist jedoch der entscheidende Nachweis, dass die Funkexposition auch nach Kontrolle der konkurrierenden ökologischen Erklärungen tatsächlich die Ursache des Sperlingsrückgangs ist.
Und jetzt Berlin
Damit kommen wir zur aktuellen Entwicklung in Berlin. Nach den derzeit berichteten Daten ist der Rückgang erheblich. Für 2021 wurde der Berliner Bestand auf etwa 190'000 Brutpaare geschätzt. Nach Angaben des Biologen Jörg Böhner liegt der Bestand inzwischen rund 70 Prozent niedriger als 2021. Auch die Nabu-Zählungen zeigen zuletzt starke Rückgänge.
Das ist zweifellos bemerkenswert. Aber ist damit Balmoris Prognose eingetroffen? Nein. Seine Prognose bezog sich auf die von ihm beobachtete Entwicklung in Valladolid. Aus einem dort angenommenen jährlichen Rückgang extrapolierte er einen möglichen Zusammenbruch des Bestandes bis etwa 2020. Berlin ist eine andere Stadt mit einer anderen Population, anderen Umweltbedingungen und einer anderen zeitlichen Entwicklung. Dass eine andere Population Jahre später ebenfalls stark zurückgeht, bestätigt die ursprüngliche Prognose nicht.
Von 1910 bis 1920 gab es in Großstädten schon einmal weltweit einen graviertenden Rückgang der Spatzenpopulationen. Der Grund: Das Automobil verdrängte in dieser Zeitspanne die Pferde weitgehend aus den Städten. Vor 1900 dominierten Pferde den Stadtverkehr, 25 Jahre später waren sie in vielen Großstädten praktisch verschwunden. Damit entfiel für die Vögel eine immerfort sprudelnde Nahrungsquelle (Haferkörner), was den Bestand enorm reduzierte.
Was ist in Berlin die Ursache?
Das ist derzeit gerade die interessante Frage. Als mögliche Ursachen werden unter anderem Krankheiten, Nahrungsmangel und Veränderungen des Lebensraums diskutiert. Für einzelne Erklärungen gibt es derzeit noch keinen abschließenden Nachweis. Und genau deshalb wäre es wissenschaftlich falsch, jetzt einfach "Elektrosmog" als Erklärung einzusetzen. Ebenso voreilig wäre es allerdings, die EMF-Hypothese allein deshalb vom Tisch zu wischen, weil frühere Studien methodische Schwächen hatten. Die Hypothese lässt sich prüfen. Berlin könnte dafür sogar ein interessanter Testfall sein.
Fortsetzung in Teil II