Mevissen-Tierreview für WHO: 28'000 Downloads, wirklich? (Allgemein)
Microwave News frohlockt: Systematische Übersichtsarbeit, die auf ein Krebsrisiko hinweist, wurde 2025 rund 28'000 Mal heruntergeladen.
Vor wenigen Tagen gaben die Herausgeber von Environment International bekannt, dass Mevissens Übersichtsarbeit der meist heruntergeladene Artikel der Zeitschrift im Jahr 2025 war. Laut Frederic Coulon, einem der drei Chefredakteure der Zeitschrift, griffen die Leser insgesamt auf rund 28'000 PDFs und vollständige Artikelansichten zu.
Claude, der KI-Assistent von Anthropic, bezeichnet 28'000 Downloads als "durchaus beeindruckend" und fügt hinzu, dass dies die Arbeit von Mevissen in die Top 1-5 % aller heruntergeladenen wissenschaftlichen Arbeiten einordnet.
Soweit der Auszug aus Microwave News.
Für ein Fachpaper wären 28'000 Sichtungen innerhalb eines Jahres tatsächlich bemerkenswert. Aber stimmt die Zahl überhaupt? Prüfen wir sie nach.
Der Link zur Bekanntgabe der Herausgeber nennt lediglich die zehn erfolgreichsten Artikel (meisten Downloads) des Jahres 2025, jedoch keine Downloadzahlen. Und der Link zu Frederic Coulon führt nicht etwa zu einer Äußerung mit der fraglichen Downloadzahl, sondern zu einem Profil des Professors.
Damit steht fest, Louis Slesin beruft sich anlässlich seiner Nennung der Zahl 28'000 zwar auf Coulon, da er jedoch keine Belege beibringt, bleibt die Zahl im Nebel einer Behauptung stecken. Es ist völlig offen, auf welche Weise (Interview, Telefonat, E-Mail ...) Slesin die Zahl von Coulon erfahren haben will. Solche Versäumnisse hat sich Slesin früher nicht erlaubt. Zudem versucht er die Zahl rhetorisch aufzuwerten, indem er der KI Claude einen anerkennenden Kommentar abluchst. Und um der Mevissen-Review noch mehr Wasser unter dem Kiel zu verschaffen, weiß Slesin, dass dieses Paper schon mindestens 35-Mal zitiert wurde, Google-Scholar zufolge. Die Zahl ist nicht falsch, doch Google-Scholar wertet auch randständige Quellen aus. Environment International kuratiert merklich strenger, diesem Blatt zufolge ist die Mevissen-Review bis heute 23-Mal zitiert worden. Das reicht nicht, um in die Most cited Paper Awards 2025 von Environment International aufgenommen zu werden.
Doch da gibt es noch einen zweiten Hebel für Kritik: "28'000 PDFs und vollständige Artikelansichten" liest sich zwar eindrucksvoll, ist aber keineswegs so eindeutig wie es scheint. Warum nicht? Schwammig ist der Bezug auf "PDFs", denn die Mevissen-Review umfasst eine ganze Menge PDFs. Nimmt man die zur Review angebotenen Supplemtary-Data-PDFs alle hinzu, besteht ein kompletter Download nicht aus 1 PDF, sondern aus 23 PDFs. Dieser Umstand kann die Zahl 28'000 erheblich relativieren.
Ich gönne Meike Mevissen neidlos die Download-Krone von Environment International fürs Jahr 2025. Im konkreten Artikel stört mich jedoch, dass Slesin die eigentliche Nachricht — angeblich hohe Abrufzahlen der Mevissen-Review — mehrfach mit überzogenen Seitenhieben auf Kritiker und Institutionen verwässert. Dadurch verschwimmt bei ihm die Grenze zwischen Berichterstattung und Lagerkommunikation. Das kann man als überzeugter Mobilfunkkritiker so handhaben, journalistisch elegant ist es nicht.
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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –