Wissenschaftler entdecken: EHS verschwindet mit der Zeit (Elektrosensibilität)

H. Lamarr @, München, Montag, 19.12.2022, 00:10 (vor 442 Tagen)

Eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe um Eugenio Traini interessierte sich dafür, ob und wie die Zuschreibung von Gesundheitsbeschwerden auf die Einwirkung von HF-EMF bei "elektrosensiblen" Personen sich im Laufe der Zeit ändert. Bislang war darüber nur wenig bekannt. Die jetzt vorliegenden Ergebnisse lassen aufhorchen.

Die Arbeitsgruppe ersann ein ziemlich komplexes Studiendesign, während dessen Umsetzung eine große vorhandene niederländische Studienkohorte über zehn Jahre hinweg mehrfach nach der wahrgenommenen HF-EMF-Exposition befragt wurde, nach der Risikoeinschätzung und Besorgnis, auch in Bezug auf 5G, nach Symptomen und deren Zuordnung zur HF-EMF-Exposition. Die so gesammelten Daten wurden mit "Markov-Modellen" ausgewertet. Solche Modelle sind ein Werkzeug der Stochastik, das bei Kenntnis einer begrenzten Vorgeschichte Prognosen über die zukünftige Entwicklung einer Untersuchungsgröße zulässt.

Ihre bemerkenswerten Erkenntnisse publizierte die Arbeitsgruppe vorab online in dem Fachblatt "Science of The Total Environment" unter dem sperrigen Titel "Time course of health complaints attributed to RF-EMF exposure and predictors of electromagnetic hypersensitivity over 10 years in a prospective cohort of Dutch adults" (Volltext). Bemerkenswert sind die Ergebnisse dieser ungewöhnlichen Studie deshalb, weil den Wissenschaftlern zufolge "Elektrosensibilität" kein unabänderliches Schicksal mit teils erheblichen Einbußen an Lebensqualität ist, sondern mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine im Laufe von zehn Jahren vorübergehende Phase. Danach werden die Symptome nicht mehr mit HF-EMF in Verbindung gebracht.

Abstract

Der folgende Abstract macht das Studiendesign etwas transparenter, Laien werden daran jedoch wenig Freude haben:

Hintergrund: Manche Menschen führen gesundheitliche Beschwerden auf die Exposition gegenüber hochfrequenten elektromagnetischen Feldern (HF-EMF) zurück. Dieser Zustand, der als idiopathische Umweltintoleranz, die auf HF-EMF zurückzuführen ist (IEI-HF) oder elektromagnetische Hypersensibilität (EHS) bekannt ist, kann für die Betroffenen eine Beeinträchtigung darstellen. In dieser Studie untersuchten wir die Faktoren, die mit der Entwicklung, Aufrechterhaltung oder Aufgabe einer IEI-HF im Laufe von zehn Jahren zusammenhängen, sowie die Prädiktoren für die Entwicklung einer EHS bei der Nachuntersuchung, indem wir eine gezielte Frage ohne die Bedingung stellten, Gesundheitsbeschwerden zu melden, die auf HF-EMF-Exposition zurückzuführen sind.

Methode: Die Teilnehmer (n=892, Durchschnittsalter 50 bei Studienbeginn, 52 Prozent Frauen) der niederländischen Arbeits- und Umweltgesundheits-Kohortenstudie "Amigo" füllten 2011/2012 (T0), 2013 (T1) und 2021 (T4) Fragebögen aus, mit denen Informationen zur wahrgenommenen HF-EMF-Exposition und zur Risikoeinstufung, zu unspezifischen Symptomen, Schlafproblemen sowie zu IEI-HF und EHS gesammelt wurden. Wir passten Markov-Modelle mit mehreren Phasen an, um darzustellen, wie IEI-HF-Personen zwischen den beiden Zuständen ("ja", "nein") wechselten.

Ergebnisse: Zu jedem Zeitpunkt berichteten etwa 1 Prozent der Studienteilnehmer über Gesundheitsbeschwerden, die sie auf die HF-EMF-Exposition zurückführten. Während dieser Prozentsatz stabil blieb, wechselten die Personen, die über solche Beschwerden berichteten, im Laufe der Zeit: Von neun Personen, die bei T0 über Gesundheitsbeschwerden berichteten, nannte nur eine Person sowohl bei T1 als auch bei T4 IEI-HF, und zwei Personen berichteten bei T4 über neue Gesundheitsbeschwerden. Insgesamt hatten die Teilnehmer zu 95 Prozent eine Chance, über einen Zeitraum von zehn Jahren von "ja" zu "nein" zu wechseln, und eine Chance von 1 Prozent, von "nein" zu "ja" zu wechseln. Teilnehmer mit einer hohen wahrgenommenen HF-EMF-Exposition und einer starken Risikowahrnehmung hatten eine allgemeine Tendenz, häufiger zwischen den Zuständen zu wechseln.

Schlussfolgerungen: Wir beobachteten eine niedrige Prävalenz (Rate von einer bestimmten Krankheit betroffener Personen) für IEI-HF in unserer Bevölkerung. Die Prävalenz schwankte nicht stark im Laufe der Zeit, aber es gab einen starken Aspekt der Veränderung: über zehn Jahre hinweg gab es eine hohe Wahrscheinlichkeit, die Symptome nicht mehr auf die HF-EMF-Exposition zurückzuführen. IEI-HF scheint ein Zustand zu sein, der stärker als bisher angenommen vorübergehend ist.

Was IEI-EMF von EHS unterscheidet

Der Gesundheitszustand, der als idiopathische, auf elektromagnetische Felder zurückzuführende Umweltintoleranz (IEI-EMF) bekannt ist, beschreibt Personen, die gesundheitliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Konzentrationsprobleme auf eine EMF-Exposition zurückführen (Baliatsas et al., 2012; Martens et al., 2017; Röösli et al., 2004). In schweren Fällen kann dies zu Behinderungen oder einer geringeren Lebensqualität führen (Kjellqvist et al., 2016). In ähnlicher Weise bezieht sich der Begriff elektromagnetische Hypersensibilität (EHS) auf Personen, die angeben, überempfindlich gegenüber EMF zu sein, aber nicht notwendigerweise über gesundheitliche Beschwerden berichten, die auf eine solche Exposition zurückzuführen sind (Röösli et al., 2010).

In epidemiologischen Studien werden die Begriffe IEI-EMF und EHS häufig synonym verwendet, was sich wahrscheinlich auf eine große Bandbreite der geschätzten Prävalenz auswirkt, die in Industrieländern zwischen 1,5 Prozent und 21 Prozent liegt (Eltiti et al., 2007; Hillert et al., 2002; Karvala et al., 2018; Levallois et al., 2002; Schreier et al., 2006).

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Wissenschaft, EHS, Mikrowellensyndrom, Elektrosensibilität, Risikobewertung, Notlage, Idiopathie, Niederlande, Kohortenstudie, Hypersensibilität, Risikoeinschätzung, Amigo, Lebensqualität, Umweltintoleranz

Schweiz - Ze!tpunkt

KlaKla, Samstag, 24.12.2022, 08:27 (vor 437 Tagen) @ H. Lamarr

Schweizer beleben und vermischen die absterbende Szene mit neuen Geschichten wie diese

"Meine Strahlensensitivität hat mir geholfen, die Corona-Geschichte zu durchschauen"

09/2022 von Susanne Ryffel (EHS)

Ze!tpunkt Herausgeber, Christoph Pfluger (geb. 1954 in Solothurn), ein Schweizer Journalist, Verleger, Buchautor und Herausgeber von Corona-Mythen.

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Meine Meinungsäußerung

Schweiz - Ze!tpunkt - Märchenstunde für Erwachsene

H. Lamarr @, München, Samstag, 24.12.2022, 13:51 (vor 436 Tagen) @ KlaKla

Schweizer beleben und vermischen die absterbende Szene mit neuen Geschichten wie diese

"Meine Strahlensensitivität hat mir geholfen, die Corona-Geschichte zu durchschauen"

09/2022 von Susanne Ryffel (EHS)

Was für eine unglaublich seichte Geschichte. Schon der erste Satz im Vorspann ist gelogen, denn es gibt keinerlei Anhaltspunkte für die Behauptung "Immer mehr Menschen leiden an Strahlensensivität". Es gibt jedoch etliche Hinweise, dass die Anzahl überzeugter Elektrosensibler seit Jahrzehnten konstant klein ist, die im Startposting verlinkte Studie nennt z.B. einen über zehn Jahre hinweg konstanten Anteil von 1 Prozent der Bevölkerung. Darin enthalten sind mMn jedoch weit überwiegend Gelenheitselektrosensible, die z.B. nach Handytelefonaten über warme Ohren klagen. Den Anteil von Personen, die im festen Glauben an ihre "Elektrosensibilität" ihre Lebensgewohnheiten ändern, sehe ich bei nur 0,0001 Prozent bis 0,0003 Prozent der Bevölkerung. Diese Zahlen beruhen auf dieser Veranstaltung, sie sind zu vielen weiteren hier berichteten Beobachtungen widerspruchsfrei (Beispiel). Organisierte Mobilfunkgegner und Geschäftemacher haben hingegen stets ein vitales Interesse, die Anzahl "Elektrosensibler" ohne Differenzierung des Schweregrads maßlos hoch anzusetzen.

Zurück zum Artikel. Soweit ich weiß, wurden im April 2019, weil es noch keine 5G-tauglichen Smartphones gab, nur von einem einzigen Schweizer Netzbetreiber wenige Haushalte mit 5G-Direktlinks versorgt (Glasfaserersatz). Es gab damals, zwei Monate nach der Lizenzversteigerung, also noch keine 5G-Flächenversorgung. Die Erzählung von Frau Ryffel, im April 2019 von einem 5G-Funkstrahl gestreift worden zu sein, halte ich daher schon deshalb für unglaubwürdig. Hinzu kommt, Ryffel ist bislang in der Anti-Mobilfunk-Szene der Schweiz öffentlich nicht in Erscheinung getreten, dass dann ausgerechnet ein bekannt schräges Blatt wie "Zeitpunkt" ihre Leidensgeschichte bringt wirft die Frage auf, wer hier wen kontaktiert hat. Auffällig ist, dass der Artikel bezüglich der 5G-Exposition sehr vage bleibt und keinerlei nachprüfbare Fakten (z.B. Messwerte) nennt.

Nein wirklich, die erzähle Geschichte ist mit Blick auf 5G so substanzlos und das Publikationsorgan "Zeitpunkt" so verrufen, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Artikel nur Zeitverschwendung wäre.

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