Salzburger Vorsorgewert: Tote leben länger (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 21.03.2021, 00:40 (vor 557 Tagen)

Zur Jahrtausendwende war der "Salzburger Vorsorgewert" das Thema unter Mobilfunkgegnern. Und so wie sich heute um die Coronakrise Gerüchte, Mythen und Legenden ranken, passierte Gleiches mit diesem Vorsorgewert, der nach einer sagenhaften Rallye durch die bizarren Welten von Mobilfunkgegnern 2005 in einem Pflegeheim für Vorsorgewerte weithin unbemerkt verstarb. Indische Wissenschaftler gruben ihn 2016 noch einmal aus.

Der Titel einer 2016 in dem Journal "Communications on Applied Electronics" publizierten Forschungsarbeit klingt vielversprechend: "An Estimation of Electromagnetic Field Exposure from Cellular Mobile Base Station Towers in Densely Populated Residential Areas". Auch die Selbstdarstellung des Journals stimmt zuversichtlich, alle veröffentlichten Forschungsarbeiten seien einer rigorosen Peer-Review unterzogen worden.

Doch dann diese Tabelle in dem Artikel:

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Der Salzburger Vorsorgewert von 1 mW/m² hatte zu keiner Zeit den Status eines verbindlich gültigen Grenzwerts (exposure limit) für Österreich. Er galt kurze Zeit als Vorsorgewert exklusiv in der Mozartstadt Salzburg. Über deren Grenzen hinaus hatte der Vorsorgewert nie bindende Wirkung in Österreich, auch wenn die Tabelle das Gegenteil behauptet.

Geboren wurde der Vorsorgewert am 12. Oktober 1998, als zwischen dem damaligen GSM-Netzbetreiber Connect Austria und Vertretern von Salzburger Anti-Mobilfunk-Bürgerinitiativen eine unbefristete zivilrechtliche Vereinbarung zur Begrenzung der Funkimmission auf maximal 1 mW/m²getroffen wurde. Der Wert wurde von dem Salzburger Amtsarzt Gerd Oberfeld vorgeschlagen und die Stadt Salzburg solidarisierte sich mit den BIs. Nach diversen Irritationen über die Verbindlichkeit des Vorsorgewerts für andere Netzbetreiber war ab 2001 dessen Einhaltung nicht mehr gewährleistet und 2005 gab die Stadt Salzburg ihn anlässlich der UMTS-Einführung auf.

Als ich 2002 zum Mobilfunkgegner entflammte, war der Salzburger Vorsorgewert in der Szene noch immer ein heißes Thema, um das sich zahllose Gerüchte rankten. Mich selbst quälte lange die Frage, gilt der Wert nun draußen im Freien oder drinnen? Die einen sagten dies, andere das.

Erst spät wurde mir klar, die vermeintlich schwierige Frage ist für einen Immissionswert völlig belanglos. Sie ist nur ein Beleg für ein abgrundtiefes Unverständnis des Fragestellers in der Sache. Ebenso gut hätte ich herum fragen können, weshalb Wasser nass ist. Im Rückblick finde ich es immer wieder amüsant und völlig unverständlich, dass die Drinnen-oder-Draußen-Frage mir einst so viel Kopfzerbrechen bereitete.

Hintergrund
Salzburger Mobilfunk-Vorsorgemodell (2003)

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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