Wissenschaftsblatt bremst Studienkritik von Röösli/de Vocht aus (Forschung)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 14.03.2021, 19:24 (vor 94 Tagen)

Wissenschaft lebt von der konstruktiven Kontroverse oder anders formuliert: Das Bessere ist des Guten Feind. Deshalb ist es gute und gängige Praxis, dass in wissenschaftlichen Journalen publizierte Studien bei kontroversem Sachstand zu qualifizierten Einsprüchen führen und Wissenschaftler sich in Journalen teils umfassende Argumentationsschlachten liefern. Doch was, wenn ein Journal sich weigert, Einsprüche zu publizieren? So geschehen vor wenigen Monaten. Auslöser war die Veröffentlichung einer alarmierenden Metaanalyse, die einen Zusammenhang zwischen Mobiltelefonnutzung und erhöhtem Tumorrisiko gefunden haben will. Ein Blick hinter die Kulissen der mächtigen Wissenschaftsjournale.

Eine südkoreanische Forschergruppe (Choi et al.), der sich der US-Mobilfunkkritiker Joel M. Moskowitz angeschlossen hatte, reichte am 10. September 2020 ihr Manuskript bei der wissenschaftlichen Fachzeitschrift "International Journal of Environmental Research and Public Health" (IJERPH) ein. Das Blatt rangierte zuletzt (2019) mit einem Impact-Faktor von rd. 2,85 im Mittelfeld von 265 konkurrierenden Titeln, die sich mit Umweltforschung auseinandersetzen. Nachdem die Autoren das Manuskript nachbesserten, nahm IJERPH es an und publizierte die Studie am 2. November 2020 unter dem Titel "Cellular Phone Use and Risk of Tumors: Systematic Review and Meta-Analysis" (Volltext).

Röösli & de Vocht vs. Choi & Kollegen

[image]...[image]Prof. Martin Röösli (li.), Prof. Frank de Vocht.


Die neue Arbeit blieb auch den Epidemiologen Frank de Vocht, Universität Bristol, und Martin Röösli, Schweizerisches Tropen- und Public-Health-Institut, Basel, nicht verborgen. Beide begrüßen das Paper. In Anbetracht der Nebel, die nach wie vor HF-Exposition und ein damit einhergehendes Krebsrisiko umgeben, stufen sie eine regelmäßige Synthese der verfügbaren epidemiologischen Evidenz als wichtig ein, und werten die von Choi et al. veröffentlichte Metaanalyse als zeitgemäße Aktualisierung des Wissensstandes. Aus ihrer Sicht haben Choi und Kollegen in dem Paper jedoch einige eigenartige Entscheidungen getroffen, die zu Schwierigkeiten bei den Schlussfolgerungen führen und einer klärenden Diskussion bedürfen. So sei es u.a. für Metaanalysen unüblich, weil fehlerträchtig, unterschiedliche Studienergebnisse, die auf unterschiedlichen Krankheitsursachen beruhen, zusammenzufassen und einer gemeinsamen Risikobewertung zu unterziehen.

IJERPH vs. Röösli & de Vocht

Dies und eine ganze Reihe anderer Bedenken brachten de Vocht und Röösli dazu, ihre Einwände in einem Brief (Letter) dem Herausgeber von IJERPH mitzuteilen. Der wiederum bat ganz nach den Gepflogenheiten Choi et al. um eine Stellungnahme, die auch umgehend bei dem Blatt eintraf. Bis zu diesem Punkt lief alles normal. Doch dann teilte IJERPH gänzlich unerwartet mit, weder den Letter von de Vocht und Röösli, noch die Antwort von Choi et al. veröffentlichen zu wollen. Für die beiden Studienkritiker war dies eine unverständliche Entscheidung der Redaktion und sie vermuten, dass das Blatt damit möglicherweise Kosten einsparen und Schwächen der eigenen Peer-Review verbergen möchte. Auch die Arbeitsgruppe Choi, die sich mit ihrer Antwort Mühe gab, dürfte von der Absage der Redaktion enttäuscht sein. Ein Protest der beiden Studienkritiker gegenüber der Redaktion blieb erfolglos.

IJERPH-Gutachter sprechen sich gegen Röösli/de-Vocht-Letter aus

Mit der Absage erhielten de Vocht und Röösli auch die Antwort von Choi sowie die Wertungen von zwei anonymen Peer-Reviewern, die ihren Letter geprüft und äußerst schlecht bewertet haben. Die Redaktion begründet ihre ablehnende Haltung mit diesen beiden Peer-Reviews. Frank de Vocht hingegen gerät über die Bewertungen des Letters in Rage, aus seiner Sicht ist nicht der Letter qualitativ minderwertig, sondern die Peer-Reviews des Letters sind es. Beide seien keine professionellen fachlichen Bewertungen des Inhalts, sondern eher Meinungsäußerungen anonymer Gutachter. Dem einen Gutachter wirft der Niederländer vor, seine Wertung beruhe im Wesentlichen auf Fehlinterpretationen des Letters, dem anderen haut er um die Ohren, er sei wohl tunlichst darauf fokussiert, zu verhindern, dass Einwände an den Arbeiten der Hardell-Gruppe es in den Druck eines wissenschaftlichen Journals schaffen. Um dies zu verstehen, muss man wissen, dass de Vocht und Röösli in ihrem Letter am Rande auch Hardell et al. eine kleine Abreibung verpassen.

Frank de Vocht dokumentiert Vorfall im www

Frank de Vocht ist über die Behandlung durch IJERPH so entrüstet, dass er im Januar 2021 beschlossen hat, den Vorfall im www zu dokumentieren. Daraus geworden ist eine Trilogie, die er auf dieser Website eingestellt hat. Teil 1 ist eine Einleitung, um was es überhaupt geht. Auch der Originaltext des Letters ist dort zu finden mit allen Einwänden gegen die Metaanalyse von Chois Arbeitsgruppe. Teil 2 und 3 zeigen die Originaltexte der beiden Peer-Reviews, begleitet von Kommentaren de Vochts. Ursprünglich war noch ein Teil 4 angedacht, der für die unveröffentlichte Antwort von Choi et al. auf den Letter von de Vocht und Röösli vorgesehen war. Die koreanisch-amerikanische Arbeitsgruppe konnte sich bisher jedoch nicht dazu durchringen, de Vocht die Genehmigung zum Einstellen ihres Textes zu erteilen.

Kommentar: Was sich hier im Elfenbeinturm der Wissenschaft abspielt, kennen Stammleser dieses Forums aus den Niederungen des Grabenkampfes im Diskussionsforum des Anti-Mobilfunk-Vereins Gigaherz. Dort werden unliebsame Postings ebenso unterdrückt wie ein paar Niveaustufen weiter oben der Letter der beiden unbequemen Studienkritiker. Die Lösung, die de Vocht für sein Problem fand, fanden auch wir mit der Deponie für unterdrückte Gigaherz-Postings. So dürfte denn die dort nachlesbare Begründung, welche Wirkung systematisches Ausblenden unerwünschter Meinungen auf die gesellschaftliche Meinungsbildung hat, auch auf die Meinungsbildung in der Wissenschaft zutreffen.

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Hardell, Moskowitz, Frank de Vocht, Martin Röösli, Journal of Environmental Research and Public Health, IJERPH, Choi, Wissenschaftszensur

Wissenschaftsblatt bremst Studienkritik von Röösli/de Vocht aus

H. Lamarr @, München, Montag, 15.03.2021, 10:10 (vor 93 Tagen) @ H. Lamarr

Ein Protest der beiden Studienkritiker gegenüber der Redaktion blieb erfolglos.

Das ist Schnee von gestern. Wie Martin Röösli heute auf Nachfrage mitteilt, will IJERPH den Letter demnächst nun doch publizieren und einen zweiten ebenfalls kritischen gleich mit dazu. Dass ein "Letter to the Editor" überhaupt einer Peer-Review unterzogen wurde, hat er zuvor noch nicht erlebt.

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Kehrtwende: Letter von Röösli/de Vocht in IJERPH publiziert

H. Lamarr @, München, Donnerstag, 18.03.2021, 22:29 (vor 90 Tagen) @ H. Lamarr

Wie Martin Röösli heute auf Nachfrage mitteilt, will IJERPH den Letter demnächst nun doch publizieren und einen zweiten ebenfalls kritischen gleich mit dazu.

IJERPH ist offenbar um Wiedergutmachung bemüht. Am 15. März wurde der Letter von de Vocht und Röösli akzeptiert und heute, nur drei Tage später, als Kommentar online veröffentlicht in Band 18, Ausgabe 6, des Online-Journals. Diese Ausgabe umfasst 376 Beiträge, darunter sieben Kommentare. Der angekündigte zweite Kommentar zum Paper von Choi et al. (2020) ist allerdings nicht mit dabei. Bislang (heute, 22.10 Uhr) wurde der Kommentar von de Vocht/Röösli 94-Mal aufgerufen.

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Kehrtwende: Letter von Röösli/de Vocht in IJERPH publiziert

H. Lamarr @, München, Freitag, 19.03.2021, 12:07 (vor 89 Tagen) @ H. Lamarr

Der angekündigte zweite Kommentar zum Paper von Choi et al. (2020) ist allerdings nicht mit dabei.

Und noch etwas fehlt in Ausgabe 6 des Online-Journals: Die Antwort der Arbeitsgruppe Choi auf den Letter von de Vocht & Röösli.

:confused:

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Blendend wie Diagnose-Funk Choi et al. rezipiert

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 17.03.2021, 00:38 (vor 92 Tagen) @ H. Lamarr

Die neue Arbeit blieb auch den Epidemiologen Frank de Vocht, Universität Bristol, und Martin Röösli, Schweizerisches Tropen- und Public-Health-Institut, Basel, nicht verborgen. Beide begrüßen das Paper.

Ein Paper zu begrüßen und dennoch substanzielle Kritik daran zu üben, setzt gewisse Qualifikationen voraus. Wer diese nicht hat und als eingefleischter Mobilfunkgegner die Studie von Choi et al. (2020) aus dogmatischen Gründen begrüßt, kann und will nicht kritisieren, wie diese bemerkenswerte Rezeption des Choi-Papers durch den Stuttgarter Anti-Mobilfunk-Verein Diagnose-Funk zeigt.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte sich der Verein ausgiebig mit dem Paper beschäftigt. Doch dazu bräuchte es fachliche Kompetenzen, die Diagnose-Funk nicht hat. Und wem die Worte fehlen, der zitiert am liebsten. Denn dabei kann man wenigstens nicht allzu viel falsch machen. Von der 20 Seiten umfassenden Studie pickten sich die Stuttgarter einen einzigen Absatz heraus, der ihnen gefallen hat. Na schön. Drüber noch die markige Tatsachenbehauptung setzen "Review: Vieltelefonierer haben erhöhtes Tumorrisiko" und schon wieder ist Futter fertig für die Schar der hungrigen Stopfgänse draußen, die immer ungeduldig auf News warten.

Doch die Sache hat noch ein Haken: Das Futter ist verdammt knapp bemessen, der Beitrag viel zu kurz, um Eindruck zu machen. Eigentlich ist es gar kein Beitrag, sondern nur eine Kurzmeldung oder besser eine Randnotiz. Doch woher mehr Kraftfutter nehmen, fragt sich der Knecht, der mit dem Zitat alles verfütterte, was er hatte. Die Lösung: Die Schnattergänse mit billigem Beifutter abspeisen. Mal sehen, vielleicht fressen sie sogar Restmüll.

Und so geschah es, dass der Autor des Diagnose-Funk-Textes anfängt ausgiebig zu erklären, was überhaupt eine Review ist. Mit Chois Paper hat dies null zu tun. Egal, Hauptsache die Seite sieht nicht so leer aus. Da der Autor sich in seinem Lehreifer nicht bremsen kann, frisst die befremdlich üppige Nachhilfe für Google-Abstinenzler schnell mehr Platz als das kümmerliche Zitat aus dem Choi-Paper.

Früher wurde von der Waschmittelindustrie Sägemehl ins Waschpulver geschüttet, um den Inhalt mit wertlosem Füllmaterial so zu strecken, dass Schnäppchenjäger freudestrahlend vermeintliche 10-kg-Waschpulverpackungen nach hause schleppten ...

Dem Diagnose-Funk-Texter aber war sein eingestreutes Nachhilfe-Sägemehl noch zu wenig, die Seite war ihm noch immer nicht prall genug. Was haben ihm seine Leser nur getan, dass er ihnen keinen Respekt zollen wollte?

Eine dicke Portion Eigenwerbung könnte ich meinen Gänsen noch unterschieben, dachte unser eitler Autor vielleicht, und kramte auf seiner Festplatte weiter nach Beifutter. Warum er sich dann ausgerechnet für "Impulsvortrag: Zum Stand der Forschung zur nicht-ionisierenden Strahlung des Mobilfunks" entschied (gibt es eigentlich auch ionisierende Strahlung des Mobilfunks?) ist unerklärlich, denn mit der Review von Choi und Kollegen hat die ellenlange Selbstbeweihräucherung anlässlich eines "Behördentermins" (heißt auf deutsch: ich bin enorm wichtig!) noch viel weniger zu tun als die aufdringliche Nachhilfe. Immerhin hat es unser Autor auf diese Weise endlich geschafft, eine so voluminöse Seite zu fabrizieren, dass ich sie selbst mit stärkster Verkleinerung mit meinem Browser nicht vollständig auf den Bildschirm kriegte. Deshalb fehlt hier der Screenshot, mit dem ich vorhatte, das extreme Missverhältnis von Gänsefutter und Beifutter bei diesem Diagnose-Funk-Prachtbeitrag zu dokumentieren und die Bleiwüste hier zu illustrieren.

Egal.

Seite voll. Dumme Gänse für dumm verkauft. Job erledigt. Der Nächste bitte ...

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Stuttgart, Eigenwerbung, Blendwerk, Inkompetent, Nachhilfe, Stopfgänse, Choi, Blähboy

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