Zitatverfälschung: Worte, die Prof. Heyo Eckel nie gesagt hat (Berichtigungen)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 15.02.2015, 00:06 (vor 1737 Tagen)

Ein Zitat von Prof. em Heyo Eckel geistert seit 2006 durch die Republik, verbreitet von organisierten Mobilfunkgegnern:

"Elektromagnetische, gepulste Wellen von Sendemasten und Handys beeinflussen und deformieren den Zellkern."

Im Internet finden sich für dieses Zitat etliche Fundstellen. Hier ein paar Beispiele:

- Deutsches Ärzteblatt (Kommentar)
- Comuterzeitschrift PC-Welt (Kommentar)
- Ulrich Warnke in einem Buch von Heike-Solweig Bleuel
- Handelsblatt (Kommentar)
- gutefrage.net (Antwort auf Frage)
- Merkur-online (Kommentar)
- inside-handy.de (Kommentar)
- Schwarzwälder Bote (Kommentar)
- Zitatsammlung von Wolfgang Maes (PDF)

Vorbemerkung: Wer sich die Beispiele angesehen hat, dem wird wahrscheinlich aufgefallen sein, dass die Mehrzahl der Kommentare anonym und meist wortgleich verfasst wurden von einem Mobilfunkgegner, der ausnahmslos auf die Facebook-Seite "Mobilfunk und Gesundheit" verlinkt und häufig auch auf die Website "Mobilfunkstudien" des Anti-Mobilfunk-Vereins Diagnose-Funk. Das ist keine echte Meinungsvielfalt. Vielmehr spaziert ein einziger anonymer Mobilfunkgegner mit eigenwerblichen Kommentaren durch die Medien und hinterlässt mal hier mal dort seine Duftnote. Das wäre nun nicht weiter tragisch, würde diese Duftnote nicht faul riechen.

Hauptbemerkung: Wie dieser Meldung auf Omega-News zu entnehmen ist, beruht das besagte Zitat auf einem Interview mit Heyo Eckel, das die Schwäbische Post am 7. Dezember 2006 brachte. Heute ist dieses Original-Interview nicht mehr frei im Internet erhältlich. Ich habe deshalb, um mit einer Primärquelle auf Nummer sicher zu gehen, das Leserecht für den Artikel bei der Schwäbischen Post erworben und von der entscheidenden Passage den folgenden Screenshot angefertigt.

[image]

Und jetzt wird deutlich: Was angeblich Heyo Eckel gesagt haben soll, kommt in Wahrheit von Markus Lehmann, dem Autor des Artikels!

Eckel hat auf die Frage "Sind elektromagnetische Wellen gefährlich für den Menschen?" zunächst nur geantwortet:

"Diese Wellen deformieren und schädigen den Zellkern."

Frei dazu erfunden wurden in dem angeblichen Zitat die typischen Reizworte, mit denen Mobilfunkgegner gerne hausieren gehen:

- gepulst
- Sendemasten
- Handys

Wieder einmal wurde ein Zitat, das im Original nicht genug her gibt, von Mobilfunkgegnern passend zusammen gefälscht, indem ein vom Autor des Artikels fälschlich gezogenes Fazit dem ahnungslosen Prof. Eckel in den Mund gelegt wird. Wer als erster diese Zitatverfälschung begangen hat und zahlreiche Abschreiber fand, habe ich aus Zeitmangel nicht weiter geprüft.

Tatsächlich hat Prof. Eckel zum Zellkern nicht nur den einen Satz gesagt, sondern merklich mehr. Die grobe Zitatverfälschung umfasst damit auch noch den Tatbestand der unzulässigen, weil sinnentstellenden Verkürzung, wie sich am unverfälschten Originalzitat erkennen lässt:

"Diese Wellen deformieren und schädigen den Zellkern. Das ist bewiesen und haben Untersuchungen "in vitro" (im Laborversuch) ergeben. Der Zellkern kann sich auch durch natürliche Vorkommnisse verändern. Darüber hat man aber keinen Einfluss. Diese Veränderungen durch die Wellen sind aber sicher belegt."

Für Neulinge in der Anti-Mobilfunk-Szene noch der Hinweis: Dass Funkwellen den Zellkern "deformieren und schädigen" kann gut sein, die Einwirkung ist dann aber deutlich über Grenzwert. Dies ist unstrittig und sicher belegt. Ob es solche Zellkernschädigungen auch unterhalb der Grenzwerte gibt ist strittig und nicht belegt. Wichtigster Belastungszeuge ist die berühmt-berüchtigte Wiener "Reflex"-Studie. Diese zeigt jedoch gleich zwei Schwächen: zum einen lasten a) auf ihr bislang nicht klar widerlegte Fälschungsvorwürfe und b) ist es bisher bei keiner dezidierten Reflex-Replikation gelungen, die alarmierenden Ergebnisse zu reproduzieren. Doch selbst wenn wider Erwarten die "Reflex"-Ergebnisse wahr sind, müssen sich Anwohner von Sendemasten nicht sorgen. Die Befunde traten bei Immissionen auf, wie sie selbst in unmittelbarer Nähe zu einem Mobilfunk-Sendemasten nicht auftreten können, sondern nur beim Gebrauch von Handys.

[Admin: editiert (Datumskorrektur) am 16.02.15]

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Medien, Eckel, Zitatverfälschung, Merkur, Zitiert, Pseudowissen, Facebook, Omega, Anti-Mobilfunk-Verein, über Grenzwert, Zweckentfremdung

Wolfgang Maes fälscht sich Zitat von Prof. Eckel zusammen

H. Lamarr @, München, Sonntag, 15.02.2015, 12:48 (vor 1737 Tagen) @ H. Lamarr

Wer als erster diese Zitatverfälschung begangen hat und zahlreiche Abschreiber fand, habe ich aus Zeitmangel nicht weiter geprüft.

Wenn ein Verdacht an einem nagt, lässt einem das keine Ruhe. Also habe ich mich noch einmal auf die Socken gemacht, um den Verursacher der Zitatverfälschung aufzustöbern. Geholfen hat mir dabei Onkel Google.

Obwohl die Schwäbische Post das Eckel-Interview bereits im Dezember 2006 brachte, blieb es 2007 und 2008 ruhig. Erst 2009 tut sich etwas in der Google-Trefferliste. Ganz oben dort ein alter Bekannter und bereits mehrfach ertappter Zitatverfälscher: der Baubiologe Wolfgang Maes mit einer seiner Zitatesammlungen. Doch was hat die Sammlung "ZITATE DECT" (PDF, 22 Seiten) mit dem Interview von Heyo Eckel zu tun?

Die Antwort ist atemberaubend.

Wolfgang Maes verfälscht darin nicht nur das Eckel-Zitat in der oben im Startposting beschrieben Weise, er fälscht mit Fragmenten aus dem Artikel ein völlig neues Eckel-Zitat zusammen, das dieser nie gesagt hat:

"Der Zellkern verändert sich. Elektromagnetische Felder von Sendemasten und mobilen Telefonen beeinflussen und deformieren den Zellkern. Vergleichbar mit denen von Röntgenstrahlen. Diese Veränderungen sind sicher belegt."

Prof. Dr. Heyo Eckel, Bundesärztekammer, in 'Schwäbische Post' (7. Dezember 2006)

Die Dreistigkeit, mit der sich Herr Maes hier etwas zurecht gebogen hat, ist mMn beispiellos. Er erweckt mit dem gefälschten Zitat den Eindruck, Prof. Eckel halte die Felder von Sendemasten und Handys vergleichbar schädlich wie Röntgenstrahlung.

Tatsächlich hat Prof. Eckel seinerzeit in der Schwäbischen Post auf die Frage "Sie sind ja auch in die Tschernobyl-Problematik eingebunden..." jedoch etwas anderes geantwortet:

"Ja. Und die Schädigungen, die von radioaktiver Strahlung ausgehen, sind identisch mit den Auswirkungen von elektromagnetischen Wellen vergleichbar. Die Schädigungen sind so ähnlich, dass man sie nur schwer unterscheiden kann."

Kein Wort von Sendemasten oder Handys, deren Emission elektromagnetischer Wellen bekanntlich nicht grenzenlos sein darf, sondern durch Grenzwerte auf ein gesundheitsunschädliches Maß gedeckelt ist. Möglicherweise war Eckel 2006 von den Ergebnissen der Wiener/Berliner Reflex-Studie (PDF) inspiriert worden, denn dabei wurde als Positivkontrolle die Genschädigung durch ionisierende Röntgenstrahlung (0,5 Gy) gezeigt. Diese Positivkontrolle begeisterte zwei Mediziner aus dem Mobilfunkgegner-Milieu.

2006 verkündete der Allgemeinarzt Dr. med. Horst Eger, Naila:

"Ein 72-stündiges Telefonat entspricht in etwa der Belastung durch 1000 Röntgenaufnahmen"

Von dieser unqualifizierten Behauptung distanzierten sich allerdings auf Anfrage sowohl der Koordinator der "Reflex"-Studie Prof. Franz Adlkofer als auch der "Atomphysiker" Prof. Klaus Buchner.

Davon unbeeindruckt kramte der Psychotherapeut Dr. med. Markus Kern, Kempten, im Herbst 2013 den unseligen Vergleich mit radioaktiver Strahlung abermals hervor:

Es gibt sie, die Hinweise auf Krebsentstehung. Auf Doppelstrangbrüche. Ja, es gibt sie, die Hinweise auf Stress auf Hitzeschockproteine, die man nachweisen konnte. Man hat menschliche Zellen genommen, und hat sie bestrahlt und konnte tatsächlich feststellen, dass zwischen der Wirkung von radioaktiver Strahlung, deren Wirkung wir mittlerweile relativ gut verstanden haben, und der Strahlung von Handys nahezu nicht unterscheidbar sind.

Richtiger wird die verantwortlungslos in die Welt gesetzte Behauptung dadurch nicht.

Die Zitatfälschung von Wolfgang Maes hat kommerzielle Gründe. Der Baubiologe schürt mit seinen Zitatsammlungen seit vielen Jahren in der Bevölkerung unbegründete Ängste gegenüber elektromagnetischen Wellen. Maes befeuert damit nicht nur sein eigenes Geschäft mit baubiologischen Dienstleistungen, als Verbandsfunktionär (Verband Baubiologie) kümmert er sich ums Wohlergehen der ganzen Branche.

Prof. Heyo Eckel ist mMn vorzuwerfen, dass er der Verfälschung und Fälschung der ihm zugeschriebenen Zitate durch Maes und andere tatenlos zusieht. Mit inzwischen 80 Lebensjahren ist dies verständlich, doch bleibt es so einmal mehr dem IZgMF vorbehalten, den Schmutz aufzuwirbeln, auf dem Mobilfunkgegner ihre Kartenhäuser errichten.

Epilog: Wer sich selbst davon überzeugen möchte, was Prof. Eckel der Schwäbischen Post im Dezember 2006 wirklich erzählt hat, kann sich für noch nicht einmal 50 Cent den Orgiginalartikel kaufen. Wer kein Paypal-Konto hat oder der Geiz-ist-geil-Einstellung fröhnt, kommt auch mit der Sekundärquelle bei Omega-News zum Ziel.

Hintergrund
Zitatfälschungen und Zitatverfälschungen durch Mobilfunkgegner

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Zitate: Worte, die Prof. Heyo Eckel tatsächlich gesagt hat

H. Lamarr @, München, Montag, 16.02.2015, 22:51 (vor 1736 Tagen) @ H. Lamarr

Auszug aus einem Vortrag von Prof. Heyo Eckel, gehalten auf dem Fortbildungsforum des Landesverbandes Bayern des Berufsverbandes Deutscher Internisten e.V. in München (vermutlich 2011/2012):

"Es gibt keinen ernsthaften wissenschaftlichen, soliden Beleg für Krebsentstehung oder Krebsförderung durch die Nutzung von Handys bzw. durch elektromagnetische Felder von Basisstationen. Die so genannte 'elektromagnetische Hypersensibilität' mit ihrem Komplex aus Symptomen und Beschwerden kann nicht als eigenständiges Krankheitsbild definiert werden. Hier müssen weiterführende wissenschaftliche Untersuchungen erfolgen."

Und über "Elektrosensible" weiß der Professor ausführlicher zu berichten (wegen des Umfangs dieses Zitats ohne meine übliche Hervorhebung):

*********************************** Anfang Zitat ***********************************
"Ein besonderes Problem stellen Personen dar, die sich selbst als 'elektrosensibel' bezeichnen und angeben resp. glauben, besonders empfindlich auf eine Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern zu reagieren. Dieses Phänomen wird allgemein als 'selbstberichtete elektromagnetische Hypersensibilität' (EHS) bezeichnet. Die Klassifizierung der elektromagnetischen Hypersensibilität beruht ausschließlich aus subjektiven Angaben der Betroffenen. Objektive diagnostische Kriterien wurden bisher nicht gefunden; Vergleichbar mit umweltmedizinischen Patienten, die an einer multiplen Chemikaliensensitivität (MCS) oder einem SICK-Building-Syndrom (SBS) leiden, beschreiben elektrosensible Patienten eine Vielzahl verschiedener unspezifischer und subjektiver Symptome. Diese Symptome äußern sich beispielsweise in Errötung und Brennen von Haut und Gesicht, Kribbeln, Schmerzen oder Trockenheit von Mund und Rachen, Konzentrationsschwierigkeiten, Nervosität oder Kopfschmerzen. EHS-Patienten stehen z.T. unter einem hohen Leidensdruck. Diese Patienten sind schwer zu behandeln, da bislang Kenntnisse über pathophysiologische Zusammenhänge fehlen. So erklärten 56 Prozent von Befragten, die angaben hypersensibel gegenüber elektromagnetischen Feldern zu sein, dass sie elektromagnetische Felder wahrnehmen können. Um Personen voneinander zu unterscheiden, die angeben unter Befindlichkeitsstörungen wegen elektromagnetischer Felder zu leiden und Personen, die angeben elektromagnetische Felder wahrnehmen zu können, wird häufig zwischen einer Sensitivität und Sensibilität gegenüber elektromagnetischen Feldern unterschieden. Dabei wird mit Sensitivität eine verbesserte Fähigkeit verzeichnet, elektromagnetische Felder wahrzunehmen. Die Sensibilität oder die elektromagnetische Hypersensibilität ist auch durch Auftreten von gesundheitlichen Beschwerden charakterisiert. Es wird angenommen, dass beide Phänomene auch unabhängig voneinander auftreten können."
************************************ Ende Zitat ************************************

Damit dürfte zweifelsfrei fest stehen: Prof. Heyo Eckel steht für Mobilfunkgegner, Zitatfälscher und Zitatverfälscher nicht mehr als Belastungszeuge zur Verfügung. Der Mediziner hat, wie viele andere auch, seit 2006, seit seinem Interview mit der Schwäbischen Post, eine Menge dazu gelernt. Seine Sicht auf die "Mobilfunkdebatte" ist heute erfrischend klar und unaufgeregt. Was er sagt ist belastbar, hat Hand und Fuß.

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Symptome, Elektrosensibilität, Elektrochonder, Sick-Building, EHS-Phobiker, Belastungszeuge, Kribbeln, elektromagnetische Hypersensibilität, MSC

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