Schweiz: Kein Anstieg psychischer Störungen (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 14.04.2012, 19:06 (vor 3442 Tagen)

"In der Schweiz leidet jeder oder jede Sechste unter einer psychischen Störung. Die Zahl bleibt konstant – psychische Krankheiten wie Depressionen sind entgegen der Volksmeinung nicht auf dem Vormarsch."

So steht es auf einer Webseite des SF (Schweizer Fernsehen).

Kommentar: Auf mich wirkt es zwar so, dass weit mehr als nur jeder sechste Schweizer eine psychische Störung hat - aber das liegt wahrscheinlich an der selektiven Auswahl, die bei meinen Schweiz-Kontakten durch das Stichwort "Mobilfunk/Elektrosmog" automatisch getroffen wird (sozusagen "Selection Bias").

Irritierend finde ich, dass der bekannte Psychiater Borwin Bandelow schon 2008 von einer nur künstlich herbeigeschriebenen Zunahme psychischer Störungen gesprochen hat, dennoch aber die Kette (glaubhafter) Meldungen nicht abreißen will, die Anzahl nehme dramatisch zu. Um die Diskrepanz scheint sich niemand zu kümmern. So darf jeder sich das heraussuchen, was ihm in den Kram passt. In E-Smog-Foren ist es seit langem üblich, den Anstieg psychischer Störungen mehr oder weniger diskret dem Mobilfunk zur Last zu legen (Beispiel). Dieses Munkeln & Raunen ist ein guter Nährboden für Geschäftemacherei mit der Angst. Das geht mit den "psychischen Störungen" nun schon seit Jahren so, es gehörte mMn langsam mal eine kompetente Erklärung dafür her, wie es zu diesen völlig gegensätzlichen Meldungen über die Entwicklung psychischer Störungen kommt und wie es wirklich darum bestellt ist. Selektierende Schaubilder wie dieses halte ich dabei nicht für sonderlich zielführend, denn es weckt mMn eher Vorbehalte gegenüber unserem akademischen Nachwuchs. Besser wäre mMn eine Darstellung, die die Anzahl der Behandlungsfälle psychisch Kranker zeigt, sagen wir mal ab 1990. Klar, dass irgendwelche bekannten Änderungen der Randbedingungen (z.B. großzügigere Kostenübernahme durch KKn) dann bei der Interpretation mit einfließen müssten, so wie sich ein auffälliger "Huckel" in der Prostatakrebsstatistik auf den Anfang der 1990er-Jahre neu eingeführten PSA-Test zurückführen lässt, dabei wurden lediglich Diagnosen vorweggenommen, die in späteren Jahren mit herkömmlicher Diagnose ebenso gefallen wären, ein "echter" Anstieg ist der "Huckel" nicht gewesen.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
, Depression, Somatoforme Störung, psychische Störung

Schweiz: Kein Anstieg psychischer Störungen

AnKa, Samstag, 14.04.2012, 20:57 (vor 3442 Tagen) @ H. Lamarr

In E-Smog-Foren ist es seit langem üblich, den Anstieg psychischer Störungen mehr oder weniger diskret dem Mobilfunk zur Last zu legen.

"Und hier eine Eilmeldung unserer Verkehrsfunkredaktion: Achtung, Achtung, auf der A3 zwischen den Ausfahrten Thalwil und Horgen kommt Ihnen ein Geisterfahrer entgegen!"

"Einer? Hunderte!"

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"Ich habe eiserne Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht gefallen, habe ich auch noch andere." (Groucho Marx)

Schweiz: Kein Anstieg psychischer Störungen

hans, Sonntag, 15.04.2012, 02:59 (vor 3442 Tagen) @ H. Lamarr

Kommentar: Auf mich wirkt es zwar so, dass weit mehr als nur jeder sechste Schweizer eine psychische Störung ha

:danke: viel mal. Immer wieder nett wenn man liest was andere über einen denken :wink:
Besonders erfreulich: Die direkte Art wie es einem hier mitgeteilt wird. Nix von wegen "durch die Blume" :clap:

Schweiz: Kein Anstieg psychischer Störungen

H. Lamarr @, München, Sonntag, 15.04.2012, 03:30 (vor 3442 Tagen) @ hans

Kommentar: Auf mich wirkt es zwar so, dass weit mehr als nur jeder sechste Schweizer eine psychische Störung ha

:danke: viel mal. Immer wieder nett wenn man liest was andere über einen denken :wink:
Besonders erfreulich: Die direkte Art wie es einem hier mitgeteilt wird. Nix von wegen "durch die Blume" :clap:

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Schwitz, Perl, Drucks ...: Tschuldigung!

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Schweiz: Kein Anstieg psychischer Störungen

hans, Sonntag, 15.04.2012, 03:59 (vor 3442 Tagen) @ H. Lamarr

:-D :-D

Psychiater sieht keine Zunahme von Depressionen

Lilith, Donnerstag, 16.08.2012, 08:09 (vor 3318 Tagen) @ H. Lamarr

Das geht mit den "psychischen Störungen" nun schon seit Jahren so, es gehörte mMn langsam mal eine kompetente Erklärung dafür her, wie es zu diesen völlig gegensätzlichen Meldungen über die Entwicklung psychischer Störungen kommt und wie es wirklich darum bestellt ist.

Wenn man die absoluten Fallzahlen heranzieht, dann ist der Anstieg psychischer (oft:depressiver) Erkrankungen zumindest teilweise mit der sich zu höheren Altern hin verschiebenden Altersverteilung zu erklären. Gesellschaftliche Phänomene wie Altersarmut, Einsamkeit im Alter sind bekannt und die Opfer werden heutzutage eher als früher auf eine psychische Erkrankung hin behandelt.

Eine nachvollziehbare Erklärung für den Anstieg der Fallzahlen bei den Depressionen gibt ein Leipziger Psychiater:

"Leipziger Psychiater sieht keine Zunahme von Depressionen

Leipzig (dapd-lsc). Trotz scheinbar steigender Fallzahlen nehmen Depressionen nach Überzeugung des Leipziger Psychiaters Ulrich Hegerl nicht zu. "Sie werden lediglich von den Ärzten besser erkannt und es holen sich auch mehr Betroffene als früher tatsächlich Hilfe", sagte Hegerl am Freitag in Leipzig. Hinzu komme, dass früher körperliche Auswirkungen nicht als Folge einer Depression erkannt und deshalb beispielsweise lediglich als Rückenschmerzen diagnostiziert worden seien."

http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/SACHSEN/Leipziger-Psychiater-sieht-keine-Zunahme-von-Depressionen-artikel7795918.php

Mit dem Mobilfunkeinflüssen hat das Thema Depressionen also eher nichts zu tun. Die Wirklichkeit ist, wie so oft, komplexer.

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Tags:
Psychiater, Depression, Psychische Erkrankung

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