Varades: Französische Gemeinde senkt Grenzwert auf 0,6 V/m (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Freitag, 16.09.2011, 15:55 (vor 4093 Tagen)

Und wieder erreicht uns ein neuer Fall von Augenwischerei aus dem Land rund um den Eifelturm, emsig verbreitet von fleißigen Helfern, die Frankreich hierzulande gerne als Elektrosmog-Musterländle aussehen lassen möchten. Nicht etwa angeblicher EMF-Gesundheitsrisiken wegen, sondern - so sehe ich das - im Interesse der Verkaufsförderung für völlig unnötige baubiologische Schirmmaßnahmen in Heim und Haus.

Irreführender Titel der Meldung
Unter dem unsinnigen Titel "Französische Gemeinde senkt Grenzwert auf 0,6 V/m" wird gegenwärtig eine Meldung aus Frankreich kolportiert. Unsinnig deshalb, weil es nicht im Ermessen einer Gemeinde liegt, auch keiner französischen, EMF-Grenzwerte nach Gutdünken zu senken. EMF-Grenzwerte sind Regierungsangelegenheit, in Deutschland Bundessache.

Nur zwei Sendemasten, und die auch noch außerhalb der Bebauungszone
Die Gemeinde Varades in Frankreich ist ein kleines Örtchen mit rund 3500 Einwohnern, gelegen auf halber Strecke zwischen den Städten Angers und Nantes im Nordwesten Frankreichs. In Varades gibt es zwei Mobilfunk-Sendemasten (in Worten: zwei), beide stehen am Rand der Gemeinde in unbebautem Gelände, der eine an der Rue du Parc (im Bild links) ist von Orange, der andere steht an der Rue de Londres und gehört Bouygues Telecom. Zum Vergleich: In München gibt es rund 1000 Mobilfunk-Sendemasten!

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In der Gemeinde Varades, Frankreich, zeigt die Senderkarte nur zwei Standorte (blaue Punkte), sie liegen außerhalb der Bebauungszone

Vier GSM- und sechs UMTS-Antennen
Es geht in Varades also um ganze zwei Sendemasten. Jeder dieser beiden Masten ist mit zwei GSM-Sektorantennen bestückt und mit drei UMTS-Sektorantennen. Die GSM-Antennen sind alles andere als neu, sie gibt es seit dem Jahr 2000, die UMTS-Antennen am einen Standort wurden im November 2008 montiert, am anderen erst im April 2011.

Schlauer Bürgermeister: "Grenzwertsenkung" zum Nulltarif
Wenn nun der schlaue Bürgermeister von Varades per Order de Mufti beschließt, kein Bürger seiner Gemeinde dürfe mit mehr als 0,6 V/m befeldet werden, dann kann dies gut und gerne bedeuten, dass an den Sendemasten kein Schräubchen gedreht werden muss. Denn die plakativ in Szene gesetzten 0,6 V/m (elektrische Feldstärke) sind nichts anderes als das berühmt/berüchtigte Salzburger Milliwatt (Leistungsflussdichte 1 mW/m²), das mittlerweile auch schon zehn Jahre auf dem Buckel hat, somit alles andere als neu ist, und bei der heutigen Netzdichte ohnehin nur noch selten erreicht wird. Die Zusage des Bürgermeisters hat in etwa den gleichen Stellenwert, als würde er seinen Wählern zusichern, die träge am Ort vorbei strömende Loire würde stets stromabwärts fließen. Selbstverständlichkeiten sind leicht zu versprechen.

Hintergrund
0,6-V/m-Wunschdenken in Frankreich
Frankreich nach dem Urteil von Nanterre
Studie: Kosten für Grenzwertsenkung in Frankreich

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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Grenzwert, Frankreich, Irreführung, Augenwischerei, Ländervergleich

Varades: Französische Gemeinde senkt Grenzwert auf 0,6 V/m

Doris @, Freitag, 16.09.2011, 21:34 (vor 4093 Tagen) @ H. Lamarr

Dazu ein Beitrag im aktuellen WIK-EMF Brief

Französische Gemeinde senkt Grenzwert für hochfrequente elektromagnetische Felder (HF-EMF) auf 0,6 V/m

Der Rat der 3.700-Einwohner-Gemeinde Varades, 50 km östlich von Nantes, hat am 06.09.2011 einstimmig beschlossen, dass im gesamten Gebiet der Gemeinde künftig ein Immissionsgrenzwert für HF-EMF im Frequenzbereich mobiler Kommunikation von nur noch 0,6 Volt pro Meter (V/m) eingehalten werden muss. Der entsprechende, von der ICNIRP und der Europäischen Kommission empfohlene und von vielen Ländern Europas (darunter auch Frankreich) gesetzlich übernommene, abgeleitete Grenzwert für die elektrische Feldstärke liegt dagegen je nach Frequenz zwischen 41 V/m (GSM 900) und 61 V/m (UMTS). Der Bürgermeister von Varades, Dominique Tremblay, beruft sich bei der vorgenommenen Einschränkung auf die Resolution 1815, die am 27. Mai 2011 vom Ausschuss für Umwelt und Landwirtschaft, kommunale und regionale Angelegenheiten der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) verabschiedet wurde. In der Resolution wird der Wert von 0,6 V/m zur Vorsorge in Innenräumen empfohlen (Diskussion hierzu: siehe WIK EMF Briefe 45 v. 19.05.2011 und 46 v. 31.05.2011). „Nach diesem Beschluss werden wir Messungen der tatsächlichen Exposition vornehmen und uns gegen die Verursacher wenden, falls die Messwerte über dem Schwellenwert von 0,6 V/m liegen“, sagte Bürgermeister Tremblay. Etienne Cendrier, Sprecher der französischen Mobilfunkgegnerorganisation „Robin des Toits“ („Robin der Dächer“) bezeichnete die Maßnahme als eine „Premiere in Frankreich“. Die Organisation begrüße „den Mut des Bürgermeisters“ und hoffe, „dass viele andere Gemeinden dem Beispiel folgen werden“. Meldung bei „Robin des Toits“: http://www.robindestoits.org/Une-commune-vote-l-abaissement-des-ondes-electromagnetiques-a-06-v-m-AFP-08-09-2011_a1310.html (in französischer Sprache) In einer Stellungnahme vom 14.09.2011 nennt der Verband der französischen Telefonnetzbetreiber (Fédération Française des Télécoms) acht Gründe, die gegen die Absenkung des Grenzwerts auf 0,6 V/m sprechen und „lädt die Bürgermeister und Bewohner der Gemeinde, die von den Befürwortern dieses Wertes in Versuchung gebracht wurden ein, die Argumente zur Kenntnis zu nehmen“. Unter anderem werden darin die Legitimation und die Expertise des Ausschusses des Europarats, der die Grenzwertempfehlung vornahm, in Frage gestellt solche Empfehlungen überhaupt geben zu können. „Er hat kein Mandat für Gesundheitsfragen“, so der Netzbetreiberverband. Er verweist auf die offiziellen Empfehlungen des Rates der Europäischen Union, der Weltgesundheitsorganisation und des Wissenschaftlichen Ausschusses der Europäischen Kommission (SCENIHR). Außerdem wird die ohnehin schon geringe Grenzwertausschöpfung zu bedenken gegeben (maximal 5 V/m in 99,9% der Fälle). Schließlich hätten Simulationen mit einer Leistungsreduzierung auf 0,6 V/m in Paris jedoch gezeigt, dass mit diesem Grenzwert in 82% des Gebietes keine Innenraumversorgung mit Mobilfunk mehr möglich ist. Stellungnahme der Fédération Française des Télécoms (in Französisch)

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WIK

Europarat: Unwichtiges zur Resolution 1815

H. Lamarr @, München, Samstag, 17.09.2011, 23:39 (vor 4092 Tagen) @ Doris

Der Bürgermeister von Varades, Dominique Tremblay, beruft sich bei der vorgenommenen Einschränkung auf die Resolution 1815, die am 27. Mai 2011 vom Ausschuss für Umwelt und Landwirtschaft, kommunale und regionale Angelegenheiten der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) verabschiedet wurde.

Das ist nicht ganz richtig. Der genannte Fachausschuss ist lediglich eine Vorinstanz gewesen, er hat die Resolution bereits am 11. Mai 2011 abgenickt. Rechtskraft erlangte die Resolution erst am 27. Mai 2011, weil sie an diesem Tag vom "Ständigen Ausschuss" (Standing Committee) des Europarats auf einer Sitzung in Kiew verabschiedet wurde. Was der Ständige Ausschuss abnickt ist rechtlich dem gleich gestellt, was ansonsten die (große) Parlamentarische Versammlung des Europarats bei ihren eher seltenen Zusammenkünften (nur 4-mal pro Jahr) in Straßburg verabschiedet.

Diese Resolution 1815 ist auch aus meiner Sicht ein ganz krummes Ding, das nicht das Papier wert ist, auf dem es gedruckt ist. Je länger ich an diesem Thema recherchiere, desto schräger ist das Licht, in dem dieses "Lobbypapier europäischer Baubiologen" steht. Dass "so etwas" auch noch durch den Ständigen Ausschuss durchgewunken wird, ist mMn für die politische Kaste ein Armutszeugnis. Glück für die Deutschen: Von denen war am 27. Mai keiner mit dabei, das haben andere versemmelt. Mehr dazu später.

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– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

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Straßburg, Resolution, Europarat

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