Potemkinsches Dorf: Diagnose-Funk kritisiert Alarmstudie (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 19.12.2021, 22:07 (vor 199 Tagen)

Seit rund zehn Jahren versucht der Verein Diagnose-Funk den Deutschen irrationale Ängste gegenüber Funkmasten einzureden. Mittel zum Zweck sind dramatisch übertriebene Alarmmeldungen. Um den Ruf vom radikalen Außenseiter mit Tunnelblick los zu werden, kritisierte der Verein kürzlich erstmals eine EMF-Alarmstudie aus den USA. Reicht das, um vom Rand der Gesellschaft in deren Mitte vorzudringen?

Diagnose-Funk war bislang lupenrein auf Alarm gebürstet, von verkrampft wirkenden Distanzierungen gegenüber dem Schweizer Sektenguru Ivo Sasek und Rechtsauslegern abgesehen. Ergo haben die Stuttgarter mWn auch noch nie eine EMF-Alarmstudie kritisiert, selbst wenn diese noch so weit neben der Spur lag. Eher war damit zu rechnen, dass der Verein derartige Ausreißer ungeniert seiner Alarmstudiendatenbank EMF-Data einverleibt. Wäre da nicht kürzlich der 15. Dezember 2021 gewesen, an dem Diagnose-Funk über seinen eigenen Schatten sprang und eine EMF-Alarmstudie aus den USA nicht wie üblich bejubelt, sondern, – großes Staunen, kritisiert. Was mag die Stuttgarter zu diesem Tabubruch getrieben haben?

Sehnsucht nach Einfluss und Anerkennung

Fakt ist, Diagnose-Funk bemüht sich seit der Gründung 2010 um breite Aufmerksamkeit und Anerkennung. In jüngster Zeit verfolgt der Verein dieses Ziel zunehmend aggressiver, beispielsweise mit heftigen Angriffen auf das Bundesamt für Strahlenschutz. Nennenswerte Erfolge aber blieben aus, punkten können die Kritiker vereinzelt auf kommunaler Ebene, auf Landesebene oder gar Bundesebene blieben sie erfolglos. Einen Grund dafür sehe ich in ihrer konsequent auf übertriebenes Alarmieren getrimmten Ausrichtung. Dies wirkt realitätsfern, manipulativ, unehrlich und somit unglaubwürdig. Die Wirklichkeit ist nicht so einseitig. Selbst Covid-19 hat positive Seiten, denn weil die meisten von uns in sozialen Brennpunkten mit Mund-Nasen-Masken herumlaufen, fordern Infektionskrankheiten wie die Grippe seit 2020 nur noch geringen Tribut an Opfern. Und dem Versandhandel beschert das winzige Virus einen Umsatzrekord nach dem anderen, allerdings zum Leidwesen von Händlern mit Ladengeschäften. Eine differenzierte Betrachtung ist realitätsnah, informativ, ehrlich und somit glaubwürdiger als das Mantra der Alarmmelder.

Unter dieser Maßgabe verfolgt Diagnose-Funk mit der Kritik an Gesinnungsgenossen offenbar das Ziel, glaubwürdiger zu werden und das Image vieler Mobilfunkkritiker abzustreifen, so engstirnig zu sein, dass sie mit beiden Augen durchs selbe Schlüsselloch schauen können. Der Lohn der Mühe wäre ein Zugewinn an Seriosität und Vertrauenswürdigkeit. Beides sind Sprungbretter für mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und wenn ich mir die Studienkritik der Stuttgarter so ansehe, dann haben sie überraschend gute Arbeit geleistet. Wahrscheinlich wird es nicht bei diesem einen Lichtblick bleiben. Mit seinem Tabubruch ist der Verein also endlich auf dem richtigen Weg, seine ersehnten Ziele zu erreichen – möchte man meinen.

Der Zweck heiligt die Mittel

In den vielen Jahren, die ich Diagnose-Funk auf dem Radar habe, inklusive der rein Schweizerischen Anfangszeit sind es 14 Jahre, bin ich zu der Einschätzung gekommen, es mit rücksichtslosen Desinformanten zu tun zu haben, die vornehmlich Eigeninteressen verfolgen. Diese Wertung gilt besonders für Diagnose-Funk Deutschland, den Schweizer Vereinsgründer Lothar Geppert († 2020) sehe ich weniger negativ. Kein Wunder also, wenn ich die plötzliche Läuterung der Stuttgarter mit großem Misstrauen beäuge.

Was an der Studienkritik sofort auffällt ist der vielsagende Umstand, dass Diagnose-Funk keine halbwegs ernst zu nehmende Alarmstudie durch die Mangel dreht, sondern eine ausgemachte "Schrottstudie". Dies ist mMn kein Zufall oder Unvermögen, sondern Plan. Denn eine offensichtlich abseitige Studie zu zerpflücken bringt dem Verein zwei Vorteile und keinen Nachteil:

► Gegenüber unbedarften Zweiflern an seiner Seriosität kann der Verein für sich reklamieren, nicht mehr der bornierte Einäugige unter Blinden zu sein, sondern der untadelige Zweiäugige.

► Mit der Kritik an einer wissenschaftlich bedeutungslosen Studie schmälert Diagnose-Funk die eigene Argumentationsbasis völlig risikolos um keinen Millimeter. Die wertlose Arbeit würde, wenn überhaupt, auch von anderen zerpflückt, womit sich Diagnose-Funk sogar bestätigt sehen kann.

Sollte der Verein tatsächlich den geschilderten Plan verfolgen, ist er gezwungen, künftig bevorzugt "Schrottstudien" zu entwerten. Da ich davon ausgehe, dass den Verantwortlichen dieses Posting nicht verborgen bleibt, ist damit zu rechnen, dass gelegentlich zur Tarnung des Plans auch qualitativ etwas bessere Alarmstudien kritisiert werden. Davon sollte sich dann niemand blenden lassen. Denn wollte sich Diagnose-Funk wirklich ernsthaft von Pseudoexperten distanzieren, müsste der Verein seine Kontakte z.B. zu Klaus Buchner oder Klaus Scheidsteger ostentativ kündigen, vor allem aber sich von seinen Vorständen Jörn Gutbier und Peter Hensinger trennen. Doch bevor das passiert, friert mutmaßlich eher die Hölle zu.

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Hensinger, Einflussnahme, Buchner, Gutbier, Scheidsteger, Diagnose:Funk, Anerkennung, EMF:Data, Kargo-Kult, SUPER-WIR, Rubik


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