Zeitbombe in Mevissen/Schürmann-Review gefunden (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Montag, 06.12.2021, 01:39 (vor 250 Tagen) @ H. Lamarr

In diesem Posting geht es um zwei Paar Schuhe. Zuerst rücke ich eine Verdrehung zurecht, mit der mich Gigaherz-Präsident Jakob in ein schiefes Licht stellen möchte. Ordnung muss sein, bedeutsam ist dies aber nicht. Doch während des Schreibens schälte sich heraus: In der narrativen Review von Mevissen/Schürmann steckt möglicherweise eine Zeitbombe. Denn mindestens eine der 126 analysierten HF-EMF-Studien über oxidativen Stress beschreibt eine Dosimetrie, dass einem die Haare zu Berge stehen. Das halte ich für bedeutsam. Und weil heute Nikolaustag ist, habe ich diese Story weiter unten in das zweite Paar Schuhe gesteckt.

Hier zunächst ein Auszug aus meinem Posting vom 29. November 2021, den Gigaherz-Jakob auf seiner Website in der für ihn typischen Weise durch den Wolf gedreht hat:

► Als Folge von Dauerbestrahlung aus Mobilfunksendern ist aus einer grossen Reihe neuer Studien die Wirkung «Oxydativer Stress» bekannt geworden.

Kommentar: O Herr, vergib ihm, denn er weiß nicht welchen Stuss er da schreibt ...
Beleg: Wikipedia

► Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Mehrzahl der Tierstudien und mehr als die Hälfte der Zellstudien Hinweise auf vermehrten oxidativen Stress durch HF-EMF und NF-MF gibt. Dies beruht auf Beobachtungen bei einer Vielzahl von Zelltypen, Expositionszeiten und Dosierungen (SAR oder Feldstärken), auch im Bereich der Anlagegrenzwerte.

Kommentar: O Herr, lass den Heiligen Geist über ihn kommen, damit er endlich begreift, dass im wissenschaftlichen Kontext Hinweise die schwächste Stufe der Evidenz sind und viel Forschung erforderlich ist, um Hinweise zu Beweise reifen zu lassen, welche die Hinweise entweder bestätigen oder widerlegen.

Gigaherz-Präsident Jakob hat hier auf die oben zitierte Textpassage reagiert. Und dabei einiges durcheinander gebracht, weil er, wie er selbst einräumt, Tomaten auf den Augen hat.

Meine Einwände gegenüber Jakobs Darstellung lauten:

Nein, niemand schreibt Jakob die Textpassage "Zusammenfassend kann gesagt werden ..." zu, hat er diese im ursprünglich kritisierten Beitrag doch ordentlich als Zitat aus der Studie von Mevissen/Schürmann kenntlich gemacht. Ich zitierte diese Textpassage nur deshalb, weil dort klar zum Ausdruck kommt, dass die Literaturrecherche keine Beweise für eine gesundheitlich schädliche Auswirkung von oxidativem Stress infolge EMF-Einwirkung zutage brachte, sondern nur Hinweise. Der Gigaherz-Präsident hält die Literaturrecherche dennoch für so bedeutungsschwer, dass er die vorsorglichen Schweizer Anlagegrenzwerte zu Gefährungswerten erklärt. Diese maßlos überzogene Reaktion halte ich für blöd, nicht das Zitat von Mevissen/Schürmann.

Mein Stoßgebet "O Herr, vergib ihm, denn er weiß nicht welchen Stuss er da schreibt ..." ordnet Jakob dem Zitat von Mevissen/Schürmann zu. Das ist falsch, wie oben im Zitatfragment mühelos zu erkennen ist. Mein Stoßgebet gilt allein Herrn Jakobs unqualifizierter Behauptung: "Als Folge von Dauerbestrahlung aus Mobilfunksendern ist aus einer grossen Reihe neuer Studien die Wirkung «Oxydativer Stress» bekannt geworden." Dass Jakob dummes Zeug redet, ist dem verlinkten Wikipedia-Artikel zweifelsfrei zu entnehmen.

Soviel zu den Verdrehungen in Jakobs jüngstem Beitrag.

Wenn Biochemiker an der Dosimetrie scheitern

Weiter geht es mit Dipl.-Ing. ETH Thomas Fluri, auf den sich der Ex-Elektriker in seinem jüngsten Beitrag beruft. Angeblicher O-Ton von Fluri:

12 von 150 referenzierten Studien weisen EMF-Belastungen unterhalb des schweizerischen Anlagegrenzwertes von 5V/m (Volt pro Meter) auf.

Nach diesem Zitat befragt findet Google als einzigen Treffer Jakobs jüngsten Beitrag.

Wie aber kommt Fluri auf 150 "referenzierte Studien"? Die Literaturreferenz von Mevissen/Schürmann weist 223 Literaturverweise aus. Das kann es also nicht sein.

Da Fluri seine genannte Anzahl mit dem Schweizer Anlagegrenzwert von 5 V/m verknüpft, muss er von den analysierten HF-EMF-Studien reden, nicht von den ebenfalls analysierten NF-EMF-Studien. Im Supplement der Studie von Mevissen/Schürmann, es listet alle analysierten Studien auf, gibt es jedoch keine 150 HF-EMF-Studien, sondern nur 126 (davon 70 Tierstudien und 56 Zellstudien). Hinzu kommen 60 NF-EMF-Studien (13 Tier- und 47 Zellstudien). Summa sumarum haben Mevissen/Schürmann also 186 Studien ausgewertet.

Ob wirklich zwölf HF-EMF-Studien mit Immissionen unter 5 V/m zu finden sind ist gar nicht so einfach zu recherchieren, denn die Expositionsangaben sind chaotisch. Mal wird ein SAR-Wert genannt, mal eine Leistungsflussdichte, mal ein einzelner Wert, mal ein Wertebereich und zu allem Überfluss purzeln auch noch die Dimensionen der genannten Einheiten munter durcheinander. Dies alles für 126 Studien zu entwirren ist eine Fleißaufgabe, die ich momentan nicht bereit bin zu leisten, nur um Fluris Zahl zwölf zu bestätigen oder zu widerlegen. Interessanterweise verraten uns Fluri/Jakob ja nicht, welche von den 126 Studien die zwölf brenzligen sind. Täten sie es, könnte man die Behauptung Fluris schnell bestätigen oder ad absurdum führen. Offensichtlich ist dies jedoch nicht gewollt.

Ersatzweise habe ich mir den Spaß geleistet, einmal die Dosimetrie einer der 126 HF-EMF-Studien (:-P) genauer zu betrachten. Das Ergebnis war gelinde gesagt schockierend. Sogar Ex-Elektriker Jakob dürfte von HF-Messtechnik noch mehr verstehen als die Wissenschaftler der analysierten Studie. Die systematischen Fehler, die ihnen unterlaufen sind, und die eingesetzte Messtechnik lassen einem den Atem anhalten. Sagen wir mal so: Die Dosimetrie der besagten Studie ist auf ähnlichem Niveau wie die eines griechischen Wissenschaftlers, der für die Exposition seiner Versuchstiere ein handelsübliches Mobiltelefon unter deren Käfige legte. Selbstverständlich würde es mich jetzt jucken, diesen messtechnischen Sündenfall ordentlich und nachvollziehbar zu dokumentieren. Dafür fehlt mir aber auf absehbare Distanz die Zeit.

Eines macht der dosimetrische Unfall aber schon jetzt klar: Wer über die 126 HF-EMF-Studien zu oxidativem Stress oder meinetwegen auch nur über die zwölf Brisanten redet, ohne sich mit deren Dosimetrie beschäftigt zu haben (so wie unser Hans-U. Jakob), der sitzt möglicherweise zündelnd auf einem Pulverfass. Schaunmermal ob es irgendwann knallt.

Wenn Fluri seine zwölf Studien beim Namen nennt ziehe ich gerne nach und benenne den dosimetrischen Ausrutscher mit kurzer Begründung. Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich habe mir nur diese eine Studie angesehen und bin auf Anhieb fündig geworden. Der Treffer zeigt mMn plakativ, warum narrative Reviews (ohne systematische Anforderungen an die Qualität der ausgewerteten Studien) mit Vorsicht zu genießen sind.

Hintergrund
Die richtige Dosimetrie: Achillesferse von Mobilfunkstudien

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Oxidativer Stress, Schürmann, Mevissen, Literaturstudie, Fluri, narrative Review


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