Oxidativer Stress: Vorbehalt gegen alkalischen Comet Assay (Forschung)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 04.04.2021, 21:37 (vor 604 Tagen) @ H. Lamarr

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Mehrzahl der Tierstudien und mehr als die Hälfte der Zellstudien Hinweise auf vermehrten oxidativen Stress durch HF-EMF und NF-MF gibt.

Der Berenis-Sondernewsletter wurde von der Anti-Mobilfunk-Szene mit Begeisterung aufgenommen: Endlich wieder einmal frisches Material zum Alarmieren. Allerdings ist der vollständige Bericht bis heute nicht auf der Website des Bafu veröffentlicht worden, so dass die Begeisterung bislang allein auf den Aussagen im NL beruht.

Einen Dämpfer bescherte der Szene auf Nachfrage bereits Martin Röösli. Hier nun ein zweiter Dämpfer, diesmal von Primo Schär und von mir nur zufällig gefunden. Schär experimentierte vor knapp zehn Jahren im Auftrag der EU (Seawind-Projekt) mit dem "Comet Assay" einer gängigen Nachweismethode für DNA-Strangbrüche. Er fand heraus, dass ROS-vermittelte oxidative DNA-Schäden, gefunden mit dem alkalischen Standard-Comet Assay, nicht mehr vorhanden waren, wenn als Detektor eine enzymmodifizierte Version des Comet-Assays oder die Fluoreszenzmikroskopie verwendet wurden. Ich verstehe diesen Befund so, dass EMF/ROS-Studien, die mit dem alkalischen Comet Assay Effekte gefunden haben, nur mit Vorbehalt in eine Bewertung einfließen dürfen.

Der mit deepl.com übersetzte Originaltext von Schärs Befund lautet:

[...] Die erste Versuchsreihe konzentrierte sich auf die Replikation von zuvor berichteten Beobachtungen mit dem alkalischen Comet-Assay, die auf eine Induktion von DNA-Schäden durch mobilfunkspezifische UMTS- und GSM-Signalmodulationen in primären humanen Fibroblasten und immortalisierten humanen Trophoblastenzellen (HTR-8/SVneo-Zellen) hinwiesen. Trotz erheblicher Anstrengungen, die Sensitivität unserer Assays zu optimieren, konnten diese Effekte in den beiden SEAWIND-Partnerlabors jedoch nicht bestätigt werden. Auch die anschließende systematische Prüfung möglicher Effekte der WiFi-, RFID- und CW-Expositionssignale in den Comet-Assays erbrachte keine Hinweise auf eine Induktion von DNA-Schäden.

Um diese Ergebnisse zu validieren und die Hypothese zu untersuchen, dass wEMFs [weak EMF, schwache Funkfelder; Anm. Postingautor] die intrazellulären Spiegel reaktiver Sauerstoffspezies (ROS) verändern könnten, haben wir die wEMF-Signale systematisch auf die Induktion oxidativer DNA-Schäden untersucht. Zu diesem Zweck wendeten wir die enzymmodifizierte Version des Comet-Assays an, die speziell für den Nachweis einer häufigen oxidativen Basenmodifikation mit hoher Sensitivität entwickelt wurde. Wie die standardmäßigen alkalischen Comet-Analysen erbrachte dieser Assay jedoch in den beiden getesteten Zelltypen keine Hinweise auf erhöhte oxidative DNA-Basenläsionen. In Übereinstimmung mit diesem fehlenden Effekt im enzymmodifizierten Comet-Assay beobachteten wir keine EMF-induzierte Veränderung der intrazellulären ROS unter Verwendung einer hochempfindlichen, auf Fluoreszenzmikroskopie basierenden Methode, die die kurzlebigen ROS einfängt und in ein persistenteres Fluoreszenzsignal umwandelt. Bemerkenswerterweise war dieser Assay negativ, auch wenn er unter 50Hz EMF-Exposition durchgeführt wurde, die zuvor einen messbaren Effekt im alkalischen Comet-Assay erzeugte. Da sowohl der intrazelluläre ROS-Nachweis als auch der oxidative Comet-Assay sehr empfindliche Methoden sind, schließen wir daraus, dass ROS-vermittelte oxidative DNA-Schäden unter den experimentellen Bedingungen keinen wichtigen Beitrag zu potentiellen genotoxischen Effekten im Zusammenhang mit wEMF-Exposition darstellen. [...]

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
DNA-Schäden, Effekte, Schär, Fibroblasten, Oxidativer Stress, DNA-Strangbrüche, Seawind-Projekt, Comet Assay


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