Oxidativer Stress im Niedrigdosisbereich: dünne Faktenlage (Forschung)

H. Lamarr @, München, Samstag, 27.02.2021, 16:40 (vor 575 Tagen) @ H. Lamarr

Es zeichnet sich aber ein Trend ab, der auch unter Berücksichtigung dieser methodischen Schwächen deutlich wird, nämlich, dass EMF-Exposition, sogar im niedrigen Dosisbereich, durchaus zu Veränderungen des oxidativen Gleichgewichtes führen kann.

Der zitierte Satz katapultierte Berenis für Sendemastengegner aus der Rolle des Buhmanns heraus in die neue Rolle des unfreiwilligen Belastungszeugen für Gesundheitsrisiken des Mobilfunks. Auch auf Twitter wurde um Interpretationen für die mulmig machende Berenis-Aussage gerungen.

Aber: In der von Berenis veröffentlichen Kurzfassung des Berichts, der demnächst in voller Länge auf der Website des Bafu zu lesen sein wird, fehlen dosimetrische Angaben, ab welcher EMF-Immission mit Wirkungen durch oxidativem Stress (reactive oxygen species, kurz Ros) zu rechnen ist. Wobei ich mit EMF nicht niederfrequente Magnetfelder meine, sondern die elektromagnetische Wellen (HF) des Mobilfunks.

Eine Anfrage bei Berenis-Rudelführer Martin Röösli ergab:

Soweit Röösli es dem kompletten Bericht auf die Schnelle entnehmen konnte, ist darin nur eine einzige Studie benannt, die oxidativen Stress bei schwacher Immission im Bereich der Schweizer Anlagegrenzwerte fand.

Jetzt hängt es von der Qualität dieser Studie ab, welche Bedeutung ihr zuzumessen ist. Organisierte Sendemastengegner können die Qualität von Studien bekanntlich nicht beurteilen, für sie zählt allein das Ergebnis. Wissenschaftler haben es nicht so leicht, ihre Aufgabe ist es, die Belastbarkeit von Studienergebnissen zu prüfen, bevor sie eine Bewertung abgeben. Zu prüfen sind z.B. wie verlässlich die Angaben zur Exposition sind und ob es sich bei beobachteten Wirkungen um subtile thermische Effekte handeln könnte. Wie üblich ist davon auszugehen, ein tiefer Graben wird auch in dieser Sache aufgeregte Sendemastengegner und unaufgeregte Wissenschaftler trennen.

Ein Indiz, dass der Berenis-Ros-Bericht die Hoffnungen von Sendemastengegnern nicht erfüllen wird, ist die Tatsache, dass das Bafu – in Kenntnis dieses Berichts – vor wenigen Tagen seine Vollzugshilfe zu 5G publiziert hat. Die Vollzugshilfe erlaubt es den Mobilfunkanbietern der Eidgenossenschaft, die Sendeleistung für adaptive Antennen (und nur für diese) kurzzeitig um Faktor 10 anzuheben, wodurch die EMF-Immission der Eidgenossen im Gültigkeitsbereich von Omen (z.B. Privatwohnungen) kurzzeitig die Anlagegrenzwerte (4 V/m bis 6 V/m) um das 3,2-fache auf maximal 12,6 V/m bis 19,0 V/m überschreiten darf (Ros kann demnach so schlimm nicht sein), solange über sechs Minuten gemittelt der jeweilige Anlagegrenzwert eingehalten wird. Ohne Messgerät wird niemand etwas von dieser vernünftigen Neuregelung bemerken, mit Messgerät aber wird es großes Gezeter von 5G-Paranoikern geben. Baubiologen und die Hersteller von Hobby-Messgeräten werden deshalb die Vollzugshilfe als geschäftsfördernde Maßnahme insgeheim begrüßen, nach außen hin aber, ebenfalls geschäftsfördernd, verdammen.

Warten wir also geduldig ab, bis das Bafu den Ros-Bericht von Berenis im Volltext publiziert hat. Dann werden wir sehen was Sache ist.

Hintergrund
Oxidativer Stress: Posts im IZgMF-Forum

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Jedes komplexe Problem hat eine Lösung, die einfach, naheliegend, plausibel – und falsch ist.
– Frei nach Henry Louis Mencken (1880–1956) –

Tags:
Anfrage, Effekte, Röösli, BERENIS, Ros-Bericht, oxidativen Gleichgewicht


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