Faktencheck: Kranke Linde neben St.-Pankratius-Kirche in Wangen (Allgemein)

W. Eber @, München, Sonntag, 13.01.2019, 22:09 (vor 6 Tagen)

Die These "Mobilfunk mache Bäume krank", ist, weil reichlich abwegig, für Fachleute kein Thema. Selbst unter fachlichen Laien aus dem Kreis der Mobilfunkgegner hat die kühne Idee nur wenige Anhänger gefunden. Und dennoch: Diplomforstwirt Volker Genenz stellt für eine kranke Linde im Garten der Kirche St. Pankratius in Wangen am Bodensee die Diagnose: Mobilfunk! Das ist neu, denn bei Genenz soll es sich um einen öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für Baumpflege handeln. Der Südkurier berichtet in einem journalistisch sauber recherchierten wenngleich nicht fehlerfreien Artikel:

[...] „Ich hab die rechte Linde gesehen und es war klar: Die ist hinüber.“ Aus Neugier machte sich Genenz auf die Suche nach dem Grund für das Absterben. „Beide Bäume haben die gleichen Bedingungen wie Wasser, Licht und Nährstoffe. Es ist also seltsam, warum nur einer von ihnen stirbt.“

Bei seinen Nachforschungen entdeckte er einen für ihn entscheidenden Unterschied. Die abgestorbene Linde liege direkt im Wirkungsbereich eines rund 300 Meter entfernten Mobilfunkmasten, der nach Angaben des Betreibers 2006 aufgestellt wurde. Während die gesunde hinter dem Kirchturm der St. Pankratius Kirche steht. Für den Diplomforstwirt ist das der Grund, warum nur eine Linde beschädigt wird. „Der Kirchturm wird aufgrund seines Baumaterials die Strahlung verstreuen“, so die Theorie des Sachverständigen. Um diese zu untermauern, kletterte er in die Kronen beider Bäume, um die Strahlung zu messen. „Bei der abgestorbenen Linde war die gemessene Strahlung viermal so hoch wie bei der gesunden“, sagt Genenz. [...]

Faktencheck

Medienartikel: Die Frage, wieso der Südkurier überhaupt das Thema aufgreift und wer den Anstoß dazu gab, beantwortet der Artikel nicht. Meiner Erfahrung nach ist es nicht selten so, dass Medienartikel von "interessierter Seite" lanciert oder "angestoßen" werden. So könnte es auch im vorliegenden Fall gewesen sein. Wessen Interessen hier möglicherweise bedient werden, darauf komme ich weiter unten zurück.

Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger: Die Website von Volker Genenz bestätigt diese Behauptung nicht, das bundesweite Sachverständigenverzeichnis der IHK wirft zu seinem Namen keinen Treffer aus.

Abstand Baum-Sendemast: Entgegen der Angaben im Südkurier ist die kranke Linde nicht rund 300 Meter von dem unter Verdacht stehenden Mobilfunkstandort entfernt, sondern 182 Meter (gemessen mit Google Earth bis Mitte Baumkrone).

Funkschatten: Das Bild zeigt die Situation vor Ort. Gemäß EMF-Datenbank der Bundesnetzagentur hat der Senderstandort (271422) sechs Antennen mit den Hauptstrahlrichtungen (HSR) 60°, 70°, 180°, 210°, 290° und 300°. Relevant sind allein die im Bild gelb eingetragenen HSRs 180° und 210°. Keine dieser beiden HSRs trifft frontal auf die kranke Linde (innerhalb des grünen Rings der obere der beiden Bäume):

Sachstand in Wangen: Senderstandort mit relevanten Hauptstrahlrichtungen (HSR), Standort der Linden neben der Kirche und Sichtline Sender-Kirchengarten.
[image]
Foto: Google Earth; Bild: IZgMF

Die hellblaue Linie ist die Sichtlinie, die gerade noch Sichtkontakt vom Kirchengarten zum Senderstandort zulässt, bevor die Kirche die Sicht versperrt. Diese Linie zeigt, dass auch die "gesunde" der beiden Linden bis zur Kronenmitte Sichtkontakt zum Sender hat. Da Funkwellen an Gebäudekanten gebeugt werden, verursacht die Kirche kein Funkloch im unteren (abgeschatteten) Teil des Kirchengartens, sondern dort ein lediglich leicht abgeschwächtes Funkfeld. Je tiefer die Trägerfrequenz des Funksignals (z.B. GSM900), desto geringer ist die Abschwächung im Funkschatten im Vergleich zu hohen Trägerfrequenzen (z.B. UMTS). Der Übergang in den Funkschatten ist nicht kontrastreich (hart), sondern diffus (weich).

Strahlung wird "verstreut": Die Behauptung, "Der Kirchturm wird aufgrund seines Baumaterials die Strahlung verstreuen" ist nicht korrekt. Richtig ist: Die Kirche reflektiert einen Teil der eintreffenden Funkwellen, ein Teil wird vom Baumaterial absorbiert und in Wärme umgewandelt, ein Teil wird an Mauerkanten gebeugt und dadurch "um die Ecke" in andere Richtungen gelenkt.

Messwerte: Zitat – "[...] kletterte er in die Kronen beider Bäume, um die Strahlung zu messen. 'Bei der abgestorbenen Linde war die gemessene Strahlung viermal so hoch wie bei der gesunden', sagt Genenz."

Diese Messung ist in mehrfacher Hinsicht sehr fragwürdig. Zunächst halte ich es für merkwürdig, dass ein Baumpfleger überhaupt mit einem Hochfrequenz-Messgerät herum hantiert, dies deutet auf einen Kontakt zu einem Baubiologen hin (Anti-Mobilfunk-Szene). Da Profigeräte schwierig zu bedienen sind und Herrn Genenz aller Voraussicht nach die Qualifikation darin fehlt, hat er mutmaßlich mit einem bekannten Hobbymessgerät aus bayerischer Produktion gemessen. Diese Geräte werden üblicherweise mit einer Richtantenne verwendet. Das heißt: Schon geringe Abweichungen beim wiederholten "Anpeilen" des Sendemasten führen zu beträchtlichen Messwertdifferenzen. Wie aber will Genenz bei Klettern in die beiden Baumkronen vergleichbare Bedingungen gewährleistet haben, wenn er bei der "gesunden" Linde den Sendemast gar nicht sehen konnte? Und woher wusste er, dass er in exakt der gleichen Höhe über Grund misst wie bei der kranken Linde? Jeder halbe Meter Unterschied ist in solchen Höhen von erheblicher Bedeutung für das Messergebnis. Zuguterletzt sind die Messungen schon deshalb unbrauchbar, weil Genenz in beiden Kronen hätte gleichzeitig messen müssen. Nur so kann er den Einfluss verkehrsbedingter Schwankungen der Sendeleistung auf die Messergebnisse verhindern. Da der Baumpfleger zuerst den einen Baum besteigen musste und dann den anderen, liegen zwischen den Vergleichsmessungen schätzungsweise 15 Minuten bis 30 Minuten Differenz. Dadurch ist eine Vergleichbarkeit nicht mehr gegeben.

Gegenprobe: Der 210°-Hauptstrahl trifft wenige Meter östlich der Kirche frontal auf einen Baum (siehe Bild), der in genau dem Abstand zum Sender steht, wie die kranke Linde. Es hätte Herr Genenz' gut gestanden zu prüfen, ob Sichtkontakt zum Sender besteht (Annahme: ja) und wie es um die Gesundheit dieses Baums bestellt ist. Ist er krank, stützt er Genenz, ist er gesund, widerlegt er ihn. So einfach wäre es gewesen, der gewagten These etwas mehr Substanz zu geben oder sie irritiert einzurollen und diskret zu entsorgen.

Mein Fazit: Herr Genenz mag ein qualifizierter Sachverständiger in Baumpflege sein, seine Qualifikation im Messen von Funkfeldern halte ich für mangelhaft. Schuster bleib bei deinen Leisten! Diese harsche Kritik wäre ihm erspart geblieben, hätte er nicht das ungenügende Betragen an den Tag gelegt, seine Messungen und kühnen Schlüsse nicht für sich zu behalten, sondern über den Südkurier in die Welt hinaus zu posaunen. Die Mobilfunkdebatte ist mit Geschichten, erzählt von selbsternannten Experten, längst in der Sättigung angekommen. Solche Geschichten nutzen nur denen, deren Geschäftsmodell auf irrationalen Ängsten gegenüber Funkwellen beruhen, dazu gehören auch die Hersteller von Elektrosmog-Messgeräten für Hobbymesstechniker.

Hintergrund
IZgMF-Winkelscheibe zur Bestimmung der HSR von Senderstandorten
Langzeitbeobachtung: Keine Baumschäden im Umkreis von Mobilfunksendeanlagen
Elektrosmog & Baumschäden: Hobbyforscher am Werk

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Baum, Faktencheck, Linde, Forstwirt, Fäulnis, Brand-Krustenpilz


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