Wie das EMF-Portal zur "WHO-Referenzdatenbank" wurde (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Mittwoch, 31.01.2018, 20:06 (vor 1232 Tagen)

Der Verein Diagnose-Funk behauptet, z.B. in Gestalt von Jörn Gutbier, "Wesentliche Grundlage unserer Informationsaufarbeitung ist die Referenzdatenbank der WHO, die von der Bundesregierung an der RWTH Aachen geführt wird." Wie bitte?! Die Bundesregierung führt in Aachen eine Referenzdatenbank der WHO? Das IZgMF hat sich wegen dieser sonderbaren Behauptung des Anti-Mobilfunk-Vereins umgehört und aus gut unterrichteten Quellen die Hintergründe der Äußerung erfahren. Von Anfang an stand freilich fest, Gutbier umschreibt umständlich nichts anderes als das, was in der Szene allen als EMF-Portal bekannt ist. Die folgende Darstellung beruht auf Insider-Informationen, die wir bereits 2016 erhalten haben und heute erstmals veröffentlichen.

Das EMF-Portal ging als BfS-gefördertes Projekt 2005 an den Start, Vorgänger an der RWTH war die "Wissensbasierte Literatur-Datenbank" (WBLDB). Ungefähr ein Jahr später wurde das EMF-Portal die "WHO-Referenzdatenbank".

Und was hat die Bundesregierung damit zu tun?

Dass die "Bundesregierung das EMF-Portal an der RWTH führt", kann man in dieser Form nicht behaupten. Das EMF-Portal ist vielmehr ein dauerhaft aufrechterhaltenes Projekt des Forschungszentrums für elektro-magnetische Umweltverträglichkeit (femu), das seit 2012 zum Institut für Arbeitsmedizin und Sozialmedizin der Uniklinik RWTH Aachen gehört, also zu einem Hochschulinstitut. Zuvor war das femu der Umweltmedizin derselben Hochschule angegliedert. Das femu, das sich nicht ausschließlich mit dem EMF-Portal beschäftigt, finanziert sich hauptsächlich durch Drittmittel-Finanzierung aus einer Mischförderung, die auf dieser Webseite einsehbar ist. Einen nicht unwesentlichen Anteil an der Projektförderung hatten bislang BfS-geförderte Projekte, wobei es sich letzten Endes – ausgehend vom Etat des Umwelt-Bundesministeriums BMUB, um Bundesmittel handelte. Somit hat die Bundesregierung das EMF-Portal bislang zwar immer wieder indirekt mit Bundesmitteln projektgebunden gefördert, dass die "Bundesregierung das EMF-Portal an der RWTH führt", ist jedoch eine verzerrte Darstellung.

Wie entstand der Begriff "WHO-Referenzdatenbank"?

Die WHO referenzierte früher zum Thema EMF-Forschungsergebnisse einerseits auf ihre eigenen "WHO's EMF databases" (mittlerweile vom Netz genommen) und andererseits auf das EMF-Portal. Da die "EMF databases" der WHO seit dem tragischen Tod von Joe Morrissey im Jahr 2010 nicht mehr konsequent weiter gepflegt wurden, ist das EMF-Portal die einzige aktuelle und weitgehend vollständige Datenbank zu EMF-Forschungsergebnissen, auf die sich die WHO noch beziehen kann.

Doch weder bei der WHO noch beim EMF-Portal lässt sich der Begriff WHO-Referenzdatenbank finden (bestenfalls in einer Presse-Information der RWTH). Dies liegt daran, dass der Begriff eine inoffizielle verkürzende Beschreibung des oben Gesagten ist, die Mitarbeiter des Portals benutzen diesen Begriff gelegentlich auch schon mal selbst. Üblich ist jedoch die Formulierung, dass "die WHO auf das EMF-Portal referenziert". Schon seit seit geraumer Zeit läuft allerdings ein Antragsverfahren des Instituts bei der WHO zur offiziellen Anerkennung (Designierung) des (gesamten) Instituts als ein "WHO Collaboration Centre". Diese WHO CCs sind weltweit das wissenschaftliche Rückgrat der WHO und deren Zulieferer für wissenschaftliche Information. Der Antrag sieht unter anderem eine offizielle Anerkennung des EMF-Portals als WHO-Referenzdatenbank für EMF-Forschungsergebnisse vor, wobei diese Anerkennung de-facto mit der Verlinkung (siehe oben) bereits stattgefunden hat.

Flotter Dreier: WHO, FGF und femu

Die WHO-eigene "EMF database" ging Mitte 2015 vom Netz. Zuvor sah es so aus, als greife die WHO bereits auf die Daten des EMF-Portals zu und zeigte diese lediglich mit einem anderen Front-End an. Dieser Eindruck ist jedoch falsch gewesen, eine derartige Kooperation zwischen dem femu und der WHO gab es nicht. Eine Schnittstelle war allenfalls die Forschungsgemeinschaft Funk (FGF). Diese unterstützte einerseits die femu-Datenbank finanziell und mit Ideen (zuerst WBLDB, später EMF-Portal), und versuchte andererseits noch zu Zeiten von Joe Morrissey, der damals in der später aufgelösten EMF-Forschergruppe bei Motorola arbeitete, der WHO bei der Pflege der EMF-Datenbank zu helfen. Nach dem plötzlichen Tod von Morrissey übernahm Joe Elder noch begrenzte Zeit diesen Job für die WHO.

Eine gewisse Deckung der beiden Datenbanken war allerdings zweifellos vorhanden. Denn jeder kann sich frei an den zur Verfügung gestellten Daten des EMF-Portals bedienen. Doch der große Unterschied zwischen den beiden Datenbanken war: Die WHO-Datenbank versuchte weltweit die noch laufenden Forschungsprojekte zusätzlich zu den abgeschlossenen und publizierten Projekten abzubilden. Dieses Vorhaben litt jedoch unter geringer Aktualität und hatte daher wenig Erfolg. Eine Zeit lang gab es bei der FGF sogar eine "Ongoing-Research"-Arbeitsgruppe zur Unterstützung der WHO, bis sich herausstellte, dass dies ein Fass ohne Boden war und die personellen Resourcen bei weitem nicht ausreichten. Auch Joe Morrissey und später Joe Elder haben sich an dieser Aufgabe die Zähne ausgebissen. Das stets unfertige Ergebnis war ein fehlerhaftes Sammelsurium weltweiter EMF-Forschungsaktivitäten – neben einer durchaus besseren Sammlung bereits publizierter Ergebnisse. Bis heute wird bei der WHO versucht, die ehemaligen Inhalte der "EMF database" in die allgemeine WHO-Datenbank, die eine große Vielfalt verschiedener Daten verwaltet, einzupflegen – bislang ohne durchgreifenden Erfolg.

Diagnose-Funk rechtlich nicht angreifbar

Diagnose-Funk bedient sich seit langem ausgiebig beim EMF-Portal und benutzte die abgegriffenen Informationen zum Schüren von Ängsten gegenüber EMF. Die Verantwortlichen des Portals wissen das und sind sich darüber im Klaren, dass ihre frei verfügbaren Daten nicht immer in erfreulicher Weise genutzt werden. Das ist der Nachteil, wenn in demokratischem Bewusstsein Wissen in bester Absicht frei zur Verfügung gestellt wird. Es ist sogar ausdrücklich als besonderer Service für angemeldete EMF-Portal-Nutzer vorgesehen, dass diese sich Artikel wünschen können, die dann bevorzugt inhaltlich aufbereitet werden. Rechtsmittel gegen Diagnose-Funk sind daher für das Portal kein Thema, denn die Zweckentfremdung der Informationen, die vom EMF-Portal abgegriffen werden, ist ja rechtlich nicht anzugreifen.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
WHO, EMF-Portal, Diagnose-Funk, BfS, Trittbrettfahrer, StudienReport, RWTH, FEMU, WHO-Referenzdatenbank, Forschungsprojekte


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