Budzinski: 1,2 Millionen Menschen fühlen sich krank (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Sonntag, 14.01.2018, 21:51 (vor 699 Tagen) @ H. Lamarr

Die verschrobene Rechtsauffassung des Ex-Verwaltungsrichters Budzinski, Freiburg, in Bezug auf die Mobilfunkversorgung der Bevölkerung führte in der Anfangsphase von Budzinskis Wirken in der deutschen Anti-Mobilfunk-Szene zu einer Anfrage der FDP-Fraktion im Freiburger Rathaus.

In der Badischen Zeitung legte Budzinski am 16.07.2010 mit einem Leserbrief los, dem er den plakativen Titel gab "Mobilfunk: 1,2 Millionen Menschen fühlen sich krank". Für einen Verwaltungsrichter im Ruhestand eine nach meinem Geschmack eher ungewöhnlich reißerische Formulierung.

Der erste Satz (weiter bin ich nicht gekommen) von Budzinskis Ausführungen lautet:

Nach Auffassung des schweizerischen Umweltamts Bafu ist der Zusammenhang zwischen stärkerem Mobiltelefongebrauch und Kopfschmerzen "so weit überzeugend, dass andere Faktoren mit großer Sicherheit ausgeschlossen werden können";

Nanu, das soll das Bafu gesagt haben? Klingt fast nach einem Kausalzusammenhang! Da ich die Standpunkte dieses Amtes gut kenne, kam mir Budzinskis Behauptung auf Anhieb spanisch vor. Eine Schnellrecherche im www, notwendig, da der Ex-Richter keine exakten Quellenangaben macht, zeigte denn auch das erwartete Ergebnis: Die von Budzinski zitierte Phrase findet sich nicht beim Bafu, wohl aber (teils auch sinngemäß) auf diversen Anti-Mobilfunksites wie ...

Diagnose-Funk
Vortrag Peter Hensinger
Kein Funk am Gym (Hensinger-Vortrag)
– usw.

Mutmaßlich ist Hensinger (2008) die Primärquelle des Zitats, alle anderen haben, ohne den Wahrheitsgehalt zu prüfen, einfach nur abgeschrieben.

Wie aber kommt Hensinger dazu etwas zu behaupten, was in der oben genannten Formulierung keinen Suchtreffer beim Bafu hervor bringt? Nach einigem hin und her fand ich die Quelle, aus der Hensinger schöpfte, es ist das Dokument "Hochfrequente Strahlung und Gesundheit", herausgegeben vom Bafu im September 2006. In der Zusammenfassung des 165 Seiten umfassenden Dokuments heißt es zu Kopfschmerzen:

Zum Auftreten von unspezifischen Symptomen wie Kopfschmerzen, Unwohlsein, Müdigkeit, Schwindel und Brennen auf der Haut bei der Benutzung eines Mobiltelefons fanden nicht alle neuen Studien einen Zusammenhang, teilweise bestanden erhebliche methodische Mängel. Zusammen mit den Resultaten der früheren skandinavischen Studien (vgl. UM 162) wird dennoch weiterhin als wahrscheinlich bewertet, dass stärkerer Mobiltelefongebrauch mit der Häufigkeit von unspezifischen Symptomen assoziiert ist. Ob diese Zunahme durch die hochfrequente Strahlung oder durch andere Begleitfaktoren des Mobiltelefonierens wie z. B. ein erhöhtes Stressniveau verursacht wird, kann nicht beurteilt werden.

Die von Hensinger, Diagnose-Funk, Budzinski und anderen verbreitete Formulierung ist das Ergebnis einer Zitatverfälschung, die dicht an eine Zitatfälschung heranreicht. Denn das Bafu hat nirgends geschrieben, was ihm von den Mobilfunkgegnern in den Mund gelegt wird. Es hat in ganz anderem Zusammenhang (Erklärung der Evidenzstufe "Wahrscheinlich") wohl aber geschrieben:

Wahrscheinlich: Ein Effekt wird als wahrscheinlich klassiert, wenn er mehrfach relativ konsistent und unabhängig festgestellt wurde. Die Qualität der Studien ist so weit überzeugend, dass andere Faktoren mit grosser Sicherheit ausgeschlossen werden können. Ein plausibler Wirkungsmechanismus fehlt.

Hensinger, gelernter Drucker im Ruhestand, mixt aus den beiden oben rot markierten Textpassagen mutwillig und ohne Skrupel eine neue dritte Textpassage zusammen, um vermeintlich belegen zu können, die Korrelation von EMF und Kopfschmerzen werde von dem eidgenössischem Bundesamt als wahrscheinlich und konsistent klassifiziert, mit hoher Evidenz, und zwar "so weit überzeugend, dass andere Faktoren mit großer Sicherheit ausgeschlossen werden können". Und Budzinski schreibt diesen Stuss 1:1 für seinen Leserbrief ab!

Mir fehlen die Worte, denn wer auch nur einen Funken Textverständnis aufbringt, kann erkennen: Das Bafu hält es 2006 trotz stellenweise mieser Studienqualität noch immer für wahrscheinlich, dass intensiver Mobiltelefongebrauch mit einer Häufung unspezifischer Symptome einhergeht, doch es lässt völlig offen, ob die Ursache dieser Symptome in der Strahlung zu sehen ist oder in stressigen Begleitumständen des Handytelefonierens (z.B. Autofahren, Muskelverspannungen, böse Blicke von Mobilfunkgegnern ...). Der angeblich zum Greifen nahe Kausalzusammenhang, den die Mobilfunkgegner einem Glauben machen wollen, er war auch 2006 schon so weit weg wie heute.

Fazit: Trau' keinem Mobilfunkgegner unbesehen, wenn er dir Zitate andient!

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Copy-Paste, Leserbrief, Hensinger, Kausalzusammenhang, Zitatverfälschung, Trick, Marionette, Bafu, Budzinski


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