Jörn Gutbier: Diagnose Brummton (Allgemein)

H. Lamarr @, München, Samstag, 16.07.2016, 11:31 (vor 1353 Tagen)

Leinfelden-Echterdingen hat ungefähr 37'000 Einwohner, drei Dutzend davon wollen einen tieffrequenten Brummton hören, der ihnen das Leben zur Hölle macht. Das Problem erinnert an überzeugte Elektrosensible, die sagen, sie würden unter sehr schwacher Funkeinwirkung unangenehme körperliche Symptome erleben. Sind die Funkwellen wenigstens noch messbar, sieht es bei dem Brummton, der sich in den Medien zu einem beliebten Füllthema für die Saure-Gurken-Zeit entwickelt hat, aus Sicht der Aufsichtsbehörden häufig anders aus. Diese unscharfe Gemengenlage, wenn einige Überzeugte sich gesundheitlich durch diffuse Fremdeinwirkung betroffen sehen und gegenüber dem Rest der Welt auf irgendwelche Rechte pochen, lockt sogenannte Baubiologen an wie das Licht die Motten.

Üblicherweise betreut Jörn Gutbier aus Herrenberg zwar Kunden, die sich von hochfrequenten Mobilfunkfeldern betroffen sehen, doch frei nach dem Motto "Welle ist Welle" ist der Baubiologe jetzt auch in Leinfelden-Echterdingen zur Stelle, um als "Fachmann" den Betroffenen anlässlich der dortigen niederfrequenten Heimsuchung beizupflichten. Denn so wie Gutbier den allgegenwärtigen Mobilfunk für eine Ausgeburt der Hölle hält, hat er keine Zweifel, Brummtonhörer nehmen tatsächlich ein Brummen sinnlich wahr. Als mögliche Urheber sieht er Gasleitungen, Gasverdichtungsanlagen, Wärmepumpen oder Kühlaggregate. Psychische Ursachen sieht Gutbier nicht. Er glaubt zu wissen: "Es kommt von außen und hat eine technische Ursache". Dabei sieht es bei Gutbiers zweitem Standbein, dem Mobilfunk, aus wissenschaftlicher Sicht ganz anders aus: Dort gelten bei "Elektrosensiblen" nach aktuellem Stand der Forschung psychische Ursachen als wahrscheinlichster Auslöser für die wahrgenommenen Symptome. Kein "Elektrosensibler" konnte bislang seine behauptete Strahlenfühligkeit unter strenger wissenschaftlicher Aufsicht nachweisen. Pseudowissenschaftler hingegen attestieren, nicht selten gegen Honorar, reihenweise "Elektrosensibilität", was den Betroffenen solange Erleichterung verschafft, bis sie merken, ein nutzloses Stück Papier in Händen zu halten.

Ebenso wie "Elektrosensible" sind auch "Brummtonhörer" von diversen "Experten" umgeben, die den Betroffenen zu Diensten sind und trügerische Hoffnungen verbreiten, um sich selbst länger im Spiel zu halten. So sind die in den oben verlinkten Quellen geschilderten Untersuchungen für die Untersucher bestimmt ertragreich. Möglicherweise verschlingt die Suche nach Eisbären in der Sahara sogar ein Vermögen. Sinnvoller wäre aus meiner Sicht, von den Betroffenen systematisch Audiogramme ihres individuellen Hörvermögens anzufertigen, und die Werte mit Messwerten vor Ort zu vergleichen, ob ein messbarer Brumm überhaupt die Hörschwelle überschreitet. Erstaunlicherweise ist diese simple Objektivierung in den Medienberichten kein Thema, stattdessen wird dort der zweite Schritt vor dem ersten gemacht: Wie "Elektrosensible" träumen auch "Brummtonhörer" davon, die Politik erfolgreich "unter Druck" setzen zu können. Doch dieser Traum wird mMn nicht in Erfüllung gehen, solange die überwiegende Mehrheit der seriösen Wissenschaft keine Notwendigkeit zum Handeln sieht und die selbsternannten Experten aus dem Umfeld der Betroffenen nicht vertreibt.

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Nicht die Masten sind das Problem, sondern die Handys!

Tags:
Objektivierung, Brummton, Gutbier


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