Wird Elektrosensibilität durch Nocebo-Reaktionen versursacht? (Forschung)

Gast, Samstag, 09.04.2016, 20:35 (vor 2485 Tagen) @ H. Lamarr

Der aktuelle Berenis-Newsletter bespricht die Arbeit von Dieudonné, 2015, auf eine Weise, mit der auch Laien klar kommen sollten. Die Spur, die der Franzose gefunden hat, weist auf einen Therapieansatz hin:

Ziel der qualitativen Studie von Dieudonné (2015) war zu untersuchen, wie das Phänomen der elektromagnetischen Hypersensibilität (EHS) entsteht und welche Rolle Nocebo-Effekte dabei spielen. Für EHS gibt es keine objektiven diagnostischen Kriterien, sie beruht definitionsgemäss auf der eigenen Einschätzung der Betroffenen. Unter Nocebo-Effekt versteht man die krankmachende Wirkung einer Exposition aufgrund der Erwartungshaltung des Betroffenen, also das Gegenstück zum Placebo-Effekt. Für diese Studie wurden 40 Personen (11 Männer und 29 Frauen) befragt, die an EHS leiden und ihren Lebensstil entsprechend angepasst hatten (z.B. Entfernen elektrischer Geräte aus der Wohnung). Die Studienteilnehmer wurden über Anzeigen gefunden, die in EHS-Selbsthilfegruppen und anderen EMF-Netzwerken in Frankreich publiziert wurden. Die Interviews wurden an von den Teilnehmern ausgewählten Orten mithilfe einer standardisierten qualitativen Methode durchgeführt. Basierend auf den Interviews wurde ein Modell für den Zuordnungs-Prozess zu EMF entwickelt. Das typische lineare Modell besteht aus sieben Stadien: (1) Einsetzen der Beschwerden, (2) keine (medizinische) Erklärung und Lösung, (3) Entdecken von EHS, (4) Sammeln von Informationen über EHS, (5) eigene EHS wird in Betracht gezogen, (6) Experimentieren (Durchführen kleiner Selbstversuche), (7) eigene EHS wird akzeptiert.

Der Autor betont, dass die Befragten typischerweise angaben, dass das Einsetzen der Beschwerden erfolgte, bevor Umwelteinflüsse als Grund dafür in Betracht gezogen wurde, und dass die meisten der Befragten zum Zeitpunkt des Beginns ihrer Beschwerden nicht wussten, was elektromagnetische Felder sind. Folglich ist ein Nocebo-Effekt als Erklärung für den Beginn der Beschwerden unwahrscheinlich, könnte aber im sechsten Stadium des Prozesses dazu kommen und die Zuordnung zu EMF bekräftigen. Dem Studiendesign entsprechend dürften die befragten Personen eher an einer schweren Form von EHS leiden. Zum besseren Verständnis von EHS schlägt der Autor vor, diese Menschen als Patienten zu begreifen, die an medizinisch nicht erklärten Beschwerden leiden, welche sie schliesslich der EMF-Exposition zuschreiben. Diese Zuordnung ermögliche es ihnen, zunächst ihre Beschwerden zu verstehen, um dann entsprechend handeln zu können. Dies biete ihnen die Möglichkeit, sich selbst im Hinblick auf die Beschwerden oder Krankheit zu stärken. Die Zuordnung der Beschwerden zu EMF sei das einzig gemeinsame bei EHS, wobei dies bei praktisch jeder Art von Symptomen vorkomme. Es sei deshalb nicht erstaunlich, dass sich EHS nicht in klinischen oder experimentellen Kategorien objektivieren lasse.

Tags:
Nocebo, Objektivierung, Erwartungshaltung, Elektrochonder, Selbstversuch, BERENIS, Dieudonné, krankmachend, Flyer: Mobilfunk, Sendeanlagen


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